Pinneberg
Kreis Pinneberg

Ex-Landrat Harms schießt gegen Jägerschaft

Sabine Reimer-Mortensen und Berend Harms vor dem Schießstand in Heede, dessen Erweiterung sie verhindern wollen.

Sabine Reimer-Mortensen und Berend Harms vor dem Schießstand in Heede, dessen Erweiterung sie verhindern wollen.

Foto: Burkhard Fuchs

Anwohner wollen Erweiterung der Schießanlage in Heede verhindern. Gemeinde Lutzhorn hat Anwalt eingeschaltet, um B-Plan anzugreifen.

Heede/Lutzhorn.  Der Haussegen hängt schief im Amt Rantzau. Die geplante Erweiterung des Schießstandes in Heede hat die Nachbarn auf den Plan gerufen. Die Gemeinde Lutzhorn, durch die die Zufahrt zum Schießplatz führt, hat einen Kieler Anwalt eingeschaltet, weil sie zunehmenden Verkehr fürchtet. Und auch der nächste Anwohner des Schießstandes, Ex-Landrat Berend Harms, will den Ausbau verhindern. Er hatte schon 1979 gegen die Verlegung des Schießstandes von Bokholt-Hanredder nach Heede geklagt.

„Die Kreisjägerschaft hält sich schon heute nicht an die Auflagen der Behörden“, ärgert sich der ehemalige Landrat des Kreises Pinneberg, der Harms von 1991 bis 2003 war. Es sei schon so viel bei der Planung schief gelaufen, dass das Projekt auf keinen Fall genehmigt werden dürfe, fordert Harms. „Hier soll eine kommerziell nutzbare Sportstätte errichtet werden, die zu erheblich mehr Lärm und Verkehr führen wird.“ Das könne den unmittelbaren Nachbarn und Betroffenen nicht zugemutet werden.

Heedes Bürgermeister Reimer Offermann sagt dazu: „Wir handeln strikt nach Recht und Gesetz.“ Da die Bauvoranfrage der Kreisjägerschaft, die von ihr seit 1981 betriebene Schießanlage um eine 300-Meter-Bahn mit Schießkino und Ausstellungsräumen von präparierten toten Tieren zu erweitern, nach dem geltenden Recht nicht möglich war, sei 2018 mit Abstimmung der Kreis- und Landesbehörden ein reguläres Bauleitverfahren in Gang gesetzt worden, dessen Kosten der Investor trägt. Bis Anfang Februar 2019 lagen dafür die Pläne öffentlich aus.

„Für die Gemeinde Heede ist entscheidend, dass der Lärm und Verkehr nicht über den jetzigen Ist-Zustand hinausgeht“, betont Offermann. Auch seine Gemeinde habe damals den Schießstand nicht gewollt und dagegen geklagt, müsse nun aber damit leben. Deshalb könne er seinen Amtskollegen in Lutzhorn verstehen, wenn der sich jetzt Rechtsbeistand holt. „Ich habe ihm sogar dazu geraten“, sagt Offermann. Hans-Jürgen Kublun, Bürgermeister von Lutzhorn, sagt: „Wir gehen davon aus, dass mit der Erweiterung des Schießstandes der Verkehr mitten durch unser Dorf zunehmen wird, was schon heute gefährlich und prekär ist, weil er an Schule und Kindergarten vorbeiführt.“

In den Planungsunterlagen, die das Elmshorner Ingenieurbüro Reese und Wulff für die Jägerschaft vorgelegt hat, heißt es, dass sich die Zahl der täglichen Nutzer von 78 auf 132 und die Zahl der Fahrzeuge zum Schießstand von 20 auf 29 pro Stunde bei maximaler Auslastung erhöhen könnte. Für die Anwohner Harms und Sabine Reimers-Mortensen aus Lutzhorn geht es vor allem darum, den Lärm vom Schießplatz auf das jetzige Ausmaß zu beschränken. Dabei sind zwei Punkte strittig. Der eine betrifft den Zeitraum, in dem geschossen werden darf. Mit seiner Klage vor dem Verwaltungsgericht vor 40 Jahren konnte Harms zwar den Bau des Schießstandes nicht verhindern. Aber immerhin gelang es ihm durch das Gerichtsverfahren, dass der Kreis Pinneberg 1979 und 1980 für den Schießstand klare Öffnungszeiten festlegte.

