Pinneberg
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„Shared Space“ – viele Künstler, ein Atelier

Die Künstlerinnen Sylvia Henze (v.l.), Erdmute Prautzsch, Drostei-Leiterin Stefanie Fricke. Corinna Altenhof und Angelika Bleicker-Schäfer in der Drostei.

Die Künstlerinnen Sylvia Henze (v.l.), Erdmute Prautzsch, Drostei-Leiterin Stefanie Fricke. Corinna Altenhof und Angelika Bleicker-Schäfer in der Drostei.

Foto: Katja Engler

Sie arbeiten Seite an Seite in der Hamburger Speicherstadt und stellen nun in der Pinneberger Drostei aus.

Pinneberg.  Was woanders als brandneu propagiert wird, ist für zehn Künstler in der Hamburger Speicherstadt längst Realität: „Shared Space“. Sie teilen sich den Raum eines alten Speichers und haben dort alle ihre Ateliers. „Shared Space“ heißt deshalb die sehr inspirierende Ausstellung in der Drostei, die Stefanie Fricke mit Werken der Künstler kuratiert hat. Kultur sei „ein zentraler Bereich, um Demokratie zu stärken“, so Fricke. In der Ausstellung geht es ihr um die friedliche Koexistenz verschiedener (Kunst-)Welten: „Jeder darf sein, wie er ist, ohne sich zu verbiegen, und es herrscht Respekt.“

Das ist schon beim Rundgang zu spüren, bei dem jede Künstlerin der anderen aufmerksam zuhört. Nach und nach baut sich zwischen ihren Werken ein unmerklicher Dialog auf. Fülle und Leere, Dezenz und Überschwang etwa sind Thema im ersten großen Raum. Das von Gesichtern und Farbwirbeln erfüllte Bild von Barbara-Kathrin Möbius (die im Treppenhaus eine Serie fantastischer, karikierender Zeichnungen zeigt) und die aus Fundstücken fragil verknäuelte Installation von Antje Bromma auf der einen Seite. Auf der anderen: Peter Boués suggestive schwarz-weiße Fettkreidezeichnungen verlassener, verschatteter Räume und Nikos Valsamakis’ vornehm gedeckte, fast monochrome Malerei.

Bienenwachs dagegen, gemischt mit Pigmenten, ist der Werkstoff von Corinna Althoff, die damit eine beinahe plastische Farbwirkung in Matt erzielt. Aus Wachs, in das sie Pigmente einreibt, formt sie auch ein Kleid, das ohne Figur für sich steht – als Symbol für eine Hülle, für Schutz und Wärme. Eigenschaften, die auch das Wachs mitbringt.

George Batailles obszöne Geschichte von Madame Edwarda hat die Künstlerin Kyung-hwa Choi-ahoi zu einer typografisch und gestalterisch gut gemachten Bildergeschichte verarbeitet, die mit den Worten endet: „Er selbst in Ekstase über eine Leere… Und jetzt?“

Was Menschen miteinander tun, wie sie sich schützen oder auslöschen – dazu formuliert Sylvia Henze eine weitere Position, die den Krieg auf der einen und die bürgerliche Genießeridylle auf der anderen in einer sehr gut verständlichen Installation in ein Spannungsfeld setzt, zu dem das Foto einer Bombenexplosion im Fensterkreuz passt: Hier wird von Porzellan gespeist und Wein kredenzt, dort gelitten und gestorben.

Im Treppenhaus und oben hängen passend dazu die Bilder von Angelika Bleicker-Schäfer, die die menschliche Gefühlswelt so bannt, dass sie gleichermaßen in Gesichtern, Wolken und Landschaften aufscheint. Aus Bäuchen, Beinen und Mündern formt sie überdies gelungene Collagen zwischen Eros und Tod: Bataille lässt grüßen – und ihre Kollegin Claudia Stapelfeld. Deren ebenso witzige wie Sexismus-kritische Filz-Arbeiten hängen direkt nebenan: Aus gelbem, weißem und pinkfarbenem Filz hat Stapelfeld eine „Fleisch-Bar“ erschaffen, vor der sich zwei nackte Filzfrauen darbieten. Gegenüber stehen diverse T-Shirts zur Wahl – in Brusthöhe räkelt sich darauf je ein Pin-up-Girl...

Die einzige rein abstrakte Position nimmt Erdmute Prautzsch ein. Sie variiert farbige, schräg angeordnete Streifen in festen Rahmen so, dass immer neue, spannende Raumgefüge entstehen.