Pinneberg
Pinneberg

Winterzeit: So lässt uns die Kälte kalt

Waltraut Troudi verkauft im Pinneberger Weihnachtsdorf an sieben Tagen in der Woche Glühwein. Sie trägt einen dicken Rolli, darunter ein Sweatshirt, darüber eine Thermoweste. Und zwischendurch hilft ein Glühwein gegen die Kälte. „Alkoholfrei, na sicher“, sagt sie und lacht.

Waltraut Troudi verkauft im Pinneberger Weihnachtsdorf an sieben Tagen in der Woche Glühwein. Sie trägt einen dicken Rolli, darunter ein Sweatshirt, darüber eine Thermoweste. Und zwischendurch hilft ein Glühwein gegen die Kälte. „Alkoholfrei, na sicher“, sagt sie und lacht.

Foto: Katja Engler

Zwiebellook, alkoholfreier Glühwein, viel Bewegung: Wie Menschen, die immer draußen arbeiten, den niedrigen Temperaturen trotzen.

Pinneberg.  Mollig warm haben es die meisten Menschen in Norddeutschland, wenn es draußen kalt wird. Das Glück, die meiste Zeit des Tages drinnen zu verbringen, hat aber nicht jeder. Viele Menschen müssen trotz Kälte den ganzen Tag draußen arbeiten: Landwirte, Marktleute, Bauarbeiter, Fensterputzer, Postboten. Wie sie es schaffen, sich warm zu halten, gesund zu bleiben und nicht die gute Laune zu verlieren, darüber hat das Abendblatt mit ihnen gesprochen.

Um viertel vor sieben in der Frühe hat Angelika Dann (60) aus Borstel-Hohenraden ihren Laster auf dem Platz vor dem Pinneberger Rathaus geparkt. Auf der Ladefläche hat sie ein extra großes Thermometer liegen, dessen Quecksilbersäule sie auch ohne Brille lesen kann: zwei Grad plus. „Das ist wichtig. Denn auch wenn beim Losfahren die Temperaturen über null sind, kommt oft noch ein kalter Wind um die Ecke, und dann friert es. Das ist gefährlich für meine Kartoffeln.“ Die mögen keinen Frost, da muss Angelika Dann aufpassen. Sie heizt aber nicht.

Sie gehört zur Familie Dann, die in Borstel-Hohenraden Gemüse und Balkonblumen anbaut, jetzt Adventskränze und Tannengrün verkauft und die grüne Ware das ganze Jahr über viermal die Woche auf den Märkten der Region anbietet, dreimal steht sie in Pinneberg. Handschuhe trägt sie nicht, „die brauche ich nicht.“ Die 60-Jährige ist eh den ganzen Tag draußen, entweder zu Hause auf dem Feld, beim Adventskränze-Binden oder, seit 32 Jahren, auf dem Wochenmarkt. Ab und zu holt sie sich um die Ecke einen Kaffee, „aber der wird meistens kalt. Ich muss mich doch um meine Kunden kümmern!“ Angelika Dann trägt Zwiebellook, die oberste Jacke zwei Nummern zu groß, aber an ihren Füßen, man höre und staune, nur ein paar Plastik-Clogs, „aber mit Thermosocken!“

Neun-Stunden-Schicht auf dem Weihnachtsmarkt

Besser haben es die Gemüsebauern Meyer aus Glückstadt, die seit 29 Jahren auf dem Markt verkaufen. „Wenn’s zu kalt wird, machen wir unseren Stand ringsum mit Folie dicht und heizen mit Gas“, sagt Helga Meyer. Noch reichen die wollenen Stulpen, die die Finger freilassen – und eine Wollmütze auf dem Kopf.

Nicht weit von hier wischt Waltraut Troudi mit einem sauberen Lappen über den Tresen unter der Weihnachtsmarkt-Pyramide. Alles picobello. Sie hat ja auch gerade erst ihren Neun-Stunden-Tag angefangen. Bis Weihnachten arbeitet sie sieben Tage die Woche durch, „das ist bei uns so. Krank werden können wir uns nicht erlauben. Ich bin im Wohnwagen geboren und gehöre zur Schaustellerfamilie Heidmann.“ Sie hilft ihrer Nichte aus, die zu wenig Personal gefunden hat. Eine Heizung gibt es nicht, „wir sind das gewöhnt.“ Unter ihrer hellen Schürze trägt Waltraut Troudi einen dicken Rolli, drunter ein Sweatshirt, drüber eine Thermoweste, und zwischendurch hilft ein Glühwein, „alkoholfrei, na sicher. Sonst könnt’ ich ja nicht mehr rechnen.“

Zwei lange Unterhosen unter der Arbeitshose

Gerade hat ein polnischer Vorarbeiter zwei ebenfalls polnische Bauarbeiter auf einen Glühwein mit Schuss eingeladen, „das wärmt uns durch“, sagt er. Und: „Einer geht. Den schwitzt man bis zum Feierabend wieder weg.“

Zwei Straßen weiter hat Holger Gadow (62), der seit eineinhalb Jahren als Zusteller arbeitet, einen Stapel Pakete auf seine Sackkarre geschichtet. Pickepackevoll ist sie, Gadow bewegt sie mit Schwung, und ebenso ist er den ganzen Tag auf Achse. Die kalten Metallgriffe ohne Handschuhe anpacken zu müssen stört ihn überhaupt nicht: „Handschuhe behindern nur.“ Warm wird ihm durchs ständige Herumlaufen, damit hat er überhaupt kein Problem.

Weit weg von der Innenstadt, an der Kreuzung Siemensstraße/Ziegeleiweg, sind mehrere Arbeiter zugange. Einer, der besonders früh angefangen hat, legt eine Pause in der Führerkabine seines Radladers ein. Seine Kollegen sind schon wieder auf Achse. Der freundliche Vorarbeiter spricht Sächsisch und verrät noch schnell, dass er zwei lange Unterhosen unter seiner dicken Arbeitshose trägt – dann ist er schon wieder unterwegs. Unter der Brücke sind Aqif Nuhi, Ajdini Djaferi und Hisni Neziri dabei, die Sandfläche, die sie mit ihren Schaufeln erschaffen haben, akkurat zu glätten. Der nächste Schritt ist der anstrengendste, denn bald müssen sie Pflastersteine für neue Parkplätze unter einer Brücke verlegen. „Schwere Arbeit“, sagt Ajdini Djaferi, „aber es muss.“ Die Drei sprechen gebrochen Deutsch. Sie kommen aus Mazedonien, arbeiten immer nur drei Monate hier und müssen dann in ihre Heimat zurück, weil ihre Aufenthaltserlaubnis abläuft.

Extra dicke, warm isolierte Handschuhe tragen sie, aber sonst sind sie nicht sonderlich dick angezogen: „Die Arbeit hält uns warm“, sagen sie, „und wenn es mal gar zu kalt ist, setzen wir uns kurz ins Auto, trinken da einen Tee und machen die Heizung an.“