Pinneberg
Historie

Als die „Batavia“ in Wedel der Flut trotzte

Das Wedeler Theaterschiff „Batavia“ 1976 in den Fluten der Elbe

Das Wedeler Theaterschiff „Batavia“ 1976 in den Fluten der Elbe

Foto: Hannes Grabau

Der Wedeler Theatermann Hannes Grabau hat beide großen Sturmfluten erlebt und erinnert jetzt an die Katastrophen.

Wedel.  Katastrophen können sich so tief einprägen, dass sie einen Menschen nie mehr loslassen. Der Wedeler Theatermann Hannes Grabau hat beide großen Sturmfluten des 20. Jahrhunderts erlebt: In Hamburg die von 1962 und in Wedel, weit dramatischer, die von 1976.

Beide hat Grabau unbeschadet überstanden. 1962 weil er Glück hatte, und 1976, weil er als erfahrener Seemann alles richtig gemacht hat. Grabau weiß, warum es sinnvoll ist, daran zu erinnern: „Wedel ist nach wie vor ungeschützt und wird bei der nächsten Sturmflut total absaufen“, davon ist er überzeugt. Deshalb veranstaltet er seit 25 Jahren Sturmflut-Abende. Der kommende am 4. Januar trägt den Titel: „Vor 43 Jahren – Die große Sturmflut – Die Nacht als die Deiche brachen.“ Dazu präsentiert er Originaldokumente, Fernseh- und Rundfunkbeiträge aus der Zeit und einen Film von 1936.

An die Nacht im Jahr 1962, als die Sturmflut über Hamburg hereinbrach, erinnert er sich, auch wenn er von den Wassermassen nichts mehr mitbekam. Er war 22, hatte bei der Howaldt-Werft angemustert und seine Verlobte in Eimsbüttel besucht. Gegen 22 Uhr war Grabau auf dem Weg zurück zur Werft und gabelte auf St. Pauli noch seinen betrunkenen Freund auf: „Den habe ich zu den Landungsbrücken runtergetragen.“ Zusammen nahmen sie die letzte Fähre und legten sich, weil Wochenende war, im ersten Stock des leeren Männerwohnheims der Werft aufs Ohr. Dort schliefen sie tief und fest, während ringsum das Inferno losbrach.

Die Wellen schlagen zwei Meter hoch

Dass etwas nicht stimmte, merkte Grabau erst am nächsten Morgen, als das gewohnte Gehämmer fehlte und alles totenstill war: „Unsere Bude, in der wir all unsere Sachen verwahrt hatten, war verschwunden. Das ganze Werftgelände lag voller Treibholz, ganze Schuppen waren dort gestrandet“, erinnert er sich, „und die ersten Hubschrauber flogen über uns hinweg, die die Leute von den Dächern und Bäumen holten.“

Die eigentliche Katastrophe hatten Grabau und sein Kumpel also verschlafen. Ein Sechstel der Hansestadt wurde damals nach Deichbrüchen an 60 Stellen überschwemmt, der Pegelstand lag bei 5,70 Metern, 20.000 Menschen hatten zumindest vorübergehend keine Wohnung mehr, und 315 Hamburger starben.

Dramatischer war es für Grabau im Januar 1976, als er längst von der Seefahrerei (sieben Jahre war er Matrose) und der Arbeit in den Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper Abschied genommen und in Wedel mit dem Theaterschiff „Batavia“ seine eigene schwimmende Bühne nebst Zuhause eingerichtet hatte. Dort war er nämlich, als es losging mit dem 17 Stunden währenden Orkan: „Das Wasser stieg jede Stunde um einen halben Meter. Wir konnten voraussehen, was passieren würde“, erzählt er. Als er draußen den Sturm gegen die Bäume peitschen hörte, tat er, was Seemänner in so einem Fall tun: „Ich habe alles gesichert und angebunden.“

Es wurde aber schlimmer. Freunde, mit denen er am Vorabend zusammengesessen hatte, kamen nicht mehr an Land. Die Wellen schlugen zwei Meter hoch, ab 14 Uhr lief das Wasser in die Wedeler Innenstadt, erzählt Grabau. „Und dann fiel der Strom aus.“ Er selbst hatte an Bord Festnetztelefon, den Strom produzierte ein Not-Aggregat. „Wir mussten die Gangway wegnehmen, die sonst zertrümmert worden wäre, und mein Boot ‘Onkel Ernst’ band ich ab. Ab 15 Uhr schwammen ganze Häuser an uns vorbei. Auf die Dächer hatten sich Rehe und Hasen gerettet. Manche Rehe schwammen an Land.“ Tische und Bänke zogen vorüber, und fast alle 30 Meter langen Taue, mit denen er seinen Theaterkahn festgemacht hatte, waren mittlerweile abgerissen, die Poller herausgerupft.

Am Morgen danach stellt er etwas Unerklärliches fest

„Den verbleibenden Tampen hab’ ich dann an dem Baum festgebunden, der dort stand, außerdem habe ich einen Anker vergraben. Das hat uns gerettet.“ Gegen zehn Uhr abends ließ der Orkan dann endlich nach, und Grabau brachte seine Freunde einzeln im Boot an Land. Gegen Mitternacht setzte er selber über, um bei seiner Freundin zu übernachten. Am Morgen sei er aufgewacht und habe „etwas Unerklärliches“ festgestellt: Er lag auf seinem eigenen Kopfkissen. „Das muss ich unbewusst mitgenommen haben. Als Kinder mussten wir in den Bombennächten nämlich immer unser Kissen mit in den Luftschutzkeller nehmen. Und ein Kuscheltier.“

„Die große Sturmflut“ Fr 4.1., 19.30 Uhr, Theater Batavia, Brooksdamm, Karten 8 Euro, T. 04103/858 36. Hannes Grabau ist weiterhin auf der Suche nach Original-Dokumenten von den beiden Sturmfluten 1962 und 1976. T. 04103/858 36