Pinneberg
Vattenfall

Wedel: Die Kraftwerks-Partikel ätzen doch

Das Steinkohlekraftwerk in Wedel wechselt nach derzeitigem Stand der Dinge zum 25. Januar den Eigentümer.

Das Steinkohlekraftwerk in Wedel wechselt nach derzeitigem Stand der Dinge zum 25. Januar den Eigentümer.

Foto: Katy Krause / HA

Bürgerinitiative lässt Ausstoß in Wedel analysieren – mit überraschendem Ergebnis. Aufsichtsbehörde kündigt Prüfung an.

Wedel.  Ein neues Jahr, ein neues Gutachten zum Kraftwerk Wedel. Gut, es sind noch ein paar Tage bis zum Jahreswechsel, aber die Wedeler Bürgerinitiative hat eine neue Untersuchung der Partikel in Auftrag gegeben, deren Ergebnis jetzt vorliegt. Das dazugehörige, deutlich umfangreichere Gutachten wird dann in 2019 fertig sein. Es könnte eine gewichtige Rolle in den juristischen Auseinandersetzungen um den technisch einwandfreien Betrieb des Kraftwerks und die (un-)zumutbaren Belastungen der Anwohner durch die seit Juli 2016 auftretenden Ausstöße spielen. Denn um eines vorweg zu nehmen: Die Untersuchung hat ergeben, dass die Partikel einen ungewöhnlich hohen Anteil an Schwefel enthalten und in Verbindung mit Wasser eine saure Wirkung entfalten, was durchaus ätzende Lackschäden verursachen kann. Also genau das, was Kraftwerksbetreiber Vattenfall und die Aufsichtsbehörde des Landes bislang immer bestritten haben.

Wie berichtet, hatte die Bürgerinitiative, die sich aus Anwohnern des Kraftwerks zusammensetzt, vor einigen Wochen ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben. Ein Sachverständiger nahm Proben von einem betroffenen Wagen. Zudem wurde die Motorhaube des schwarzen Seat zerlegt und zum Institut für Oberflächentechnik (IfO) geschickt. Der Auftrag: festzustellen, inwieweit es sich hier um schwere Lackschäden handelt. Ursache für die Schäden sind laut Angaben der Bürgerinitiative Partikel aus dem Wedeler Steinkohlekraftwerk. Auch das sollte das Gutachten beweisen. Jetzt liegt ein Ergebnis vor – das in gleich mehrfacher Hinsicht überrascht.

Denn in dem zwölfseitigen Untersuchungsbericht, der dem Abendblatt vorliegt, geht es plötzlich gar nicht mehr um die Lackschäden, sondern vielmehr um die Partikel selbst. „Wir haben das Gutachten bezüglich der Lackschäden auf Eis gelegt“, erklärt BI-Sprecherin Kerstin Lueckow. Das lag zum einen daran, dass es in den vergangenen Wochen erneut heftig Partikel aus dem Kraftwerk geregnet habe und so sehr gut Proben für eine Untersuchung genommen werden konnten. Zudem hatte die Ratsversammlung auf Antrag der SPD kürzlich entschieden, dass die Stadt Wedel nun den Verursacher für die Ätzschäden am Elbhochufer zweifelsfrei feststellen soll (siehe Infokasten). Laut Lueckow machte dies das angestrebte Gutachten überflüssig. „Da wir es mit Spendengeld finanzieren, sind wir verpflichtet damit sinnvoll umzugehen und nicht etwas in Auftrag zu geben, was anderweitig untersucht wird“, so die BI-Sprecherin.

In Sachen Partikel ging es nun aber schnell. Im November regnete es laut BI mehrfach Partikel, so massiv wie lange nicht. Diese wurden dem Institut für Oberflächentechnik zur Analyse geschickt. Demnach handelt es sich um Flugasche, wie sie beim Verbrennen von Steinkohle entsteht. Ungewöhnlich ist der hohe Anteil an Schwefelelementen – und dass die Teilchen, bestehend aus Sauerstoff, Schwefel und Aluminium, in Verbindung mit Wasser beim Versuch im Labor sauer statt wie erwartet basisch reagierten, so der Gutachter. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die festgestellten Partikelteilchen somit durchaus Lackschäden verursachen können und der hohe Anteil an Schwefel die Filter der Rauchgasanlage passiert haben müsse, was so nicht sein soll.

„Es müssen sofort Maßnahmen ergriffen werden“, schlägt BI-Sprecherin Kerstin Lueckow Alarm. Sie ist entsetzt über das Untersuchungsergebnis. „Hier kommen Dinge heraus, die aus einer funktionierenden Anlage gar nicht kommen dürften. Es ist Gesetz, dass eine Anlage dem neuesten Stand der Technik entsprechen muss.“ Seit zweieinhalb Jahren tappe man im Dunkeln. Es könne doch gar nicht sein, dass dem Betreiber Vattenfall und der Aufsichtsbehörde solche Ergebnisse nicht vorlägen, so Lueckow. Die Rauchgasanlage sei defekt. Das müsse sofort in Ordnung gebracht werden.

Da ist man sich ausnahmsweise mit dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR), der Aufsichtsbehörde fürs Kraftwerk, einig. Deren Sprecher Martin Schmidt sagt auf Abendblatt-Anfrage: „Wenn Dinge nicht in Ordnung sind, dann muss man dem nachgehen und sie abstellen.“ Zur Untersuchung kann er sich nicht äußern. Sie liegt der Behörde nicht vor. „Wir müssen das prüfen“, so Schmidt. Man werde dem nachgehen.

Hamburg übernimmt laut Vertrag zum 25. Januar

Die Prüfung sowie die Untersuchungsergebnisse der BI dürften insbesondere die Hamburger interessieren. Denn der Senat hat kürzlich den Rückkauf der Fernwärme samt den Kraftwerken in Tiefstack und Wedel beschlossen. In 2019 soll somit die Anlage den Eigentümer wechseln. Dann ist nicht mehr Vattenfall sondern zu 100 Prozent die Stadt Hamburg Betreiber und somit auch Ansprechpartner, wenn es um Partikelausstöße sowie Schadensregulierung geht. Nach derzeitigem Vertrag soll zum 25. Januar die Übergabe des Fernwärmenetzes an die Stadt Hamburg durch einen Handelsregistereintrag erfolgen. „Durch die noch nicht abgeschlossene EU-Beihilfeprüfung kann sich der Zeitpunkt aber möglicherweise noch verzögern“, so Jan Dube, Sprecher der Umweltbehörde. Man stelle sich darauf ein, mit der Betriebsübernahme auch Akteur beim der Partikel-Problematik zu sein.