Demnach darf in Heede nur mittwochs und sonnabends jeweils von 8 bis 12.30 Uhr sowie 14 bis 18.30 Uhr sowie freitags von 14 bis 18.30 Uhr geschossen werden. Das sind 22,5 Stunden pro Woche. Zudem darf an fünf Sonntagen im Jahr ebenfalls von 8 bis 12.30 Uhr geschossen werden. In den B-Plan-Unterlagen von Reese und Wulff sind andere „derzeit gültige Öffnungszeiten“ aufgeführt. Zwar auch die genannten drei Tage, aber zusätzlich der Freitagvormittag sowie nachmittags jeweils von 13 bis 19 Uhr, also neun Stunden länger als vom Kreis erlaubt. Außerdem sind zehn zusätzliche Tage pro Jahr „für Wettkämpfe und Veranstaltungen“ genannt.

Als die Anwohner auf diese Ausweitung öffentlich hinwiesen, stellte die Jägerschaft sie als „falsche Behauptungen“ dar. Eine schriftliche Nachfrage des Abendblatts dazu blieb unbeantwortet. „Ich finde es einfach dreist, wie hier von der Kreisjägerschaft mit den Betroffenen umgegangen wird“, ärgert sich Reimers-Mortensen. „Wir werden veräppelt.“

Der zweite Streitpunkt betrifft die Nutzer des Schießstandes. So heißt es in dem Genehmigungsbescheid des Kreises Pinneberg vom August 1985: „Der Schießstand dient ausschließlich der Ausbildung der Jäger der Kreisgruppe Pinneberg im Landesjagdverband Schleswig-Holstein.“ Doch die Schützen gingen weit darüber hinaus, sagen Harms und Reimers-Mortensen. So hätten 2016 und 2018 Deutsche und Landes-Meisterschaften im Tauben- und Jagdparcours-Schießen der Sportschützen sowie ein überregionales Tonscheiben-Schießen im Juli 2018 auf dem Schießplatz stattgefunden. Auch dazu fragte das Abendblatt bei der Jägerschaft nach, ohne bislang eine Erklärung erhalten zu haben.

Kreissprecher Oliver Carstens betont, diese Einschränkung auf die Kreisjägerschaft gelte nur für den Kurzwaffenschießstand, um den der Schießplatz 1985 erweitert wurde. Er verweist auch auf ein Lärmgutachten, das 2014 ergeben habe, dass der Schall vom Schießstand unterhalb der Grenzwerte an den nächstgelegenen Häusern geblieben sei. Die Jägerschaft wirft den Gegnern des Ausbaus vor, „unbegründete Stimmungsmache“ zu betreiben und schreibt: „Die Polizei beispielsweise übt seit langer Zeit in Heede. Wer den Ausbau verhindert, macht der Polizei das Leben schwerer, weil von früher mehr als 50 Schießständen in Schleswig-Holstein nur noch rund 15 übrig geblieben sind.“

Genau das sei Stimmungsmache der Jäger, um einen gesellschaftlichen Auftrag zu konstruieren, den es gar nicht gebe, sagt Harms. Er habe diesbezüglich das Innenministerium angeschrieben und das habe ihm im Oktober 2018 geantwortet. „Die Polizeidirektion Bad Segeberg hat bislang keine Schießausbildung in Heede durchgeführt“, heißt es in dem Schreiben. Vielmehr habe die Kreisjägerschaft der Polizei angeboten, den Schießstand zu nutzen und „bei entsprechendem Interesse auch die Wünsche der Polizei bei der Planung berücksichtigen“ zu wollen, schreibt Ministeriums-Büroleiter Christoph Münch.

Text geändert am 5. März 2019