Pinneberg
Kreis Pinneberg

Vom Abriss der Schönheit in unseren Städten

Eine schöne, gut hundert Jahre alte Villa an der Hamburger Straße in Rellingen wird derzeit abgerissen. Von vorn betrachtet wirkt sie noch unversehrt

Eine schöne, gut hundert Jahre alte Villa an der Hamburger Straße in Rellingen wird derzeit abgerissen. Von vorn betrachtet wirkt sie noch unversehrt

Foto: Katja Engler / Foto Engler

Historische Häuser sind vielerorts Neubauten gewichen. Radikaler Umbau hat kein Ende gefunden. Bewertung von Redakteurin Katja Engler.

Kreis Pinneberg.  Wieder schlägt er zu: Ein Bagger frisst sich in die Backsteinwand eines alten Hauses. Es ist eine elegante Villa an der Hamburger Straße in Rellingen. Noch hält sich ihr für die Gegend typischer geschwungener Holzgiebel aufrecht. Im Garten hat ein seltener Mammutbaum seine Nadeln abgeworfen. In nur wenigen Tagen wird die Villa dem Erdboden gleichgemacht, um einem Block mit fünf Wohneinheiten zu weichen. Die Baugenehmigung ist längst erteilt, und auch das einst repräsentative, schmucke Eckhaus zur Hauptstraße, wo die Hutmacherin Johanna Wilkens ihren Salon unterhielt, wird weichen. Demnächst. Wie so einiges andere mehr, solange noch etwas da ist zum Abreißen.

Die bauliche Schönheit deutscher Dörfer und über Jahrhunderte gewachsener Städte hat im Zweiten Weltkrieg und durch den Bauboom danach extrem gelitten. Aber es gibt noch weitere Gründe für das Verschwinden historischer Gebäude: Geldmangel, Strukturwandel, Profitversessenheit, Mobilität, der Autoverkehr, das für Backstein und Fachwerk aggressive Klima und der Mangel an Kultur. Pinneberg und Rellingen sind beispielhaft dafür. Markante, identitätsprägende, aber auch kleinere historische Gebäude dazwischen wurden hier massenhaft abgerissen. Manche standen unter Denkmalschutz, andere nicht. Jüngere Politiker wie Karsten Kreissler, bürgerliches Mitglied der Grünen/Unabhängigen in Pinneberg, zeigen sich sensibel für das Thema: „Wir sollten Demut gegenüber dem entwickeln, was wir überhaupt noch an wenigen schönen historischen Bauten haben.“

Andere Länder fördern Eigentümer großzügig

Die internationalen Reiseführer der National Geographic Society appellieren an ihre Leser, denjenigen mit besonderem Respekt zu begegnen, die Althergebrachtes bewahren und pflegen. Davon ist man in Schleswig-Holstein weit entfernt: Eigentümer erhaltenswerter, kulturell interessanter Gebäude wurden und werden mit deren Erhalt alleingelassen. Lediglich mit Steuererleichterungen dürfen sie rechnen. In anderen Bundesländern gibt es dagegen großzügige Förderung. „Ich würde es begrüßen, wenn auch hier Privatleute zum Erhalt ihrer denkmalwürdigen Häuser Unterstützung vom Land bekämen“, sagt Antje Metzner, die seit zweieinhalb Jahren als einzige in der Denkmalschutzbehörde des Kreises tätig ist. „Wenn das so wäre, könnte ich ganz anders agieren und locken. Dass es nicht so ist, ist bitter für mich und für die Eigentümer.“

Wiederholt ist das in Länderhand liegende Denkmalschutzgesetz überarbeitet worden. Anfang 2015 hat das Land die Unterteilung in „echte“ Denkmäler und einfache Kulturdenkmäler aufgehoben (wir berichteten). „Ich sehe das insofern positiv, als jetzt Klarheit geschaffen wird. Unterm Strich gibt es jetzt einen stringenteren Schutz als vorher“, sagt Wilhelm Poser, Ombudsmann für Denkmalschutz in Schleswig-Holstein.

