Pinneberg
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Im Fokus stehen Krieg, Flucht und Sprache

Gudrun Wolff-Scheel und Martin Musiol in der Drostei. Auf dem Postament steht die Sandstein-Skulptur von Gudrun Wolff-Scheel, „Der Denker“ .

Gudrun Wolff-Scheel und Martin Musiol in der Drostei. Auf dem Postament steht die Sandstein-Skulptur von Gudrun Wolff-Scheel, „Der Denker“ .

Foto: Katja Engler

Jahresausstellung der Künstlergilde Kreis Pinneberg in der Drosterei. Vernissage ist am Sonnabend. Ausstellung bis Mitte November.

Pinneberg.  Für ihre Jahresausstellung in den Gartensälen der Drostei hat sich die Künstlergilde des Kreises das große aktuelle Thema Krieg, flüchtende Menschen, Sprachelernen und Freundschaft gesetzt. Elf Künstlerinnen und Künstler präsentieren überwiegend Bilder und einige Skulpturen, in denen sie sich ihm annähern. Vernissage ist diesen Sonnabend um 16 Uhr.

Es gibt kaum eine biblische Geschichte, die symbolträchtiger für das Thema und die Gegenwart wäre als die vom Turmbau zu Babel, mit dem sich neben vielen anderen Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel der Ältere, und im 20. Jahrhundert M.C. Escher auseinandergesetzt haben – und auch die Bildhauerin Gudrun Wolff-Scheel.

Von der Faszination des Mittelalters inspiriert

Die alte Geschichte erzählt, wie die Menschen in ihrer Selbstüberschätzung einen Turm in den Himmel bauen wollen, weil sie glauben, Gott überflügeln zu können. Folglich sorgt Gott für die viel zitierte babylonische Sprachverwirrung – der Bau endet, weil die Arbeiter sich nicht mehr verständigen können.

Der Turm zu Babel von Gudrun Wolff-Scheel ist sehr ästhetisch aus Sandstein gehauen, die schneckenförmig aufstrebenden Kurven rund um den Bau tief in den Stein geschnitten. Chaotisches Gekrakel als Symbol für das Sprachen-Durcheinander hat sie wie ein feines Muster eingearbeitet. „Das Mittelalter ist mein Thema“, sagt die Bildhauerin. „Es hat eine unglaubliche Faszination und wirkt weiter bis heute.“

Skulptur erinnert an Ausrottung von Elefanten

Auf der anderen Seite des Raumes steht ihre Elefanten-Skulptur. Sie heißt „Nous“ (französisch: wir): Sehr knapp hat sie die schweren Füße des Tieres an den Kanten eines Holz-Podests aufgestellt, jederzeit könnte der Elefant herunterfallen. Mit dieser Skulptur übt die Künstlerin direkt Kritik an der gewaltsamen Ausrottung von Elefanten durch Wilderer.

Sehr atmosphärisch wirkt dagegen ein großes Ölgemälde von Freddy Rode, das im Stil des Phantastischen Realismus etwas Traumhaftes hat. „Die Umwelt ist seit 65 Jahren mein Thema“, sagt der Maler dazu und ergänzt: „Die Natur und wie wir Menschen mit ihr umgehen.“ Sein Bild erstrahlt von einer aufgehenden Sonne, die eine weich gewölbte Hügellandschaft um ein Gewässer erleuchtet. Über dem Wasser schwebt ein voll besetztes Segelboot. Rode wollte mit seinem Bild das Gefühl einfangen, das Menschen bewegt, ihre Heimat zu verlassen, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben in Frieden.

Den Verlust der Heimat nie verwunden

Dass zur Vernissage der Ausstellung der syrisch-armenische Opernsänger Kevork Moutafian singen wollte, der jetzt aber zurück nach Armenien gegangen ist, damit hat sich der Künstler Martin Musiol auseinander gesetzt. Den Sänger hat er in einem collagenhaften Porträt skizziert, daneben befindet sich das roh wirkende Bild eines Flüchtlingsstroms im Schnee, dessen Himmel er mit so breiten Pinselschwüngen auf Pappe gemalt hat, dass die braune Pappe durchschimmert. „Ich wollte das Brutale der Flucht zeigen und die Verbindung zwischen beiden Lebensgeschichten“, sagt Musiol dazu.

Als der Sänger von seiner Flucht erzählte, habe er sich an seine eigene Familiengeschichte erinnert, die ihm und vor allem seinen Eltern, die aus Ostpreußen vertrieben wurden, noch immer in den Knochen steckt: „Den Verlust ihrer Heimat haben sie nie verwunden.“

Abstrakter nähert sich die Künstlerin Bettina Jungmann dem Thema in teils gedruckten, teils gemalten rot-schwarzen Bildern, die spontan an Brettspiele erinnern. Sie loten den Bewegungsradius schablonierter Figuren auf immer unterschiedliche Weise aus. Im letzten der vier Bilder ist die eingrenzende Struktur dabei, sich aufzulösen, und eine schemenhafte Figurengruppe hat an Bewegungsfreiheit gewonnen.

Jahresausstellung der Künstlergilde Kreis Pinneberg, Vernissage: Sa 27.10., 16 Uhr, Ausstellung bis 11.11., Drostei, Dingstätte 23, Mi-So 11 bis 17 Uhr, Eintritt frei