Pinneberg
Offenseth-Sparrieshoop

Von der neuen Lust am Verkleiden

Anna Leube (33) hat die Qual der Wahl und muss sich zwischen 1600 Kostümen entscheiden. Ihren Haarschmuck hat sie bereits gefunden: eine riesengroße Spinne.

Anna Leube (33) hat die Qual der Wahl und muss sich zwischen 1600 Kostümen entscheiden. Ihren Haarschmuck hat sie bereits gefunden: eine riesengroße Spinne.

Foto: Isabella Sauer / HA

Bald ist Halloween. Das ist ein guter Anlass für einen Besuch im mutmaßlich schrillsten Kleiderschrank im Kreis Pinneberg.

Klein Offenseth-Sparrieshoop.  Wer im Kreis Pinneberg ein Halloween-Kostüm ausleihen möchte, muss aufs Land fahren. Genauer gesagt nach Klein Offenseth-Sparrieshoop. Dort leben rund 2900 Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen könnte Heidrun Müller verkleiden. Die 56-Jährige ist seit 2013 Besitzerin des Kostümverleihs „Der Froschkönig“, und ihr Fundus ist mit 1600 Kleidern ziemlich groß.

Lediglich ein kleines rosafarbenes Schild mit einem Froschkönig darauf verrät, dass sich hinter der Tür des Einfamilienhaus ein riesiger Kleiderschrank befinden muss. Vom Hausflur aus geht es rechts in die privaten Wohnräume der Familie Müller, links führt eine Treppe hoch in den knapp 60 Quadratmeter großen Kostümverleih. Schon der Treppenaufgang lässt erahnen, was den Kunden gleich erwarten wird. In Reih und Glied stehen Schuhe in sämtlichen Farben und Größen parat: XXL-Goldschuhe, Cowboy-Stiefel und Clownsgaloschen. Daneben ein weißes Regal, vollgestopft mit Mützen für Polizisten, Schiffskapitäne und Piloten. Auf der rechten Seite dann ein Raum mit vielen Kleiderstangen, jede voll mit bunten Kostümen. Und dann: Hüte, Schmuck – und noch mehr Schuhe.

Müller hat Kostüme nach Zeitalter und Themen sortiert

Wie lässt sich hier überhaupt ein Kostüm finden? Dass das Genie meist sein eigenes Chaos überblickt, beweist Geschäftsführerin Heidrun Müller (56) auf Anhieb. Sie sagt: „Ganz hinten rechts in der Ecke beginnt das Steinzeitalter, dann kommen hier die Römer, dort das Mittelalter mit Burgfräulein und Ritter und hier ...“ Die Aufzählung geht noch einige Minuten weiter, während Müller zwischen den Kleiderstangen hin und her läuft.

Dann ruft plötzlich Tochter Melina Müller (32) aus einem anderen Raum des Obergeschosses ihrer Mutter zu, dass sie nun mit ihren Freundinnen kommen werde. Melina, Hanna Schwarz (32) und Anna Leube (33) wollen auf eine private Halloween-Party gehen und suchen dafür noch ein passendes Outfit. Die Tochter des Hauses kennt sich schon ganz gut aus und sagt: „Ich hätte gern das Kostüm der blutigen Zimmerdame.“ Mutter Heidrun läuft zu der Kleiderstange, an der die meisten Halloween-Kostüme hängen. Sie sagt: „Früher gab es viele Kunden, die Traditionelles wie Hexe und Vampir wollten, heute muss es schon ausgefallener sein.“ Zack, das Zimmermädchen-Kostüm ist gefunden. Kurz, knapp und schaurig. Auf dem Weg zum kleinen Ankleidezimmer stolpert Melina noch über ein Paar rote Lackpumps. „Oh mein Gott, wie schrecklich schön“, sagt sie und verschwindet. Freundin Anna hat sich in der Zwischenzeit selbstständig umgeschaut und ist bereits umgezogen, steht vor einem großen Spiegel und lässt ihr graues Hemdchen von Heidrun Müller zurechtzupfen. „Ich gehe als laufender Tod, schön schlicht“, sagt die 33-Jährige und grinst erst in den Spiegel, dann verzieht sie ihre Mundwinkel. Irgendwas fehlt noch. Das sieht auch ihre Beraterin so, deren Kopf in einem großen, bunten Bauernschrank verschwindet, während sie nach Haarschmuck und einer Kette sucht. Zack: Stacheldraht-Imitat für den Hals, eine fiese Spinne für das Haar.

Christoph Weber leiht sich ein Matrosen-Kostüm aus

Jetzt fehlt nur noch ein Kostüm für Hanna Schwarz (32), die mit einem strahlenden Gesicht durch den Verleih läuft. „Für dich darf es ruhig etwas knalliges sein,“ sagt Heidrun Müller. Sie zieht ein voluminöses, langes rotes Kleid von der Stange. Dann gibt es dazu noch eine Perücke mit rot-schwarzen Locken, einen fetten Ring und einer überdimensionalen Spinne für das Dekolleté. Die Kleider werden gerade übergeben, als es im selben Moment an der Haustür klingelt.

Es ist Christoph Weber (27), der einen Termin für eine Anprobe ausgemacht hat. Der Kostümverleih „Der Froschkönig“ hat nämlich keine geregelten Öffnungszeiten, sondern hier läuft alles nach Absprache. Die Hausherrin hat nämlich noch einen Zweitjob im Büro. Weber staunt beim Anblick des begehbaren Kleiderschranks und sagt dann: „Ich wollte mein Matrosen-Kostüm abholen.“ Er geht auf eine Halloween-Party nach Schenefeld, will aber kein gruseliges Outfit tragen. Und siehe da: Das Kostüm passt. Für ein Matrosenhemd plus Mütze sind 13 Euro fällig, zuzüglich Kaution. „Soll ich das Kostüm gewaschen zurückbringen?“, fragt Weber. „Nicht nötig“, sagt Müller, denn all die Kleider seien ihr Kapital. „Ich wasche und bügel lieber selbst.“

Kunden holen ihre bestellte Ware beim „Froschkönig“ ab

Weber ist weg, die drei jungen Damen ziehen sich immer wieder neue Grusel-Kostüme an, Heidrun Müller eilt ständig nach unten zur Tür. Bestellte Ware wird abgeholt. Die Abnehmer kommen aus dem gesamten Kreis Pinneberg, aber auch aus Hamburg. Kurz vor Halloween ist Hochsaison, ebenso zur Oktoberfest-Zeit. Und dann steht ja bald Weihnachten vor der Tür, wenn viele Weihnachtsmänner und Engel in Klein Offenseth-Sparrieshoops großem Kleiderschrank nach einem neuen Outfit suchen.

Adressen weiterer Kostümverleihe:

Klein Offenseth-Sparrieshoop: „Der Froschkönig“, Horstheider Weg 11, Infos unter www.kostuemverleih-froschkoenig.de und Telefon 0 41 21/579 88 01;Termine auch am Wochenende.
Wedel: Elke Lustig Kostümverleih, Lindenstraße 68, Mo. bis Fr. 12–19 Uhr, Infos unter Telefon 041 03/42 53.
Quickborn: H. Klaus Kostümverleih, Kieler Straße 126, Infos unter Telefon 041 06/814 00.