Pinneberg
Quickborn

Die rätselhafte Notlandung der „Sachsen“

8. Dezember 1913 in Quickborn: Die „Sachsen“ startet wieder, halb Quickborn wohnt diesem Spektakel bei.

8. Dezember 1913 in Quickborn: Die „Sachsen“ startet wieder, halb Quickborn wohnt diesem Spektakel bei.

Foto: Luftschiffmuseum Friedrichshafen / Burkhard Fuchs

Am 7. Dezember 1913 geht mitten in Quickborn ein Zeppelin nieder. Der genaue Hergang des Flugmanövers ist bis heute ungeklärt.

Quickborn.  Es herrscht dichter Nebel über Hamburg und dem Umland an diesem schicksalhaften 7. Dezember vor 105 Jahren. Das Luftschiff „Sachsen“ (LZ 17) ist gegen 5.30 Uhr in Dresden gestartet, um noch bei Tageslicht auf dem 400 Kilometer entfernten, erst zwei Jahre zuvor eröffneten Luftschiffhafen Fuhlsbüttel anzukommen. Doch als Pilot und Kommandant Hugo Eckener, damals Direktor der Deutschen Luftschiff Reederei und flugerfahren in 1000 Luftschifffahrten, die Elbe überquert, beträgt die Sichtweite nur noch zehn bis 20 Meter. Gegen 15 Uhr erreicht der Zeppelin sein Ziel, doch die Crew kann es nicht sehen. Sie nimmt auch wegen der lauten Geräusche ihrer drei 180-PS-Maybach-Motoren die Tonsignale und Leuchtraketen nicht wahr, mit denen die Turmwärter des Flughafens, die das Luftschiff hören, aber nicht sehen können, auf das Erreichen des Ziels aufmerksam machen wollen.

Da der Zeppelin nur auf Sicht landen kann, muss er ins Umland ausweichen und notlanden. Kurz nach 16 Uhr, bei Anbruch der Dunkelheit, geht er auf einem freien Feld in Quickborn nieder, etwa dort, wo sich heute Harksheider Weg und Goethestraße kreuzen. Der Crew – mehr Menschen sind nicht an Bord – ist nichts passiert. Auch das Luftschiff ist vollkommen unbeschädigt, obwohl es bei der Landung die Strom- und Telefonleitungen durchtrennt und Quickborn stockfinster macht.

Dieses einmalige historische Ereignis haben Rudolf Timm, Werner Berg und Werner Baark von der Quickborner Geschichtswerkstatt jetzt mit historischen Quellen und eigenen Analysen nachgezeichnet und zu einer Ausstellung zusammengetragen, die zurzeit in der Quickborner Stadtbücherei zu sehen ist. Tüftler Berg hat sogar ein Luftschiff im Maßstab 1:400 nachgebaut, das dort ebenfalls ausgestellt ist.

Timm ist sich sicher, dass die Darstellung in den damaligen Medien nicht richtig sein kann. So schrieben mehrere Hamburger Zeitungen („Börsenhalle“, „Hamburger Anzeiger“, „Altonaer Nachrichten“, „Neue Hamburger Zeitung“) weitgehend übereinstimmend, dass das Luftschiff sich wegen des dichten Nebels verirrt hätte, über Hamburg kreuzte und dann eher aus Versehen auf dem Feld in Quickborn gelandet sei. Diese Darstellung stützt sich wohl auf offizielle Angaben, da sie fast wortgleich in den Zeitungen wiedergegeben wird.

Kommandant Eckener hingegen wird zwei Tage später im „Hamburger Anzeiger“ mit der Aussage zitiert: „Selbst in 30 Meter Höhe war von der Umgebung nichts zu erkennen, sodass wir noch tiefer gehen mussten. Bald darauf entdeckte ich ein Ackerfeld und entschloss mich nach kurzer Beratung, zu landen.“

Wollte Kommandant im Himmelmoor aufsetzen?

Verflogen oder beherzt gehandelt? Heimatforscher Timm ist sich sicher: Das kann alles so nicht stimmen. Denn wenn die „Sachsen“, die mit Tempo 55 unterwegs war, tatsächlich kurz nach dem Überflug über Fuhlsbüttel gelandet wäre, hätte sie Quickborn schon um 15.30 Uhr erreichen müssen.

So untersuchte die Geschichtswerkstatt eine andere Theorie, die bereits 1995 die Lehrerin Erika Dau nach Befragen von Zeitzeugen im Quickborner Lesebuch aufgeworfen hatte. Danach wäre das Luftschiff, das Kreiselkompass, Sextant und Landkarten an Bord hatte, zum Himmelmoor weitergeflogen. Die Marienkirche und Mühle an der Kieler Straße und die Pulverfabrik in Quickborn-Heide müsse Kommandant Eckener in den Karten eingezeichnet gesehen haben, ist Timm überzeugt.

Darum sei er in Richtung Moor ausgewichen, wo dann aber der Boden zu weich und zu nass für die Landung gewesen sei, sodass er wieder habe umkehren müssen. Dann war aber wegen der einbrechenden Dunkelheit Eile geboten, und das Luftschiff landete im Quickborner Ort.

Für diese Umweg-Variante sprechen mehrere Indizien, haben die Heimatforscher herausgearbeitet. Zum einen soll Gertrud Beste, Enkelin der Schlachterei von Gustav Beste, wo die Crew des Luftschiffes gastfreundlich aufgenommen wird und übernachtet, davon berichtet haben, dass der Kommandant zunächst das Himmelmoor angesteuert habe. Auch der Zeitpunkt der Landung, der übereinstimmend in den Medien nach 16 Uhr angegeben wird, komme dann wieder hin. Und vor allem wären die Strom- und Telefonleitungen nicht durchtrennt worden, wenn das Luftschiff auf direktem Wege von Fuhlsbüttel am Harksheider Weg gelandet wäre, erklärt Timm: Sie befanden sich nördlich des Notlandeplatzes.

Bord-Logbuch der „Sachsen“ gilt als verschollen

Die Geschichtswerkstatt geht nach ihren Recherchen jetzt auch davon aus, dass die Crew am 7. Dezember 1913 die Strom- und Telefonleitungen bewusst kappt, um sicher zu landen. Dafür spreche auch, dass das 148 Meter lange Luftschiff keinerlei Schaden nimmt, was bei einer Kollision sicher nicht der Fall gewesen wäre. Das Bord-Logbuch, das dieses Rätsel auflösen könnte, gilt als verschollen oder ist von der Kaiserlichen Marine unter Verschluss gehalten worden, der die „Sachsen“ auf diesem Flug von Dresden nach Hamburg übergeben werden sollte.

Für die Bevölkerung Quickborns ist die spektakuläre Notlandung ein Großereignis. Am 8. Dezember 1913 ist halb Quickborn auf den Beinen, um das Luftschiff zu bestaunen und den Start mitzuerleben. Peter Beste (79) – er ist der Enkel des Schlachters, der Kommandant Eckener und seine Leute aufnahm – erinnert sich auch noch, dass dieses Spektakel „ein großes Ereignis in unserer Familie war“. Sein Vater Fritz, damals ein kleiner Junge, soll den Zeppelin als Erster gesehen und gerufen haben: „Papa, komm’ komm’, ein Luffiff!“ Er konnte das Wort noch nicht aussprechen...

Weitere Informationen gibt Rudolf Timm von der Geschichtswerkstatt Quickborn, Telefon 04106/4955, rudolf.timm@t-online.de.