Pinneberg
Einzelhandel

Hetlingens Marschtreff setzt auf unverpackte Ware

Angelika Kock-Wenzel vom Marschtreff in Hetlingen mit Geschirrspülmittel und Reis – beides verkauft das Team des Dorfladens unverpackt.

Angelika Kock-Wenzel vom Marschtreff in Hetlingen mit Geschirrspülmittel und Reis – beides verkauft das Team des Dorfladens unverpackt.

Foto: Thomas Pöhlsen

Im Hetlinger Dorfladen gibt’s zurzeit Reis und Geschirrspülmittel zum Abfüllen in mitgebrachte Gefäße. Weitere Produkte sollen folgen.

Hetlingen. Der kleine Hetlinger Dorfladen arbeitet mit an der Zukunft des Einkaufens. Im Marschtreff können Kunden die ersten Produkte ohne Umverpackungen kaufen. „Wir wollen etwas tun, um Plastikmüll zu vermeiden und damit gleichzeitig einen Beitrag für den Umweltschutz leisten“, sagt Angelika Kock-Wenzel, Vorstand der Genossenschaft, die den Marschtreff trägt. Es ist nicht das einzige Projekt, mit dem sich die Hetlinger auf den Weg zu einer besseren Einkaufswelt machen.

Mit Geschirrspülmittel und Pulver für Geschirrspülmaschinen ist das Stückgut-Zeitalter in dem Dorfladen eingeläutet worden. Dass das Pulver schon wieder aus dem Sortiment genommen worden ist, hat nichts mit der Form der Verpackung zu tun. „Es hat das Geschirr nicht gut gereinigt“, sagt Angelika Kock-Wenzel. Dann half der Zufall ein bisschen mit, dass ein weiteres Produkt hinzukam. Aus Versehen bestellte das Marschtreff-Team Reis nicht in handelsüblichen Packungen, sondern in einem großen Sack. Die Genossen machten aus der Not eine Tugend und verkaufen den Reis jetzt in 500-gramm- oder ein-kilogrammweise. „Die Hetlinger bringen ihre Tupperschüsseln oder Gläser mit“, berichtet die Vorstandsvertreterin. Allerdings nutzen noch nicht viele Hetlinger diesen Service, muss sie zugeben. „Es dauert seine Zeit, bis sich so etwas durchsetzt“, sagt Angelika Kock-Wenzel.

Die Marschtreff-Macher wollen den Unverpackt-Trend weiter vorantreiben. Dazu haben sich die Vorstände umgeguckt im Mekka der neuen Einkaufskultur, dem Unverpacktladen in Hamburg-Ottensen, sowie in Bioläden im Kreis, die ebenfalls mit dem neuen Trend experimentieren. Es gibt sogar schon Ladenbauer, die Systeme anbieten, mit denen eine umfangreiche Palette von Produkten verkauft werden kann, berichtet Angelika Kock-Wenzel. Doch die seien leider zu massiv für den Hetlinger Laden, der nur 30 Quadratmeter groß ist. Allerdings wollen sich die Hetlinger nicht entmutigen lassen. Ein Tischler unter den Genossen tüftelt an kleineren Lösungen.

Sammelbestellung beim Bio-Großhändler

Nachhaltiger Einkauf wird auch noch auf einer zweiten Schiene gepflegt. Über den Marschtreff hat sich eine Gruppe von Hetlingern zusammengetan, die einmal im Monat eine Großbestellung bei einem Hamburger Bio-Lebensmittelgroßhändler ordert. An einem Abend im Monat treffen sie einander, um die Aufträge zu sammeln. An einem Sonnabend werden die Lebensmittel angeliefert, und jeder Kunde holt sich seine Ware im Marschtreff ab.

Beim Marschtreff kann man sich auf die Unterstützung durch renommierte Unternehmen aus der Region verlassen. So wird der Einkauf der Waren über Edeka Ermeling in Uetersen organisiert. Und die Stadtwerke Wedel sponserten dem Marschtreff einen Profi-Kühlschrank, damit verderbliche Produkte wie Milch und Joghurt gelagert werden können.

Im Marschtreff werden nicht nur die wichtigsten Lebensmittel des täglichen Bedarfs verkauft. In die Räumlichkeiten ist ebenfalls ein Café integriert. Dort verkauft das Team Kaffee und Kuchen, dort kommen Gruppen zusammen, etwa Sportler des HMTV. Es gibt regelmäßige Veranstaltungen, zum Beispiel ein Kickerturnier für den Dorfnachwuchs. Und: Hetlingen Künstler stellen aus. Im Dorf produzierte Marmelade und Honig gibt es auch zu kaufen.

Draußen hängt ein Automat mit Fahrradflickzeug

Das Wort Service hat hier eine ganz vielfältige Bedeutung. Für Fahrradfahrer, die durch die Marsch fahren, hängt draußen vor der Tür ein Automat, an dem sie sich jederzeit Flickzeug oder neue Schläuche ziehen können. Es gibt auch ein Büchertauschregel, und wer mal einen Anhänger braucht, kann ihn für zehn Euro am Tag mieten.

Der Marschtreff ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Beitrag der Hetlinger zu einem zukunftsorientierten Leben auf dem Lande. So gehörten sie zu den Ersten, die eine Bürgersolaranlage auf dem Dach des gemeindlichen Kindergartens Strom produzieren ließen. Und 2013 hat sich Hetlingen per Gemeinderatsbeschluss auf den Weg zu einer nachhaltigen Gemeinde gemacht. Drei Jahre hintereinander konnte der Ort einen Unesco-Preis im Rahmen des „Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erringen. Das letzte Mal im Jahr 2018 konnten sich nur fünf weitere Orte in Deutschland mit dieser Auszeichnung schmücken.

Kindergarten und Grundschule heimsen Umweltpreise in Reihe ein. Ein wichtiger Akteur in Sachen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Bildung ist der größte Arbeitgeber im Dorf. Der Abwasser-Zweckverband hat gerade eine Resolution gegen Mikroplastik auf den Weg gebracht. Um gegen die unsichtbare Bedrohung aktiv zu werden, hat der AZV eine Strategie zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung entwickelt. „Es gibt eben viele Bürger, Firmen und Einrichtungen, die sich für das Gemeinwohl und die sinnvolle Gestaltung unserer Zukunft einsetzen“, freut sich Angelika Kock-Wenzel.