Pinneberg
Kreis Pinneberg

Schäfer fordern wolfsfreie Dörfer im Land

Tobias und Gabriele Belch von der Bürgerinitiative wolfsfreie Dörfer stehen zwischen Texel- und Schwarzkopfschafen in Westerhorn

Tobias und Gabriele Belch von der Bürgerinitiative wolfsfreie Dörfer stehen zwischen Texel- und Schwarzkopfschafen in Westerhorn

Foto: Sebastian Becht

Neue Bürgerinitiative will auf die zunehmenden Nutztierrisse im Kreis Pinneberg aufmerksam machen – fordert mehr Unterstützung.

Kreis Pinneberg.  Tobias Belch reicht es. „Ich hatte innerhalb einer Woche drei Übergriffe, bei denen Wölfe sieben meiner Schafe gerissen haben“, berichtet der 49-Jährige aus Heede verärgert. So könne es nicht weitergehen. Deshalb hat der Schäfer gemeinsam mit seinem Kollegen Volker Kruse aus Westerhorn eine Bürgerinitiative gegründet – für wolfsfreie Dörfer in Schleswig-Holstein. Die momentan etwa 20 Mitglieder wollen für ihr Problem sensibilisieren und fordern von der Politik mehr Unterstützung beim Schutz ihrer Tiere. Zwar gebe es Hilfe vom Land, aber die sei bei weitem nicht ausreichend.

„Unsere Nutztiere müssen geschützt werden, wir wollen nicht jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Weide gehen“, sagt Belch. Er hält gemeinsam mit seiner Frau etwa 1000 Schafe. Trotz Zauns wurden Tiere am 4. Oktober angegriffen. Seither sei es ruhig gewesen. Das habe aber mit einer Art Discolicht auf seiner Weide zu tun, die vom Land Schleswig-Holstein bereit gestellt wurde. Das Gerät verfügt über neun LED-Lampen, die nach dem Zufallsprinzip blinken. Dadurch sollen Raubtiere abgeschreckt werden. Das funktioniere aber nur für etwa drei Wochen, bis sich die Wölfe an das Licht gewöhnt haben. „Wir wissen nicht, was wir danach tun sollen und fühlen uns im Stich gelassen“, kritisiert Belch.

Angst um Kinder wegen vermehrter Wolfsangriffe

„Wir fordern, dass man uns klar sagt, wie es weitergehen soll“, sagt Nicole Kruse von der Bürgerinitiative. Von den etwa 700 Schafen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann in Westerhorn hält, hätten Wölfe bereits vier gerissen. Vom Land gab es deshalb etwa 12.000 Meter elektrischen Zaun als Leihgabe. Den mussten die beiden aber selbst aufstellen. „Das dauert wahnsinnig lange, und dabei bleibt es ja nicht“, ärgert sich Kruse. Schafe müssten alle paar Wochen die Weide wechseln, sobald diese abgegrast ist. Jedes Mal den Zaun zu versetzen, sei für einen kleinen Familienbetrieb wirtschaftlich auf Dauer nicht machbar. Außerdem glaube sie nicht daran, dass der Zaun mit einer Höhe von knapp einem Meter einen hungrigen Wolf langfristig abhalte: „Unser Border Collie springt da auch rüber.“

Die Initiative wolle verhindern, dass es „so weit kommt wie in der Oberlausitz“, sagt Kruse. Am Dienstag hatte ein Wolfsrudel nahe der Ortschaft Förstgen in Sachsen eine eingezäunte Herde mit Schafen und Ziegen angegriffen und dabei 45 Tiere getötet. „Was muss denn noch passieren?“, fragt Kruse und fügt hinzu: „Ich habe langsam auch Angst um meine Kinder.“ Sie hat zwar Verständnis für die große Begeisterung mancher über die Rückkehr der Wölfe, sagt aber auch: „Die Städter sind nicht betroffen, für uns geht es um die Existenz.“ Was genau getan werden soll, weiß die Initiative auch nicht genau. Eins sei aber klar: „Wir fordern nicht, dass einfach alle Wölfe abgeschossen werden“, betont Kruse.

Das wäre rechtlich auch gar nicht möglich. „Der Wolf ist ein streng geschütztes Tier – auf das Töten stehen bis zu fünf Jahre Haft“, sagt Jens-Uwe Matzen. Der Forstwirt koordiniert im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein 70 Wolfsbetreuer, die bei Zwischenfällen für schnelle Hilfe sorgen sollen. „Der Mensch muss sich darauf einstellen, dass der Wolf bleiben wird und sich arrangieren“, sagt der 61-Jährige. Das sei von einer Mehrzahl der Bevölkerung gewollt. Eine 100-prozentige Sicherheit für Nutztiere werde es nie geben. Menschen seien aber nicht gefährdet. Anders sieht es mit Hunden aus. „Die gehören zum Beutespektrum und sollten in Wolfsgebieten an der Leine geführt werden“, so Matzen. Laut dem Forstwirt tut das Land viel für Betroffene. Zum Beispiel komme bei Verdacht auf einen Wolfsangriff ein speziell ausgebildeter Rissgutachter, der alles dokumentiert und den Kadaver in die Pathologie schickt. Stellt sich heraus, dass es ein Wolf war, könne der Betroffene einen Antrag auf Entschädigung stellen. Dabei werden 80 Prozent des geschätzten wirtschaftlichen Werts ersetzt.

Zu langsam und zu wenig, findet Belch. „Die Entschädigung ist bei weitem nicht hoch genug“, sagt der Schäfer. Außerdem sei der Prozess zu bürokratisch, und es dauere viel zu lange – auch weil die Behörden durch die vielen Risse überlastet seien. Dass die in Schleswig-Holstein immer mehr werden, bestätigt Martin Schmidt als Sprecher des zuständigen Landesamtes: „Die Risszahlen haben seit Mai diesen Jahres erheblich zugenommen.“