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Wie ein Elmshorner mit Gewaltvideos Geld verdient

Wie auf diesem nachgestellten Symbolfoto könnte ein Bedrohungsszenario aus einem Video aussehen, das junge Internetnutzer fasziniert.

Wie auf diesem nachgestellten Symbolfoto könnte ein Bedrohungsszenario aus einem Video aussehen, das junge Internetnutzer fasziniert.

Foto: Frank May / picture alliance / Frank May

Mann veröffentlicht Filme von fingierten Straftaten. Seine Zuschauer finden es am tollsten, wenn auch noch die echte Polizei kommt.

Elmshorn.  Ein selbst ernannter Filmemacher aus Elmshorn hat mit seinem auf der Internet-Videoplattform Youtube veröffentlichten Material offenbar bereits zwei Polizeieinsätze in der Stadt ausgelöst. In einem Fall, über den das Landespolizeiamt Schleswig-Holstein am Mittwoch berichtet hat, ist ein gestelltes Szenario Anlass für das Einschreiten der Ordnungskräfte gewesen. Mehrere junge Männer, die ihr Gesicht hinter Masken versteckten, demolierten in einem Firmengebäude die Büroeinrichtung - diese Bilder sind in dem Video zu sehen.

Über einen sogenannten Live-Stream können Zuschauer das Geschehen in Echtzeit verfolgen. Jemand hält diese Darstellung für authentisch - und alarmiert die Polizei. Die schickt daraufhin mehrere Streifenwagen zu dem angeblichen Tatort auf einem Firmengelände in einem Elmshorner Gewerbegebiet. Dort treffen die Polizisten die 18 und 19 Jahre alten Darsteller an, die sich noch mitten in dem Videodreh befinden.

„Diese Videos sind mehr als nur schlechte Scherze. Sie können Unbeteiligte gefährden oder ungerechtfertigte Notrufe auslösen“, erklärt Dennis Schneider vom Landespolizeiamt in Kiel. Die „Youtuber“ nähmen billigend in Kauf, dass die Szenen einer zufällig gefilmten echten Straftat täuschend ähnlich sehen. Auf diese Weise entstünden spannende Videos, die den Kanalbetreibern schnell Reichweite, Klicks, neue Abonnenten und damit Einnahmen bringen.

Und das ist kein Einzelfall, nicht mal in Elmshorn. Fall zwei: Ein junger, dicklicher Mann sitzt in seiner Wohnung vor einem Computer, das Fenster hinter ihm ist halb offen. Er spielt Computerspiele, und die Welt kann ihm dabei zusehen – übers Internet, wiederum auf Youtube . Plötzlich fliegt ein Böller durchs Fenster. Diesmal ist es der Computerspieler, der die Polizei ruft. Die Beamten erscheinen mit mehreren Streifenwagen und nehmen den Fall auf. Auch zu diesem Zeitpunkt läuft die Kamera weiter. Die Zuschauer in aller Welt bekommen den Polizeieinsatz live mit.

Was wiederum nach einer Straftat aussieht, dürfte ein einträgliches Geschäft sein. Der Videospieler – er ist auch an einem offenbar ebenfalls in Elmshorn gedrehten Messer-Video beteiligt – hat auf Youtube rund 370.000 Abonnenten. Gerade unter Kindern und Jugendlichen ist der Elmshorner durchaus bekannt. Sein Kerngeschäft: Er spielt Computerspiele und kommentiert, was er macht. Das finden insbesondere Jungs im Alter zwischen zehn und 14 Jahren toll. Sie klicken die Videos an, und jeder Klick bringt dem sogenannten Filmemacher Geld ein. Wie viel genau, ist geheim, allerdings besagt eine Faustregel, dass für je 1000 Aufrufe rund zwei Euro drin sind, dazu kommen Werbedeals, die der Youtuber selbst abschließt. Auch hier gilt: je mehr Klicks, desto mehr Geld.

Werden die Computerspiel-Videos des Elmshorners im Schnitt 60.000-mal aufgerufen, hat der Böller-Film 750.000 Klicks generiert – und mit ihnen entsprechende Einnahmen. Das Ganze scheint sorgfältig geplant zu sein. So hat der Computerspieler in den Wochen vor dem Böller-Video in seinen Youtube-Beiträgen immer wieder behauptet, er werde bedroht. Und genau diese Beiträge, in denen teilweise vor der Kamera augenscheinlich Autos zerkratzt oder Messer nach Personen geworfen werden, werden tatsächlich rund zehnmal öfter angesehen als die anderen.

Für den Elmshorner „Youtuber“ könnten die mutmaßlich inszenierten Vorfälle ein Nachspiel haben. Schließlich muss man für das Vortäuschen einer Straftat mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe rechnen – und die Verursacher müssten für die teilweise hohen Einsatzkosten aufkommen. Auch Straftaten wie etwa Körperverletzung, Nötigung, Störung des öffentlichen Friedens durch das Androhen von Straftaten können in Betracht kommen. In einem Fall soll die Polizei bereits Strafanzeige gegen einige Beteiligte gestellt haben.

In der Vergangenheit kam es in Teilen der Youtube-Szene bereits häufiger zu Polizeieinsätzen aufgrund von gestellten Straftaten oder geschmacklosen Streichen. So platzierte ein Hamburger „Youtuber“ Rucksäcke in der Hamburger Innenstadt, rief „Lauft lieber, wenn euch euer Leben etwas wert ist!“ und rannte anschließend davon. Viele Passanten interpretierten den Rucksack daraufhin als Bombe und riefen die Polizei. 2017 wurde der „Filmemacher“ deshalb vom Amtsgericht Hamburg zu einer Bewährungsstrafe von sieben Monaten und 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Trotzdem: „Wir als Polizei müssen jede Meldung prüfen“, so Dennis Schneider vom Landespolizeiamt.