Pinneberg
Einzelhandel

Auf Einkaufsreise durch den Kreis Pinneberg

Im Nur Markt in Pinneberg kümmern sich die beiden Inhaber Can (l.) und Ercan Saric – hier mit ihrer Angestellten Ziba Bayramova – um die Kunden

Im Nur Markt in Pinneberg kümmern sich die beiden Inhaber Can (l.) und Ercan Saric – hier mit ihrer Angestellten Ziba Bayramova – um die Kunden

Foto: Katja Engler

Eine Handvoll spezialisierter Supermärkte bietet Lebensmittel aus fernen Ländern an. Das Abendblatt hat drei besucht.

Pinneberg/Elmshorn.  Selbst wenn das Reisen rund um den Erdball schon fast zur Norm geworden ist, mag und kann das nicht jeder. Wer aber zu Hause bleibt, muss noch lange nicht täglich das Gleiche kochen und zuvor dieselben Regale entlanglaufen. In Pinneberg und Elmshorn halten sich einige wenige Supermärkte mit einem spezialisierten Sortiment. Wer sie betritt, hat eine Einkaufsreise angetreten und wird staunen, was es direkt vor der Haustür so alles zu entdecken gibt.

Ihren reichen Erfahrungsschatz haben sich die beiden türkischen Brüder Ercan (51) und Can Saric (38) hart erarbeitet. Der Ältere hat 1988 bei seinem Onkel im Hamburger Schanzenviertel angefangen und dann noch drei weitere türkische Supermärkte in und um Hamburg aufgebaut, beide Männer haben auf dem Großmarkt geschuftet und in diversen Läden. 2013 haben sie in der Pinneberger Innenstadt den Nur Markt eröffnet. Ercan Saric: „Wir hatten beide viel Erfahrung gesammelt und verstehen uns blind. Da dachten wir, wir können das zusammen machen.“ Über die Entscheidung sind sie bis heute froh.

Wer gern kocht und am Herd experimentiert, dem wird hier das Herz aufgehen: Massenhaft exotische Gewürze, jede Sorte Hülsenfrüchte, gerösteter Buchweizen, frische ganze Fische, frische Kräuter in dicken Bündeln, leckere Oliven, arabischer Dattelsirup, Rosenwasser, Walnussöl, täglich frische Fladenbrote und zum Nachtisch Konfekt, von dem eine verführerische Orientalin lächelt und „Turkish Delight“ verspricht – all das steht in den Regalen.

Die 13 Angestelltensind ein multikulturelles Team

Ihre Orient-Balkan-Spezereien sind deshalb so herrlich, weil die Menschen, die den Nur Markt in den vergangenen fünf Jahren betreten haben, wissen, was gut ist: „Unsere Kunden haben uns gesagt, was sie sich wünschen. Wir haben es über unsere Lieferanten besorgt – und wenn es noch anderen gefiel, hat sich dadurch unser Sortiment erweitert“, erzählt Can Saric. Seit 2013 haben sie ihren Umsatz verdoppelt: „Mundpropaganda ist wichtig. Deshalb ist uns der freundliche Umgang mit unseren Kunden auch sehr wichtig. Und wer findet, was er sucht, kommt wieder.“

Ercan Saric hat einen 15- bis 18-Stunden-Tag: „Ich arbeite gern“, sagt er. Die 13 Angestellten kommen aus Italien, Griechenland, den arabischen Ländern, den kurdischen Regionen, aus Bulgarien, Russland, Aserbaidschan, Rumänien, Frankreich, England und der Türkei. Wo Politiker in letzter Zeit ein permanentes Problem herbeireden, sagt Can Saric hier aus Erfahrung: „So was ist fröhlich. Was Schönes. Das macht Spaß. Und man lernt voneinander.“ Zur Mittagszeit stehen die Chefs in der engen Küche hinter den Theken am Herd und kochen für alle: „Wir sind ja den ganzen Tag hier.“ Da soll es auch etwas Gutes zu essen geben.

Gegenüber vom Nur Markt bietet der Asia Markt ein anderes, noch exotischeres Sortiment. Hier befördert ein Wimpernschlag den staunenden Besucher in eine fernere Region, irgendwo zwischen Thailand, Korea, Vietnam, Japan und Indien. Spezialitäten aus all diesen Ländern bietet Thi Thu Phuone Nguyen (60) an, viele Kundinnen kommen herein, deutsche, asiatische, indische, afrikanische.

