Pinneberg
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Eine Ausstellung, die niemals fertig ist

Drostei-Leiterin Stefanie Fricke mit Michael Heering vor seinem Werk „Pink Teen feeds Pink Paint“ bei der Ausstellungseröffnung am Sonntag.

Drostei-Leiterin Stefanie Fricke mit Michael Heering vor seinem Werk „Pink Teen feeds Pink Paint“ bei der Ausstellungseröffnung am Sonntag.

Foto: Burkhard Fuchs

Kulturkritik: Die Pinneberger Drostei zeigt und ändert bis März die vielschichtigen Bilder des Drostei-Preisträgers Michael Heering.

Pinneberg.  Der Künstler legt sich nicht fest, lässt sich nicht greifen. Die Drostei-Leiterin Stefanie Fricke will am Sonntagvormittag gerade ihre neue Ausstellung eröffnen. Etwa 70 Besucher der Vernissage warten gespannt darauf, was sie zu sagen hat. Doch der Maler ist verschwunden. „Die Drostei ist so groß. Hier kann man sich gut verstecken“, klagt Fricke und wartet geduldig, bis Michael Heering dann wie aus dem Nichts auftaucht. Er mischt sich fast scheu unter die Leute.

Bis März sind im Kreiskulturzentrum seine großformatigen Ölbilder zu sehen. „Some Days Television“ heißt die Ausstellung, die über alle drei Etagen des barocken Hauses zu besichtigen ist. In diesen „erlauchten Räumen“ kämen seine Bilder sehr gut zur Wirkung, lobt Kunstkritiker Harald Nicolas Stazol, der Heering seit 15 Jahren gut kennt, in seiner launigen Rede.

Der in Hamburg lebende, in Schenefeld aufgewachsene Drostei-Preisträger von 2017 sei das künstlerische Gegenstück zum italienischen Maler Jacopo Tintoretto, der „kleine Färber“, der im 16. Jahrhundert seine Bilder schon fertig hatte, als andere Maler noch ihre Farben mischten, zitiert Stazol einen Zeitgenossen des berühmten Venezianers, Giorgio Vasari. Heering dagegen scheint nie fertig zu werden. Immer wieder übermalt er seine großflächigen Bilder, teilweise über Jahre hinweg. Da steht dann keine Jahreszahl, sondern ein Zeitraum, 2011 bis 2019, unter seinen Bildern. So sei der dunkle Hintergrund eines seiner Werke vor 15 Jahren noch gelb gewesen, weiß Stazol. „Der Künstler entwickelt das „Werk wie das Werk den Künstler entwickelt.“

Diese vielschichtige Metamorphose, der sich Heering beim Malen verschrieben hat, gilt auch für die Ausstellung, erklärt Stefanie Fricke. Seine Ölbilder habe Heering quasi bis kurz vor der Eröffnung der Ausstellung vorbeigebracht - als ob er noch bis gerade eben daran herumgemalt habe. „Wir haben sie hier praktisch zum Trocknen aufgehängt“, sagt Fricke schmunzelnd und das Publikum lacht beeindruckt. Wenn sie ihm keinen festen Termin vorgegeben hätte, würde „er immer noch mit seinem Pinsel im Atelier stehen“, sagt sie überzeugt.

Heerings Werk habe etwas Unvollendetes, darum sei auch die Ausstellung nicht fertig, erklärt Fricke. Zahlreiche Werke des Malers habe sie aus Platzgründen noch gar nicht aufhängen können. Das werde sich in den nächsten Wochen ändern. „Wir werden die Bilder tauschen und wechseln“, kündigt sie an. So könnten die Besucher gern noch ein zweites und drittes Mal wiederkommen und immer etwas Neues entdecken.

„Es geht mir um das Malen an sich, nicht darum, möglichst viele Bilder zu malen“, erklärt Heering seine Leidenschaft für das ständige Weiterarbeiten an einem Bild – und das Übermalen von neuen, mal kräftigen, mal düsteren Farbschichten oder den wie hingetupft wirkenden, meist abstrakten Gestalten, die rätselhaft bleiben und kaum zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden sind. „Das ist ein Prozess“, erklärt der Maler. „Ich lebe mit meinen Bildern. Sie verändern sich.“ So wie sich im Laufe der Zeit die Erinnerung an einen sechsten Geburtstag verändere.

Fertig, vollendet sei ein Bild, wenn es einen Titel habe und ausgestellt sei, sagt der Künstler. Dann sei er mit seinem Schaffen zufrieden. Erst wenn die letzte Schicht Ölfarbe aufgetragen ist, bekäme es seinen Namen. Das können dann deutsche - „Die Zeit ist um“ - oder englische Titel sein wie „The Reason why“ oder verrückte Beschreibungen wie „Pink Teen feeds Pink Paint“ unter einem verschwommenen Akt.

Heering liebt die Überraschung, zerlegt die Bilderflut des Multimedienzeitalters mit einer vielsagenden Kunst in ihre Bestandteile. Im Obergeschoss zeigt er dazu die Werke befreundeter Künstler - „mein Kontext“ - aus seiner Galerie Genscher. Auch wieder so ein Kunstwort, zu dem ihn der Song der „Goldene Zitronen“ „Porsche, Gensscher, Hallo HSV“ inspiriert habe.

Kunstausstellung: „Michael Heering - Some Days Television“, Landdrostei, Pinneberg, bis 3. März. Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.