Pinneberg
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Grindel: „Söldner bringen keine Freunde mit“

Foto: Wolfgang Helm

Besuch zum 100. Geburtstag: DFB-Präsident Reinhard Grindel wirbt bei SC Pinneberg für Ausbildung junger Spieler und stellt sich Kritik.

Pinneberg.  „Den Clubs kann ich nur empfehlen, mit guten Trainern und einer guten Infrastruktur Spieler der örtlichen Umgebung auszubilden. Diese Jungs bringen Freunde und Verwandte zu den Spielen mit, die Söldner nicht. Macht ein Event aus euren Heimspielen, sorgt dafür, dass es der ganzen Familie gefällt, dass sich die Kinder austoben können.“ Fast überall bei den Amateurspielen im Kreis Pinneberg bleiben die Zuschauer weg, die wenigen Top-Paarungen ausgenommen. Bei seinem Besuch des SC Pinneberg anlässlich des 100. Geburtstages hat Reinhard Grindel einen Vorschlag unterbreitet, den Schwund zu stoppen. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, seit dem 15. April 2016 für die Belange von über sieben Millionen Kickerinnen und Kickern in fast 25.000 Vereinen zuständig, bezog aber auch zu vielen anderen Problemen Stellung.

Grindel sieht kein Zurück mehr zur alten Anstoßzeit der Profis

Bei aller Sorge der Amateure, von den Profis und dem Überangebot an Fußball im Fernsehen ins Abseits gedrängt zu werden, gebe es kein Zurück mehr zur Anstoßzeit von neun Bundesligapartien ausnahmslos am Sonnabend um 15.30 Uhr. „Unsere Clubs hätten statt 1,1 Milliarden nur noch 300 Millionen in der Kasse und wären international nicht mehr wettbewerbsfähig. Das macht die Deutsche Fußball-Liga nicht mit.“

SCP-Torwart Florian Jensen wollte wissen, warum der europäische Verband UEFA nun noch einen dritten Pokalwettbewerb für Clubmannschaften auf die Konsumenten loslässt. Grindel, Vizepräsident der UEFA, hatte dafür gestimmt. „Denn das ist eine zusätzliche Geldquelle für die Clubs der kleinen Länder, die uns bei der EM-Bewerbung unterstützt haben. So ist das, ein Geben und Nehmen“, erklärte er.

Das desaströse Jahr der Nationalmannschaft hat der gebürtige Hamburger abgehakt. „Ich hätte mir auch eine bessere WM und einen Sieg zum Abschluss der Nations League in Gelsenkirchen gegen die Niederlande gewünscht. Das ist jetzt aber nicht mehr zu ändern. Ich freue mich auf die Zukunft. Die Euro 2024 im eigenen Land wird eine überragende Wirkung auf unseren Fußball haben.“

Das muss sie auch. Als Grindel die Kinder und Jugendlichen im SCP-Clubheim nach ihren Lieblingsspielern fragte, hörte er vor allem ausländische Namen. Cristiano Ronaldo (Portugal), Kylian Mbappé (Frankreich). Grindels Reaktion fiel ironisch aus: „Da kann man mal sehen, wie beliebt die deutsche Nationalmannschaft zurzeit ist.“ Der frühere Bundestagsabgeordnete der CDU erzielt damit einen Lacherfolg, auch, als er auf die fehlenden Kunstrasenplätze und die eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten in der Kreisstadt angesprochen wird. „Und ich dachte immer, Pinneberg sei reich.“

Helmuth Laws (87) hatte sich vom Trubel um Grindel zurückgezogen und ruhte sich auf seinem Sitzplatz aus. 70 Jahre lang hatte er im Namen des SCP zur Pfeife gegriffen. Mittlerweile plagen den Hamburger Verband Nachwuchssorgen. Grindel gab den jungen Schiedsrichtern einen Rat mit auf den Weg. „Lasst euch von einem erfahrenen Mann zu euren ersten Spielen begleiten, der euch unterstützt. Ich selbst wäre gerne Schiedsrichter geworden. Hätte mich damals beim SC Victoria mal einer an die Hand genommen.“

Zwei Stunden ging das so. Gelassen stellte sich Grindel allen Fotowünschen und Fragen, die auf ihn einprasselten. Zwei Tage vorher hatte er noch in Dublin mit dem Exekutiv-Komitee der UEFA die Einführung des dritten europäischen Pokalwettbewerbs beschlossen. Dann jettete er nach Frankfurt, wo sich die Zweitligaclubs auf die Abschaffung der Montagsspiele ab der Saison 2021/22 einigten.

Grindel besucht trotz vollem Terminkalender Vereine

Grindel blätterte in seinem Terminkalender. „Über fehlende Einladungen kann ich mich nicht beklagen.“ Im Januar geht es nach Budapest (Treffen mit Nachbarverbänden) und nach Rom (Sitzung des Welt-Fußball-Verbandes FIFA), im Februar wieder nach Rom (UEFA-Kongress) und zu Werder Bremen (125-Jahre-Feier), im März nach Miami, wo die Pläne für eine überarbeitete Club-WM und eine weltweite Nations League vorgestellt werden. Zwischendurch also Pinneberg. „An die Basis. Das mache ich einmal im Monat, um mich herzlich bei den Ehrenamtlichen für ihre wichtige Arbeit zu bedanken. Der SCP war dran, weil mich Dirk Fischer darum gebeten hat“, sagte er.

Fischer ist Präsident des Hamburger Verbandes. Ihn hatte Herbert Asmus (66), langjähriger SCP-Mitarbeiter, anlässlich des offiziellen Empfangs zum 100. Geburtstag am 12. Oktober angesprochen. „Können Sie sich nicht dafür einsetzen, dass uns der DFB-Präsident besucht?“ Geglückter Doppelpass. Der Hamburger Fußball-Boss vertritt aber nicht in allen Punkten dieselbe Position wie der oberste Schirmherr: „Ein Hamburger wird Tennis-Weltmeister und nur 150.000 sehen zu, bei Sky. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht komplett ans Privatfernsehen verkaufen, dann geht der Sport nämlich kaputt. Das habe ich Reinhard auch gesagt.“

Am Ende des vom SCP-Vorsitzenden Claus Ricke erhofften „regen Gedankenaustausches“ räumten Petra Zapke, Urgestein der Fußball-Frauen, und die dritte Spartenvorsitzende Nicole Schulz die Gläser ab. SCP-Stürmer Sebastian Fröhlich gönnte sich einen letzten Schluck und bilanzierte: „Ein ganz lockerer Typ, der Grindel. Mit dem würde ich einen trinken.“