Gleich vorn am Eingang liegen Kochbananen, eine asiatische Kartoffelart, Ingwer, Knoblauch – wer von den frischen Korianderwurzeln kauft, weiß meistens, dass die entzündungshemmend wirken sollen. „Da sind natürliche Antibiotika drin“, verrät die Vietnamesin, die seit 14 Jahren an der Kasse steht – „aus Liebhaberei“, denn der Laden läuft zwar recht gut, aber sie ist froh, dass ihr Mann einen festen Job hat. Kühlschränke und -truhen sind voller Schätze: frischer grüner Pfeffer, gefrorene Zitronenblätter, Okraschoten, Zitronengras, Bittergurken, frische Kampferwurzeln, Garnelen.

Wer „normalere“ Sachen zubereiten möchte, wird mit einem vollständigen Sushi-Sortiment belohnt, und den eingelegten scharfen Ingwer gibt es sogar in Rosa. Von den indischen Patak’s Pasten stehen geschätzte 20 Sorten im Regal, fast alle sind scharf und aromatisch-raffiniert gewürzt. Zum Ablöschen gibt es den schwer aufzutreibenden Klebreis, schwarzen, roten oder bunten Reis. Neben dem weißen, versteht sich. Und zum Fegen der Wohnung recken ein paar handgefertigte vietnamesische Bambusbesen ihre Ruten in die Luft.

Zum Ende des Besuches erzählt Thi Thu Phuone Nguyen, dass sie mit ihren zehn Geschwistern 1980 auf der „Cap Anamur“ nach Deutschland kam. Ihre Schwester hatte sich für Menschenrechte in Vietnam eingesetzt und tut das bis heute, wie sie versichert. „Rupert Neudeck hat damals unser Leben gerettet“, sagt sie. Und auch wenn bei ihr viele aufgeschlossene Deutsche einkaufen, möchten sie den Menschen aus Asien hier ein Stück Heimat geben.

Genau das will auch Elena Günther (34), die 1998 mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Deutschland kam: „Bei uns gibt es viele spezielle Lebensmittel, die nur Menschen von drüben kennen“, sagt sie. Drüben, das sind für sie die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit in Kasachstan, das Leben war kompliziert. In Deutschland eröffneten sie einen Laden für russische Lebensmittel. Bis 2009 war auch er in Pinneberg, zog dann nach Elmshorn. Heute führt Elena Günther die Geschäfte.

Im russischen Supermarkt gibt’s auch was für die Seele

Zwar gibt es im Mix Markt auch Obst und Gemüse und hervorragendes Fleisch aus eigener Schlachterei. Aber nur deshalb kommen die Leute nicht her, deren polnische, russische oder auch deutsche Worte im Ohr klingen. Schon gar nicht die Älteren. Sie kommen wegen etwas, das schwer auszudrücken ist: Etwas Gefühlsmäßiges, denn hier steht, was sie an früher erinnert, als sie jung waren. „Etwas für die Seele“, sagt Elena Günther.

Von den mächtigen Kwas-Zweiliterflaschen lächelt ein bärtiger Iwan, der einen Humpen hebt. Kwas ist ein gesunder Brot-Trunk, der ungefähr wie Malzbier schmeckt und in den alten russischen Märchen und Romanen vorkommt. Elena Günther wirkt nicht sentimental. Sie ist eine tüchtige junge Frau, die den großen Markt sehr gut im Griff hat. Aber jetzt macht sie halt in einer Nische, um die sie sich schon als junges Mädchen gekümmert hat: Die „Geschenke-Ecke“ nennt sie sie. Ihre Lieblingsecke. Bemaltes Lack-Geschirr steht hier, daneben bunte Matroschka-Figuren, Shampoo mit kyrillischer Beschriftung, Sanddornöl als Heilöl für die Haut. Und russische Filmklassiker, „die früher jeder gesehen hat. Das gibt so ein warmes Gefühl.“

Ja, das tut es. Selbst wenn man kein Kyrillisch lesen kann. Vorn an der Fischtheke gibt es sogar Stockfisch, polnische Wurstspezialitäten und Pasteten bringen Vegetarier in Bedrängnis, ein himmlisch langes Regal schickt Diäten zum Teufel, denn das russische Konfekt ist unwiderstehlich. Oder lieber georgischer Wein? Polnische Pierogi? Georgischen Käse? Wie im Schlaraffenland. Mal wieder.