Pinneberg
Kennzeichen H

Wie ein Ausflug in die USA der Sechzigerjahre

Foto: Rainer Burmeister

In der Serie Kennzeichen H stellen wir ihn loser Folge Automobilklassiker vor. Heute: den Chrysler 300M des Quickborners Arno Ullrich.

Quickborn.  Der in vielen Witzen verbreitete Breitmaulfrosch hätte hier keine Chance: Denn die Front des historischen Chrysler 300M, Baujahr 1962, mit dem ausladenden Kühlergrill und den seitlich schräg angesetzten Scheinwerfer-Einheiten rollt dermaßen raumgreifend ins Blickfeld des Betrachters, dass der nicht minder wuchtige Rest der Karosserie fast ins Hintertreffen gerät. Stolzer Besitzer des immerhin fast fünfeinhalb Meter langen, knallrot lackierten zweitürigen Coupés mit den funkelnden Chromleisten rundum ist Arno Ullrich.

Das Herz des 58-jährigen Quickborners schlägt schon lange für amerikanische Oldtimer. Dabei haben es ihm vor allem die besten Stücke des Autoherstellers Chrysler angetan. Seit November vergangenen Jahres gehört Ullrich der nur in wenigen Tausend Exemplaren gebaute Zweitürer mit dem atemberaubenden Styling. „Das Vorgängermodell hatte noch Heckflossen“, erläutert der Experte. Doch die hätten in der Linienführung wie aus einem Guss eigentlich nur gestört, stellt man beim seitlichen Betrachten fest. Denn ohne Flossen bildet die langgestreckte Motorhaube mit dem nicht minder voluminösen Hinterteil einen fast höhengleichen Verlauf. Krönung ist allerdings das hinter der gewölbten Windschutzscheibe sich anschließende kuppelartige Coupédach, dessen Rückfenster fast nahtlos an das Karosserieheck anschließt.

Wer in den Straßenkreuzer einsteigt, erlebt einen Ausflug in die 1960er-Jahre. Rot ist passend zum Lack auch auf den Sitzbänken, den Türverkleidungen und sogar im Fußraum die dominierende Farbe. Auf den sanft federnden Lederpolstern lässt es sich besser aushalten als auf manchen modernen Fernsehsesseln. Um den Nostalgietrip perfekt zu machen, fehlt eigentlich nur noch Marilyn Monroe als Beifahrerin. Doch am Platz hinter dem schmalen Lenkradkranz gibt es auch so genug zu entdecken. Das Cockpit mit dem schwarz umrandeten Armaturenbrett und den vielen verchromten Schaltern und Drucktasten erinnert im Styling an eine Jukebox. Ein Schallplattenwechsler ist zwar nicht an Bord, doch ein Radio mit Stationstasten gibt es schon. Auch die Dreigang-Automatik wird mit einer Tastatur bedient.

Achtzylinder meldet sich mit Auspuffgrollen

Wenn Arno Ullrich den Motor startet, meldet der sich mit dumpfem Auspuffgrollen. Das Achtzylinder-Aggregat in V-Form, ein Big-Block, wie die Fans sagen, erzeugt aus mal eben 6,3 Litern Hubraum satte 305 PS. „Es kann aber auch ein bisschen mehr sein“, mutmaßt Ullrich. Denn nach der Übernahme des Oldtimers, der bereits über ein steuerbegünstigtes H-Kennzeichen verfügte, wurde eifrig Aufbauarbeit geleistet. Das war auch nötig. „Der Motor lief polternd wie ein Sack Nüsse und hing nicht gut am Gas“, beschreibt der Quickborner die Eindrücke einer ersten kleinen Probefahrt. Deshalb verzichtete Ullrich, der beruflich nichts mit der Automobilbranche zu tun hat, auch auf eine Überführung des Chryslers auf eigenen vier Rädern und ließ sein Traumschiff per Tieflader transportieren. Entdeckt hatte er das betagte Coupé als Angebot in einem Internet-Portal für Gebrauchtwagen. Der Vorbesitzer, ein Privatmann aus dem fernen Allgäu, war erst der zweite deutsche Eigentümer. Ursprünglich stammt der Chrysler aus Staunton im US-Bundesstaat Virginia. Bis sich Käufer und Verkäufer handelseinig geworden waren, dauerte es ein paar Wochen. Dann konnte Ullrich den Oldtimer für 17.800 Euro übernehmen. „Zuerst wollte der Verkäufer 25.000 Euro haben“, freut sich der Chrysler-Fan. Ein Schnäppchen? Hierzulande wohl schon. Doch in den USA hatte das Coupé für 3500 Dollar den Besitzer gewechselt.

Inzwischen wurde der Achtzylinder unter anderem mit einer neuen Nockenwelle versehen und erhielt einen Spezialvergaser. Weitere technische Aufbauarbeit machte den 300M zu einem zuverlässigen Senior, der auch auf Reisen nicht aus der Puste kommt. Unterwegs bevorzugt Ullrich allerdings die gemächliche Gangart und fährt lieber auf Landstraßen als auf Autobahnen.

Auf große „Männertour“ nach Schweden ging es im Konvoi mit weiteren Autofans im Juli. Vater Arno und Sohn Lennard Ullrich machten sich gleich mit zwei Autos auf den Weg: Arno fuhr den roten Chrysler, Lennard war mit seinem Dodge Polara, Baujahr 1963 und ebenfalls ein Modell aus dem Chrysler-Konzern, unterwegs.

Beim Big-Block-Treffen in Schweden dabei

Zunächst enterte das Familienduo in Kiel die Fähre nach Göteborg. Von dort aus ging es dann 400 Kilometer nordöstlich nach Västeras westlich von Stockholm. In der Kleinstadt findet auf einem Flugplatz jährlich das größte Big-Block-Treffen Europas mit bis zu 15.000 Fahrzeugen, einem mehrtägigen Showprogramm und Autokorsos der betagten Amischlitten statt. Ehrensache war es für die Quickborner, mit ihren automobilen Prachtstücken dabei zu sein.

Dass die Freude an den großen Straßenkreuzern im Familienverband ansteckend sein könnte, ist gesichert. Arnos Ehefrau Petra Ullrich fährt zwar keinen Chrysler, dafür aber einen 1962er Mercury Monterey des US-Herstellers Ford.