Pinneberg
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Vater stirbt – Polizei informiert Kinder nicht

Ein Bild aus Moritz Bartschs Fotoalbum. Es zeigt ihn als Kind mit seinem Vater Oliver Wendtland

Ein Bild aus Moritz Bartschs Fotoalbum. Es zeigt ihn als Kind mit seinem Vater Oliver Wendtland

Foto: hamburg journal/privat

Stattdessen lässt das Bezirksamt Eimsbüttel den Pinneberger in Hamburg bestatten – und fordert später auch noch Geld dafür zurück.

Pinneberg.  Für die Angehörigen ist es ein besonders tragischer Fall von Behördenversagen, der in der Distelkoppel in Hamburg-Hummelsbüttel seinen Ausgang nimmt: Es ist der 3. Mai 2017, als eine Fußgängerin auf den Taxifahrer Oliver Wendtland (53) aufmerksam wird. Der Pinneberger sitzt am Steuer seines Wagens – tot. Eines natürlichen Todes gestorben. Polizisten notieren am folgenden Tag in ihren Akten, dass sie die Angehörigen informiert hätten. Doch wie das Hamburg Journal des NDR jetzt recherchiert hat, geschieht das erst Monate später. Zu einem Zeitpunkt, als die Behörden den Vater bereits eingeäschert und begraben haben.

Der Fehler: Laut Angaben der Hamburger Polizei wurden die Pinneberger Kollegen beauftragt, die Angehörigen des Pinnebergers Wendtland zu informieren. Stimmt nicht, heißt es aus der zuständigen Polizeidirektion Bad Segeberg: „Seitens der Polizei Hamburg ist kein Ersuchen mit der Bitte um Angehörigenbenachrichtigung in Sachen Oliver Wendtland bei uns eingegangen“, sagt Polizeisprecher Lars Brockmann dieser Zeitung. Erst Monate später, am 23. August, habe man vom Tod des Taxifahrers erfahren.

Moritz Bartsch kann seinen Vater drei Wochen nicht erreichen

„Anderthalb Jahre später lässt es sich nicht mehr abschließend in Erfahrung bringen, ob das wirklich passiert ist“, sagt Hamburgs Polizeisprecher Rene Schönhardt. Nach so einer langen Zeit könnten sich die Beamten nicht mehr erinnern. „Wir bedauern aber, dass eine Erfolgskontrolle nicht stattgefunden hat.“ Das habe eine Beamtin dem Sohn des Verstorbenen, Moritz Bartsch, auch in einem Telefonat erklärt und sich bei ihm entschuldigt. Der ist alles andere als zufrieden mit der Arbeit der Polizisten.

Als seine Schwester und er im Mai 2017 ihren Vater seit drei Wochen nicht erreichen können, will Moritz Bartsch eine Vermisstenanzeige aufgeben. „Die Polizisten in Hamburg haben sich ein paar Notizen gemacht und mich nach Pinneberg geschickt, weil mein Vater dort gemeldet war“, sagt Bartsch heute. Im Endeffekt wird dann keine Vermisstenanzeige aufgenommen.

Vater hat Medikamente genommen, er war krank

„Es gab keine Gründe für eine Vermisstenanzeige“, sagt der Hamburger Polizeisprecher Schönhardt heute. Für eine Vermisstenanzeige müsse Gefahr für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Vermissten bestehen. Bei Kindern sei das der Fall. Aber: „Ein erwachsener Mann kann sich frei bewegen“, so Schönhardt.

„Mein Vater war krank, und das habe ich den Beamten auch deutlich gemacht“, entgegnet Bartsch. Oliver Wendtland habe Medikamente nehmen und nachts mit einer Atemmaske schlafen müssen.

In Pinneberg hat der 25-Jährige mehr Erfolg, damals, im Frühjahr 2017. Die Vermisstenanzeige wird gefertigt. Was allerdings zu nichts führt. „Die Mitarbeiter der Polizei haben mich Detektiv spielen lassen“, erinnert sich Bartsch. Unter anderem wird er aufgefordert, über die Krankenkasse seines Vaters herauszufinden, ob dessen Karte benutzt worden ist.

Keine Erkärung der Polizei für späte Mitteilung

Laut Polizeiangaben deshalb, weil es aus datenschutzrechtlichen Gründen für einen Verwandten leichter sei, solche Auskünfte zu erbitten. Bartsch sieht das anders und fühlt sich nicht ernst genommen: „Die haben mich alles machen lassen“. In den Polizeiakten, die er später einsehen darf, sei er als „Sohnemann“ betitelt worden. Erst als der beste Freund des Vaters einen Brief an die Pinneberger Polizei schreibt, in dem er mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde droht, geschieht etwas.

Am 28. August bekommt Bartsch dann die Mitteilung, dass sein Vater verstorben sei. Warum das erst zu einem so späten Zeitpunkt ermittelt worden ist, habe die Polizei ihm bis heute nicht erklärt.

Bezirksamt fordert 2347 Euro für Beerdigung

Doch als die Zeit der Ungewissheit vorbei ist, folgt der nächste Schock: „Meine Schwester bekam einen Brief, in dem stand, dass wir für die Beerdigung unseres Vaters zahlen sollten“, sagt Bartsch. Das Bezirksamt Eimsbüttel fordert 2347 Euro und vier Cent von der Tochter, die älteste Hinterbliebene ist. Die Kosten sind entstanden, weil die Behörden Wendtlands Leichnam ohne die Kenntnis der Kinder eingeäschert und beigesetzt haben. Eine Sprecherin des Bezirksamts Eimsbüttel erklärt das so: „Sofern keine Angehörigen bekannt sind oder diese eine Bestattung nicht veranlassen, wird in Hamburg eine öffentlich-rechtliche Bestattung veranlasst.“

Nur aufgrund der finanziellen Situation seiner Schwester sei die Forderung auf knapp 100 Euro verringert worden. Bartsch sagt: „Eigentlich haben wir angenommen, die Polizei würde das übernehmen, aber wir haben bezahlt, damit die Geschichte für uns endlich ein Ende hat.“