Leider hat die Gesetzesnovellierung auch eine Schattenseite: Schöne oder für einen Ort identitätsbildende alte Gebäude können seitdem verhunzt oder abgerissen werden, was leider auch schon vorher oft passiert ist. „So“, sagt der Architekt Walter Sauermilch, der für den Erhalt vieler alter Häuser in der Region gekämpft und Bürgerinitiativen gegründet hat, „so zerstört man schrittweise die Stadt. Seit den 60er-Jahren wurden allein in der Pinneberger Innenstadt rund 150 alte Häuser abgerissen, 70 bis 80 Prozent der alten Bausubstanz sind weg.“

Perdu sind zum Beispiel die imposanten, teilweise originellen Gebäude der Wupperman’schen Emaillefabrik direkt am Bahnhof (zuletzt wurde 2015 die Kochschule weggerissen), die Jugendstil-Feuerwache und die hart umkämpfte Bauernmühle. Und der Apotheker Albert Schönemann musste seinen schönen Garten hergeben, damit das Rathaus mit seinem durchbetonierten Vorplatz in die Bismarckstraße geklotzt werden konnte. Der war zwar kein Gründenkmal, aber sein Verschwinden hat den Charakter des Drostei-Platzes nochmal drastisch versachlicht.

Zu der umfangreichen Neukatalogisierung der Gebäude sagt der Landeskonservator Michael Paarmann: „Wir tun das sehr gründlich und verantwortungsbewusst.“ Für Laien sind Entscheidungen gegen den Denkmalstatus oft trotzdem nicht einleuchtend. Für denkmalschutzgerechte Sanierung stellt das Land bescheidene 500.000 Euro jährlich zur Verfügung, „Wir waren schon mal bei 650.000 Euro und möchten zu dieser Summe zurück“, sagt Paarmann.

Ein aktuelles Rellinger Beispiel für die Herabstufung eines bisherigen einfachen Denkmals ist das reetgedeckte Turnerheim (letztes sehr altes Strohdachhaus, erbaut um 1708). Von Dritten habe er erfahren, dass es kein Denkmal mehr sei, sagt der Vorsitzende des Rellinger Turnvereins, Sven Schubert: „Es ist ein tolles Gebäude, und es wäre schön, wenn man es schafft, es zu erhalten.“

Der Kieler Gebietsreferent für Denkmalschutz, Berthold Köster, begründet die Entscheidung damit, dass das ehemalige Fachhallenhaus umgebaut worden sei. „Die Gauben zur Straße passen nicht zu einem Fachhallenhaus, die Fenster an den Traufseiten sind nicht mehr authentisch, und außen wurde eine Spindeltreppe angebaut. Diese Maßnahmen waren nicht genehmigungspflichtig, sind aber so erheblich, dass diese Entscheidung gefällt wurde.“ Konrad Wolf (Grüne), bürgerliches Mitglied im Rellinger Bauausschuss, ist entsetzt: „Es ist mir absolut unbegreiflich, warum dieses Gebäude kein Denkmal mehr sein soll.“ Mitte Januar wird er im Bauausschuss seinen Antrag wiederholen, das Haus erneut unter Schutz stellen zu lassen.

Allein in Rellingen sind laut Wikipedia 26 ehemals einfache Denkmäler aus der offiziellen Liste des Landes Schleswig-Holstein herausgefallen, 13 stehen zurzeit nur noch als Kulturdenkmäler drin. In Pinneberg genießen seit der Novellierung 34 Häuser, Baukomplexe und Gründenkmäler keinen Denkmalschutz mehr. Welche Häuser bis vor Kurzem einfache Denkmäler waren, darüber existiert nicht mal mehr in der Denkmalschutzbehörde beim Kreis eine Liste. Lediglich Wikipedia zählt das noch gut aufbereitet auf. Die aktuelle Landesliste enthält heute nur noch 60 Positionen. Landeskonservator Michael Paarmann sagt, dass sie noch nicht komplett sei. Immerhin kämen etwa 40 Prozent der ehemals einfachen Denkmäler für die Aufnahme in die Denkmalliste infrage.

Damit die Arbeit bewältigt werden kann, wurden in Kiel, befristet bis 2020, zwei Wissenschaftler und zwei Verwaltungskräfte eingestellt. Bis 2015 war für den Bereich im gesamten Bundesland nur eine einzige Person zuständig, „das hatte maximal 30 bis 40 Eintragungen im Jahr zur Folge“, so Paarmann. Die Aufstockung des Personals sei daher „ein großer Erfolg“.

