Pinneberg
Schenefeld

Wie die Frau in Rot Schenefeld betörte

Die Mezzosopranistin Flaka Goranci brillierte mit ihrer Carmen-Interpretation.

Die Mezzosopranistin Flaka Goranci brillierte mit ihrer Carmen-Interpretation.

Foto: Thomas Pöhlsen

Kulturkritik: Feurige Opernklänge trifft auf die leichte Muse bei der Neujahrsgala der Pinneberger Drostei im Schenefelder Forum.

Schenefeld.  Fast familiär hat Moderatorin Stefanie Fricke die Gäste der Neujahrsgala im Schenefelder Forum am Freitagabend begrüßt. „Da sind Sie ja alle wieder“, eröffnete sie das Klassikkonzert. „Lauter Wiederholungstäter.“ Die Ersten hätten schon im Sommer die Karten erworben. Damals sei es doch so heiß gewesen, dass eigentlich noch keiner an ein Neujahrskonzert denken konnte, sagte sie.

Die, die früher oder später ihre Tickets kauften, dürften es nicht bereut haben. Am Ende eines zweistündigen Programms der Symphoniker Hamburg unter der Leitung von Ulrich Windfuhr mit den Solisten Flaka Goranci, Mezzosopran, und Hany Abdelzaher, Tenor, stand ein begeistertes Publikum, das sich stehend mehrere Zugaben erklatschte.

Kraftvolle und klare Stimmen

Das Pinneberger Kreiskulturzentrum hatte zum fünften Mal mit Unterstützung des Schenefelder Juks den musikalischen Start in das neue Jahr im Schenefelder Forum organisiert. Die künstlerische Leiterin der Drostei führte mit leicht unterkühltem Charme, fundiertem und unterhaltsam vorgetragenem Wissen über Kultur im Allgemeinen und Musik im Speziellen sowie einem Hang zur Spöttelei durch das Programm. In ihrem dunkelgrünen und glitzernden Abendkleid überließ die Moderatorin den optisch stärksten Eindruck trotzdem der Mezzosopranistin Flaka Goranci, die in einer schulterfeien und feuerroten Robe auftrat.

Goranci stand auch im Mittelpunkt des ersten Konzertteils, der ausschließlich Auszüge aus der Oper „Carmen“ von Georges Bizet bot. In der Mezzosopranistin hat sich – nicht nur optisch – eine herausragende Besetzung der Frau gefunden, nach der sich die Männer verzehren. Mit tiefem, wohlklingendem Mezzosopran, kräftigen, klaren Höhen und schöner Phrasierung trug sie die Rolle vor. Flaka Goranci versteht es, sich stimmlich zwischen zart und dramatisch zu bewegen. Und mit kleinen Blicken, wenigen Bewegungen und einer herausfordernden Körperhaltung gelingt es der Kosovarin, die Facetten dieser Partie glaubhaft zu präsentieren.

Die Moderatorin hatte zu Beginn des Konzerts noch erklärt, dass erfahrene Konzertgänger, um die es sich bei den Besuchern der Schenefelder Neujahrsgala natürlich handeln müsse, zu 99,9 Prozent wüssten, was sie erwarte. Am Anfang des zweiten Teils hatte sie dann doch noch eine Überraschung parat. Nicht nur intonierten die Hamburger Symphoniker mit „Celebrations“ aus „Mocagua“ von Nicolai Brücher das Werk eines (noch) weitgehend unbekannten Komponisten. Stefanie Fricke konnte dann auch noch den Komponisten zu einem Interview auf der Bühne begrüßen. Der 39-Jährige gab im lockeren Plauderton darüber Auskunft, dass es sich durchaus speziell anfühle, eine so ganz andere Karriere als alle anderen seines Jahrgangs eingeschlagen zu haben. Und zu den ungewöhnlichen Titeln für seine Kompositionen sei ihm geraten worden, um Aufmerksamkeit zu wecken. Nicht nur mit seinem freundlichen Auftritt, sondern auch mit seiner temperamentvollen Komposition konnte Nicolai Brücher die Herzen der Zuhörer erreichen.

Danach ging es zur leichten Muse, wobei Stefanie Fricke davor warnte, sie als seichte Muse abzutun – was natürlich niemand im Publikum tun würde. Verdi, Lehár und Strauß, der Sohn, standen auf dem Programmzettel, und der Tenor bekam seinen großen Auftritt. Mit „Dein ist mein ganzes Herz“ ließ Abdelzaher Dieselbigen nicht nur einige weibliche Zuhörer dahinschmelzen. Ein Schrank von einem Mann ist der Ägypter, dessen Stimme seine Statur widerspiegelt. Er verfügt über einen kraftvollen und klaren Tenor, der gleichzeitig Dramatik und die lyrischen Phrasen beherrscht. Wer Abdelzaher singen hört, der wünscht sich, ihn einmal als Wagner-Tenor zu erleben.

Der Dirigent beweist Entertainer-Qualitäten

Das alles wurde hervorragend begleitet sowie mit Orchesterwerken veredelt von den Symphonikern Hamburg unter der Leitung von Ulrich Windfuhr. Sichtlich gut aufgelegt ging das Residenzorchester der Hamburger Laeiszhalle ans Werk. Mit amüsanten Leichtigkeiten wissen die Symphoniker zu überzeugen. Mit Schmäh bei der Wiener Klassik und einem raffinierten Klangcharme bei den südländischen Klängen arbeiteten sie. Dabei ging es beim Walzer lieber mit etwas weniger Schwung in die Drehungen als mit Volldampf. Bei den Polka-Klängen blieb das Orchester auf Ausgewogenheit bedacht. Der Dirigent zeigt am Ende noch Entertainer-Qualitäten, als er die zögerlich mitklatschenden Schenefelder zu mehr Engagement anstachelt.

„Kultur lebt von Menschen, die hören und sehen“, gab die Moderatorin den Zuschauern mit auf den Heimweg. Einige von ihnen werden sich wieder bereits im Sommer aufmachen, Karten für die Neujahrsgala 2020 zu kaufen.

Nächste Veranstaltung in der Drostei: Vernissage, Michael Heering – Some Days Television, So 20.1. 11 Uhr, Dingstätte 23, Eintritt frei; nächste Veranstaltung im Schenefelder Forum: Konzert, Queenz of Piano, 8.2. 20 Uhr, Achter de Weiden 30, VVK 16–24 Euro, www.forumschenefeld.de/tickets/