Pinneberg
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Zwei Generationen, eine Sorge: die SPD

Das jüngste und das älteste Mitglied der Pinneberger SPD-Fraktion: Linja Voges (23) und Dieter Tietz (77). Beide haben Karl Marx gelesen und finden vieles in seinen Schriften noch heute aktuell.

Das jüngste und das älteste Mitglied der Pinneberger SPD-Fraktion: Linja Voges (23) und Dieter Tietz (77). Beide haben Karl Marx gelesen und finden vieles in seinen Schriften noch heute aktuell.

Foto: Katja Engler

Linja Voges (23) und Dieter Tietz (77) geben ihrer Partei noch Chancen. Aber vor allem machen die beiden gern Kommunalpolitik.

Pinneberg.  Wenn Linja Voges und Dieter Tietz an einem Tisch Platz nehmen, sind genau 50 Jahre kommunalpolitischer Arbeit versammelt: Der 77 Jahre alte ehemalige Verwaltungsbeamte Tietz ist seit 46 Jahren SPD-Mitglied, die Studentin der Wirtschaftspsychologie Voges (23) seit 2015 dabei und die Jüngste in der Fraktion. Beide sitzen im Rat der Stadt Pinneberg. Dennoch kennen sie einander nicht gut, denn das jüngste Fraktionsmitglied hat sich lange zurückgehalten und durch Zuhören am meisten gelernt: „Wir Jungen profitieren von den Älteren. Zum Glück ist die Quote der engagierten 18- bis 30-Jährigen in den Ausschüssen höher geworden“, sagt Linja Voges. Das freut sie.

Der ehrenamtliche Einsatz in der Politik schwankt, ist aber beträchtlich. Mal sind es vier bis sechs Stunden wöchentlich, mal zwei ganze Tage pro Woche. Je nachdem, was vor- oder nachbereitet und gelesen werden muss.

Dennoch schwärmen beide davon, was sie als Kommunalpolitiker alles lernen. Die angeschlagene SPD, die zu einer Partei „mit eingebautem Kompromiss“ geworden sei, so Tietz, erlebt derzeit einen historisch einmaligen Abschwung. „Wir müssen erst mal wissen, was wir wollen: Eine Mehrheit finden oder aufrecht bleiben“, meint er.

1971 trat Dieter Tietz in die Partei ein

Die Kommunikation nach außen, das wirksame „Verkaufen“ von Themen, „das gelingt uns am wenigsten“, urteilen beide. Mehr möchten sie dazu nicht sagen. Heute wollen sie schließlich über die Generationen umspannende kommunalpolitische Arbeit reden. Und die, so Tietz, könne nicht erfolgreich verlaufen ohne das Bemühen um Konsens und Gemeinsamkeit: „Die wichtigen Entscheidungen haben wir mit den anderen Parteien getroffen“, sagt er.

Als der Senior 1970 zum ersten Mal mit SPD-Genossen in Berührung kam, wurde in Kleingruppen Karl Marx’ Opus Magnum „Das Kapital“ durchgearbeitet: „Das hat mich und mein soziales Verständnis geprägt“, erklärt Tietz. 1971 trat er in die Partei ein, 1972 begann er, Kommunalpolitik zu machen. Gut 40 Jahre später hat auch Linja Voges ihren Marx gelesen, „aber nur in Auszügen. An Marx kommt man nicht vorbei.“ Kapitalismus-Kritik müsse erlaubt sein. Der Grundgedanke der SPD, sagen beide fast unisono, sei, alle im Blick zu haben und nicht nur die, die im Besitz der Produktionsmittel seien. Denn den Sozialdemokraten gehe es darum, „allen die gleichen Chancen einzuräumen“. Außerdem um gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Mindestlohn, gute Pflege, eine tragbare Rentenlösung.

Statt über die Bundespolitik zu schimpfen, wollen die beiden lieber darüber reden, warum sie sich in Pinneberg engagieren. Linja Voges war 2015 „aus einem diffusen Gefühl“ in die SPD eingetreten. Heute weiß sie: „Wir Jungen fangen jetzt an, die Verantwortung für das zu übernehmen, was die Älteren nicht gepackt haben.“ Beim Klimawandel sei es fünf vor zwölf, „und ich habe das Gefühl, dass das stückchenweise immer mehr politisiert. Meine Altersgruppe merkt jetzt: Wenn wir es nicht machen, macht’s keiner.“

Jüngere sind genauso eingebunden wie alle anderen

Als Jüngste fühlt sie sich unter „all den supernetten Leuten“ ihrer Partei akzeptiert: „Wir Jüngeren sind genauso eingebunden wie alle anderen.“ Linja Voges kommt aus einer rot-grün orientierten Familie. Sie lebt in Pinneberg, studiert in Hamburg Wirtschaftspsychologie und will später in der Meinungs- und Sozialforschung arbeiten.