Das Herausnehmen vieler bislang einfacher Denkmäler aus der Liste impliziert die große Gefahr, „dass etwa wichtige und authentische Zeugnisse bäuerlicher Kultur, die aufgrund struktureller Veränderungen einem besonderen Umwidmungsdruck unterliegen, entstellend verändert oder gar beseitigt werden“, warnt der Verband Deutscher Kunsthistoriker. Derartige Eingriffe benennt der Landeskonservator als Grund, solchen Häusern den Schutz zu entziehen. Und sie sind schon häufig passiert, weil die Eigentümer sich nicht anders zu helfen wussten.

Kommunen ignorieren die eigenen Erhaltungssatzungen

Durch den massenhaften Abriss historischer Bauten in Pinneberg oder Rellingen ist mittlerweile ein Eindruck zusammenhängender Ensembles, historischer Baustrukturen, von authentischer Garten- oder Platzgestaltung oder mäandernder Wegeführung unmöglich geworden. „Jede Stadt, die etwas auf sich hält, muss sich mittels Städtebauförderung darum bemühen, die eigene Substanz zu erhalten“, sagt Michael Paarmann diplomatisch dazu. Und: „Da ist man in Schleswig-Holstein nicht so aufmerksam gewesen.“ In der Verabschiedung einer Erhaltungs- und Gestaltungssatzung drücke sich „das Interesse der örtlichen Politik aus, ob Altes bewahrt werden oder lieber ein schicker Neubau her soll“, so Paarmann. Es sei eine Frage der Gewichtung, „die Verantwortung liegt auf kommunaler Ebene.“ Dort aber wurde die eigene Erhaltungssatzung oft genug ignoriert.

Baugrund ist teuer und bringt in begehrten Gegenden wie Metropolregionen extrem hohe Renditen: Rund um die seltene, achteckig gebaute Rellinger Barockkirche etwa und am daran anschließenden ehemaligen Markt wurde der größte Teil der das Ensemble umgebenden alten Gebäude abgerissen. Einige hat man durch schicke weiße Häuser mit großen Fenstern ersetzt. Andere, dicht an dicht und ohne die einst luftigen Gärten neu gebaut, wurden wenigstens in den Proportionen und im Fassadenstein angepasst. Der ursprüngliche Charakter des Ortes ist dennoch unwiederbringlich zerstört, Umgebungsschutz – Fehlanzeige. Niemand hat den Abriss der imposanten, traditionell gebauten Bauernfachwerkhäuser verhindern können.

Der Grund liegt darin, dass Vorschriften wie Erhaltungssatzungen oder Umgebungsschutz einen gewissen Gummi-Charakter haben. „Eine Gemeinde hat eine gewisse Verantwortung für ihre alten, für das städtebauliche Bild wichtigen Bauten. Die kann sie nicht nur auf den Denkmalschutz abladen. Da muss man sich auch mal gerade machen“, sagt Antje Metzner. Verstöße wie die der Entkernung der Appener Kommandeurs-Villa (wir berichteten) ahndet sie, die Strafen sind mit maximal einer halben Million Euro empfindlich.

In Rellingen, so schätzt Wieland Witt, seit 46 Jahren Vorsitzender des dortigen Heimatvereins und ein belesener, engagierter Mensch, wurden in den vergangenen 40 Jahren „gefühlte 80 Prozent der Bebauung Ortsmitte Rellingen und damit 200 bis 250 Jahre Dorfentwicklung und Baukultur auf die Halde gefahren.“ Eine erschütternde Bilanz.

Die Allgegenwart meist gartenfreier Betonzweckbauten ist seit den 1960er-Jahren mehr und mehr Realität geworden. Sie hat sich in einer Auffassung von Städtebau niedergeschlagen, die das historische Erbe, mit dessen Wertschätzung und Erhaltung andere Städte Touristen und Firmen anlocken und die Handwerkskünste erhalten, auf den letzten Platz rückt. Dass es anders gehen kann, zeigen Städte wie Eutin („Weimar des Nordens“), Flensburg („traditionelle Beschaulichkeit“) oder das an Schmuckgiebel-Häusern reiche Friedrichstadt.