Pinneberg
Massensterben

Warum der Gesang der Amsel verstummt

Eine Amsel trällert ein Lied: ein Ereignis, das zurzeit seltener zu sehen und zu hören ist als in der Vergangenheit.

Eine Amsel trällert ein Lied: ein Ereignis, das zurzeit seltener zu sehen und zu hören ist als in der Vergangenheit.

Foto: dpa Picture-Alliance / F. Hecker / picture alliance / blickwinkel/F

Massenhaftes Sterben heimischer Vögel. Nun untersucht das Bernhard-Nocht-Institut Tiere aus dem Kreis Pinneberg.

Kreis Pinneberg.  Normalerweise leiten Singvögel mit ihrem Gezwitscher den Frühling ein. Der Vogelgesang könnte im kommenden Jahr aber ausbleiben. Oder zumindest deutlich leiser und nicht so vielstimmig ausfallen als in anderen Jahren. Schuld daran ist ein massenhaftes Sterben unter unseren heimischen Vögeln. „Man hört derzeit überall, dass kaum noch Amseln da sind“, sagt Marco Sommerfeld. Der Nabu-Referent für Vogelschutz ist Leiter der Wedeler Carl-Zeiss-Vogelstation – der Vogel-Fachmann im Kreis Pinneberg schlechthin. Er rechnet mit einem erheblichen Rückgang im Kreisgebiet.

Es ist kein reines Pinneberg-Phänomen. In ganz Deutschland haben sich dieses Jahr viele Vögel mit dem sogenannten Usutu-Virus infiziert, und sind gestorben. Allein bis Ende August lagen dem Nabu 8880 Meldungen mit mehr als 18.000 betroffenen Vögeln vor. Die meisten kommen aus Niedersachsen, dicht gefolgt von Hamburg und Schleswig-Holstein.

Das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) untersucht Vögel mit Verdacht auf Usutu. „Aus dem Kreis Pinneberg haben wir relativ viele Vögel zur Untersuchung bekommen“, sagt Renke Lühken. Endgültige Zahlen liegen dem Arbovirologen und seinem Team noch nicht vor, aber eines ist sicher: „Wir haben dieses Jahr deutschlandweit eine massive Steigerung erlebt“, sagt Lühken.

Zahl der Verdachtsfälle hat sich fast verdoppelt

Er kann das mit Zahlen eindrucksvoll untermauern: Seit das Virus 2011 in der Bundesrepublik zum ersten Mal ausgebrochen ist, werden durchschnittlich etwa 150 Vögel im Jahr beim BNITM zur Untersuchung eingereicht. „In diesem Jahr haben wir bisher 1341 Vögel bekommen“, sagt Lühken. Rund 1200 davon wurden bereits auf das Virus untersucht – mehr als die Hälfe war infiziert.

Der überwiegende Großteil waren Amseln. Warum das so ist, weiß bisher keiner. Auch die Experten können nur spekulieren. „Womöglich fallen tote Amseln einfach mehr auf, weil sie so nah am Menschen leben“, sagt Lühken. Es kann auch mit einer artspezifischen Anfälligkeit für das Virus zu tun haben. Oder damit, dass Amseln dunkles Gefieder haben, das Stechmücken anzieht. Die Blutsauger übertragen das Virus nämlich. Und in so einem heißen Sommer wie dem in diesem Jahr sind die Insekten besonders aktiv. Sie übertragen Usutu allerdings nicht ausschließlich auf Amseln. „Auch Blaumeisen, Dompfaffen, Eulen, und sogar Möwen sind betroffen“, sagt der Experte. Selbst Menschen wurden infiziert. Zwei nachgewiesene Fälle hat es in Deutschland laut Lühken bereits gegeben. Im Gegensatz zu den Vögeln ist der Krankheitsverlauf bei gesunden Menschen aber meist harmlos.

Das Schlimmste ist auch für die Vögel vermutlich überstanden. „Die übertragenden Stechmücken sind in der kalten Jahreszeit nicht aktiv“, sagt Lühken, der damit rechnet, dass es im kommenden Jahr deutlich weniger Fälle in der Region geben wird: Wenn sich so viele Vögel infizieren, sind die Überlebenden anschließend meist immun. „Aus anderen Regionen wissen wir, dass die Zahl der Erkrankungen im Jahr nach dem ersten Ausbruch deutlich abnimmt“, sagt der Experte. Wie viel Federvieh dieses Jahr gestorben ist, darüber kann momentan nur spekuliert werden.

Zur Stunde der Wintervögel kann jeder mitzählen

Relativ verlässliche Zahlen wird es erst zur Stunde der Wintervögel geben. Vom 4. bis 6. Januar ruft der Nabu die Bevölkerung bereits zum neunten Mal bundesweit zur Vogelbeobachtung auf. Freiwillige sollen eine Stunde lang die Vögel in Gärten, an Futterhäuschen, auf dem Balkon oder im Park zählen. Ziel der Aktion ist es, ein möglichst genaues Bild von der Vogelwelt zu erhalten. Dabei geht es nicht um exakte Bestandszahlen aller Vögel, die sich auf diese Art und Weise auch gar nicht ermitteln ließen, sondern darum, Häufigkeiten und Trends von Populationen zu ermitteln. „Amseln lassen sich dabei besonders gut beobachten“, sagt Marco Sommerfeld von der Carl-Zeiss-Vogelstation in Wedel. Dann wird auch klarer werden, wie weit der Bestand wirklich zurückgegangen ist.

Wer jetzt schon etwas für die Vögel tun möchte, kann ihnen mit Futter über den Winter helfen. Dafür hat Nabu-Experte einige Tipps parat. „Es sollten Futterspender sein, bei denen die Tiere nicht im Futter herumlaufen und es mit Kot verschmutzen können“, sagt Marco Sommerfeld. Auf diese Weise kann nämlich die Übertragung und Ausbreitung von Krankheitserregern minimiert werden.

Wer herkömmliche Futterhäuschen verwendet, sollte diese gelegentlich reinigen. Als Basisfutter, das im Zweifel von fast allen Arten gefressen wird, eignen sich Sonnenblumenkerne. Die Futterspender sollten an einer übersichtlichen Stelle platziert werden, sodass sich keine Katzen anschleichen können. Das bringt auch den Vorteil, die Vögel gut beobachten zu können. Füttern ist nämlich nicht nur für die Vögel gut, sondern bietet auch ein Naturerlebnis, das insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zur Umweltbildung beiträgt. Es bietet den Heranwachsenden die selten gewordene Gelegenheit zu eigenen Beobachtungen und Erlebnissen in der Natur. Außerdem kann sich der Bestand durch die menschliche Unterstützung ein wenig erholen, was hoffentlich zu viel Gesang im Frühjahr führt.