Pinneberg
Elmshorn

Der Wendepunkt feiert 25-jähriges Bestehen

Foto: Anne Dewitz / HA

Gründerin und Geschäftsführerin Ingrid Kohlschmitt geht in den Ruhestand – Dirk Jacobsen übernimmt die Leitung des Vereins.

Elmshorn.  Nach 25 Jahren Wendepunkt geht eine Ära zu Ende. Wendepunkt-Gründerin und langjährige Geschäftsführerin Ingrid Kohlschmitt übergibt die Leitung an Dirk Jacobsen. Am Freitag verabschiedete sich die 64-Jährige von Mitarbeitern und Weggefährten. Psychologe Jacobsen arbeitet seit acht Jahren beim Wendepunkt und hat bisher den Fachbereich Traumaintervention, Beratung und Erziehungshilfen und die Interdisziplinäre Trauma-Ambulanz des Vereins geleitet.

Seit einem Vierteljahrhundert setzt sich der Wendepunkt in der Region für einen respektvollen und gewaltfreien Umgang in Erziehung, Partnerschaft und Sexualität ein. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Aufgaben dazu, was vor allem Kohlschmitts Verdienst ist, die immer wieder neue Wege gegangen ist, um den Schwächsten in der Region zu helfen. Dabei hat sie oft gegen Widerstände und Vorurteile kämpfen müssen.

Seinen Ursprung hat der Verein in einem Fall von sexuellem Missbrauch in Elmshorn Anfang der 90er, bei dem mehrere Kinder Opfer wurden. Die Öffentlichkeit war fassungslos – zu dieser Zeit war das Thema tabuisiert, die bundesweite Debatte steckte in den Kinderschuhen, Eltern und Pädagogen in Schule und Kita waren ratlos. Gegen die damals vorherrschende Meinung, die Kinder das Erlebte schnell vergessen zu lassen, gründete Kohlschmitt eine Beratungsstelle für die Betroffenen.

Von Anfang an war ihr klar, dass nicht nur den Kindern geholfen werden muss, sondern auch Eltern und Pädagogen. Denn Aufklärung und Schulung helfen im Umgang mit betroffenen Kindern und sind entscheidend für die Prävention. Deshalb wurden Elternabende und Fortbildungen eine weitere Säule der Beratungsstelle, aus der 1993 der Verein Wendepunkt entstand. Zunächst gab es heftige politische Debatten über die Notwendigkeit einer solchen Beratungsstelle, doch als innerhalb weniger Tage 1800 Erzieher und Lehrkräfte an einer Unterschriftenaktion teilnehmen, beschloss der Kreis die Finanzierung. „Ich habe immer Interesse gehabt, Dinge aufzubauen und weiterzuentwickeln“, sagt Kohlschmitt. „Dabei haben mich Widerstände nie entmutigt, ganz im Gegenteil. Das hat mich noch mehr motiviert. Denn ich bin total überzeugt vom Sinn meiner Arbeit!“

Neben dem Thema sexueller Missbrauch kümmerte sich der Wendepunkt auch um Kinder und Jugendliche, die andere Formen von Gewalt erleben mussten. Kohlschmitt kämpfte um den Erhalt und Ausbau der gewaltpräventiven Arbeit und setzte die Finanzierung von präventiven Maßnahmen in Kitas und Schulen durch die jeweiligen Städte und Gemeinden durch. Es wurden Außenstellen in Quickborn und in Schenefeld gegründet. Mittlerweile ist der Wendepunkt auch in Hamburg, Steinburg und Neumünster tätig.

Nachdem zunehmend Fälle von sexuell übergriffigen Jugendlichen bekannt wurden, beschloss der Wendepunkt, sich auch um junge Täter zu kümmern. Das psychosoziale Hilfsangebot sollte vor Rückfällen schützen. Einige Jahre später entstand daraus die Hamburger Beratungsstelle für sexuell auffällige Minderjährige und junge Erwachsene, die Anfang dieses Jahres zehnjähriges Bestehen feierte. Bis dahin hatten sich Beratungsstellen gegen Gewalt vorrangig um Opfer gekümmert. Der Wendepunkt wollte darüber hinaus ein Augenmerk auf die Prävention von Übergriffen legen und ist durch die Arbeit mit jugendlichen Tätern inzwischen bundesweit fachlich anerkannt.

Mittlerweile bietet der Wendepunkt im Auftrag des Kreises Pinneberg und einzelner Städte und Gemeinden Gewaltprävention an Kitas und Schulen an, führt im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein traumapädagogische Fortbildungen für Erzieher durch und bietet Männerberatung an, führt regelmäßig Fachtagungen durch und hat ein Fortbildungszentrum geschaffen.

2013 baute der Wendepunkt gemeinsam mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Regio Klinik Elmshorn die Interdisziplinäre Trauma-Ambulanz auf. Die Nachfrage ist enorm. In diesem Jahr bekam die Trauma-Ambulanz den Sparda Bank Award verliehen und errang den ersten Platz beim Jurypreis in der Kategorie „Soziale Projekte“. Dennoch muss der Verein nach wie vor jedes Jahr aufs Neue um die Finanzierung der Trauma-Ambulanz kämpfen. Die Arbeit des Wendepunktes wird durch öffentliches Geld von Land, Hamburger Senat, Kreis und einzelnen Städten und Gemeinden finanziert und durch Spenden unterstützt. So überraschte Rolf Heidenberger von „Appen musiziert“ am Freitag mit einer Spende von 10.000 Euro für den Verein.

Für Kohlschmitt ist der Rückzug aus dem Wendepunkt ein großer Schritt. Wer sie kennt, weiß, dass sie sich andere Aufgaben suchen wird.