Dieter Tietz hat schon Generationen von Genossen kommen und gehen sehen: Das Problem sei nicht, die Jüngeren zu gewinnen, sondern sie zu halten. Aus beruflichen Gründen zögen sie oft wieder fort. In den 46 Jahren SPD-Mitgliedschaft hat der ehemalige Kreisverwaltungs-Beamte nie ernstlich erwogen, nach Kiel oder gar Bonn zu gehen, sondern er will „lieber vor Ort was bewegen, wo ich die Menschen kenne und sehe, worüber man geredet hat“.

Die Folgen seines jahrzehntelangen Engagements fasst er kurz zusammen: „Das Privatleben wird beeinträchtigt. Die Familie hat mit Sicherheit darunter gelitten.“ Drei Kinder haben seine Frau und er und vier Enkelkinder. „Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich weitermachen will. Aber ich habe eben das Bestreben, etwas für andere tun zu wollen. Das ist mein ganzes Leben lang so gewesen.“

Schulen sollen auf neusten Stand gebracht werden

In der Kommunalpolitik könne er „tatsächlich was für andere tun, auch wenn der Weg manchmal beschwerlich ist“. Hilfe in höchster Not hat Dieter Tietz als kleiner Junge erlebt, als er mit seiner verwitweten Mutter und seinen drei Geschwistern aus Ostpreußen nach Pinneberg kam: „Hier hat man uns geholfen. Das hat meine Kinderzeit geprägt. Wir waren nicht auf Rosen gebettet. Ich kann mich also gut hineinversetzen in Menschen, die heute in Not sind.“ So kommt es, dass Dieter Tietz mit seinen 77 Jahren bis heute bei der Pinneberger Tafel arbeitet.

Auch Linja Voges wird von „einer ordentlichen Portion Idealismus“ getrieben und will sich deshalb unbedingt auch „außerhalb der persönlichen Karriereplanung und Wohlfühlzone bewegen“. Großen Spaß macht ihr die Arbeit im Schulausschuss: „Dazu hab’ ich eben noch einen starken Bezug. Weil ich noch so dicht dran bin. Das ist ein totaler Schatz.“ Ihr Ziel ist es, dazu beizutragen, „die Pinneberger Schulen endlich auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen“.

Weitere Infos: Der SPD-Kreisverband Pinneberg

Der Kreisverband Pinneberg der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hat derzeit rund 1700 Mitglieder. Nach der Wahl von Martin Schulz zum Parteivorsitzenden im Januar 2017 konnte der Kreisverband allein in den ersten drei Monaten 46 neue Mitglieder aufnehmen.

Bei der letzten Kreistagswahl im Mai 2018 gewann die SPD 24,4 Prozent der Stimmen. Im Vergleich zur Kreistagswahl 2013 ist dies ein Verlust von neun Prozentpunkten. Dennoch ist die Partei mit 15 von insgesamt 62 Sitzen zweitstärkste Kraft nach der CDU im Kreistag.

Außerhalb des Kreistages ist die SPD mit ihren 35 Ortvereinen in 34 Gemeinde- und Städteparlamenten im Kreis Pinneberg vertreten. Allerdings verlor sie im Mai 2018 bei den Gemeinde- und Städtewahlen im Kreis zum Teil deutlich.

Überregional stellt der Pinneberger Kreisverband drei der 21 SPD-Abgeordneten im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel: Beate Raudies aus Elmshorn, Kai Vogel aus Pinneberg und Thomas Hölck aus Haseldorf.

Ernst-Dieter Rossmann ist seit 1971 Mitglied des Ortsvereins Elmshorn und seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 2005 ist er jeweils über die Landesliste in das Parlament eingezogen. Anfang 2018 begann seine Arbeit als Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

Seit 1995 vergibt der Kreisverband jährlich den Walter-Damm Preis für soziale Initiativen. Walter Damm gehörte dem Widerstand gegen das NS-Regime an und wurde 1947 Landesminister für Umsiedlung und Aufbau. hspvk.