Pinneberg
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Waffennarr (63) will noch einen Prozess

Ein Teil der Waffen, die im Februar 2017 bei dem Pinneberger beschlagnahmt wurden

Ein Teil der Waffen, die im Februar 2017 bei dem Pinneberger beschlagnahmt wurden

Foto: Polizeidirektion Bad Segeberg / HA

Amtsgericht verurteilt den Pinneberger, der 114 Gewehre und Faustwaffen hortete, zu 19 Monaten auf Bewährung. Er geht in Berufung.

Pinneberg.  Henning von S. reicht es. „Sie haben einiges durcheinandergebracht, das wird so nicht bleiben“, ruft der 63-Jährige Richter Jens Woywod zu – und marschiert schnurstracks auf die Geschäftsstelle des Amtsgerichts Pinneberg, um Berufung gegen das gerade verkündete Urteil einzulegen. Woywod und die beiden Schöffen haben gegen den Pinneberger eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten verhängt – wegen unerlaubten Waffenbesitzes, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung des Landrats Oliver Stolz.

Die Geschichte des 63-Jährigen, der von mehreren Medien als „Waffen-Wahnsinniger“ bezeichnet worden war, hatte für Schlagzeilen gesorgt. Am 16. Februar 2017 durchsuchte ein Großaufgebot der Polizei das Privathaus des Pinnebergers und beschlagnahmte 114 Gewehre und Faustfeuerwaffen, 71.000 Schuss Munition sowie Chemikalien zur Herstellung von Munition und Sprengstoffen.

Was sie dort vorfinden würden, wussten die Beamten genau. Denn von S. besaß über Jahre sogenannte waffenrechtliche Erlaubnisse, also Waffenbesitzkarten sowie Munitionserwerbsberechtigungen – als Sportschütze, Jäger und Sachverständiger. Die hatte ihm jedoch die Waffenbehörde des Kreises am 18. Dezember 2015 entzogen, weil sie an der notwendigen Zuverlässigkeit des Pinnebergers zweifelte. Der legte erfolglos Widerspruch ein. Am 15. August 2016 wurde die Entziehung rechtskräftig. Von S. weigerte sich jedoch, das Waffenarsenal herauszugeben.

Ein Foto des heute 63-Jährigen, das einen Tag nach der Razzia in einer Boulevardzeitung erschien, zeigt einen Mann mit wirren Haaren, struppigem, grauem Vollbart, Strickpullover, Cordhose und löchrigen Socken, der in einem vermüllten Zimmer sitzt. Vor Gericht präsentiert sich der Angeklagte glattrasiert, mit geschnittenen Haaren, in Anzug und Krawatte. Doch trotz der optischen Veränderungen – die Aussagen des Pinnebergers wirken noch immer wirr. Er sagt: „Wenn eine Behörde sich nicht an Recht und Gesetz hält, muss ich das auch nicht tun.“

Und weil in den Behörden und in der Justiz Filz und Klüngel vorherrsche, habe er die eingefahrenen Pfade verlassen und die illegalen Praktiken der Kreisverwaltung, an deren Spitze der Landrat stehe, öffentlich gemacht. Von S. räumte ein, den Landrat im Internet und in Schreiben an Justiz und Polizei als „Filz-Landrat“, „Doof-Landrat“, „Nazischwein“ und „impotenten Schlappschwanz“ bezeichnet zu haben. „Ich wollte ihn zwingen, mich anzuzeigen“, so von S. Sein Kalkül: Bei einer Anzeige wird der Fall öffentlich verhandelt. So kam es dann ja auch.

Und folglich nutzt der 63-Jährige die Anklagebank als Bühne. Immer wieder gibt er sonderbar anmutende Erklärungen ab („Die Transzendenz beschützt mich“), mischt sich ein, spricht die Schöffen direkt an („Sie können den Richter überstimmen, dass ich als freier Mann rausgehen kann“) – und er stellt den als Zeugen geladenen Polizisten verquaste Fragen. Diese hätten versucht, ihn umzubringen, hält von S. den beiden Beamten vor. Die wiederum stellen den gemeinsamen Treppensturz, dem eine Rangelei während der Durchsuchung vorausging, als vom Angeklagten verschuldet dar.

„Mein Mandant mag auf viele ein wenig wunderlich, auf andere querulantisch und lästig wirken“, so Verteidigerin Annette Voges. Aber eines sei von S. nicht: eine Gefahr für die Allgemeinheit. Diese Debatte hatte Staatsanwalt Reinhold Neumann angefacht. Er regte aufgrund der wirren Aussagen des Angeklagten an, ihn psychologisch untersuchen und die Möglichkeit seiner Einweisung in die geschlossene Psychiatrie prüfen zu lassen. „Da müssten sie ja die halbe Bundesrepublik einweisen lassen“, entgegnet die Verteidigerin.

Von einer Untersuchung des 63-Jährigen, der einst in Hamburg das Sprengstoffreferat leitete, zuletzt als Gewerbeaufsichtsbeamter tätig war und jetzt nach eigenen Angaben arbeitslos ist, sah das Gericht ab. „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass sich der Angeklagte jetzt illegale Waffen besorgt und damit Unheil anrichtet“, so Woywod. Von S. habe jede Menge Waffen besessen und Kenntnis von ihrer baldigen Beschlagnahme gehabt. Passiert sei nichts. „Er macht es verbal oder schriftlich. Dass er zu körperlicher Gewalt neigt, ist nicht ersichtlich“, so der Richter weiter.

Er stellt einige Anklagepunkte mit geringer Straferwartung ein und billigt dem Angeklagten zu, dass er zum Zeitpunkt der Razzia noch einige Waffen und Munition besitzen durfte, da ihm die Waffenbesitzkarte als Jäger erst am Tag der Durchsuchung entzogen worden war. Mit der Bewährungsstrafe von 19 Monaten bleibt das Gericht fünf Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Für von S. ist es trotzdem zu viel. Er will eine weitere Bühne – im Berufungsprozess vor dem Landgericht Itzehoe.