Pinneberg
NAchtwächter-Führung

Als die Bahn nach Pinneberg kam

Peter Russ steht als Nachtwächter Otto Klafack verkleidet vor einem modernen Zug im Bahnhof Pinneberg

Peter Russ steht als Nachtwächter Otto Klafack verkleidet vor einem modernen Zug im Bahnhof Pinneberg

Foto: Dominik Kordt

Peter Russ alias Nachtwächter Otto Klafack bietet neue Führungen an. Es geht dabei um den Verkehr und die Kommunikation.

Pinneberg.  Als Otto Klafack 1838 geboren wird, ist Reisen eine Besonderheit. Handwerksgesellen gehen auf die Walz, auch Soldaten sind zu Fuß unterwegs. Fuhrleute transportieren ihre Waren mit dem Pferdewagen. Davon abgesehen ist das Reisen der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten: Landbesitzer nutzen die Kutsche, um die Distanzen zwischen ihren oft verstreuten Ländereien zurückzulegen. Doch Kutschfahrten sind beschwerlich, langsam und teuer.

Die neue Bahnstrecke Altona-Kiel mit erstem Halt in Pinneberg, 1844 eingeweiht, ist eine Revolution für den Verkehr. Die Fahrt nach Kiel kostet einen Handwerksburschen zwar noch immer einen Monatslohn, doch eine Reise wird für die meisten Menschen zumindest möglich.

Als Nachtwächter im Dienst des Kaisers ist Otto Klafack – einige Jahrzehnte, nachdem der erste Zug in Pinneberg hielt – in der Stadt unterwegs.

Früher fuhren Dampflokomotiven ein

Und auch heute noch. Peter Russ, Geschichtswissenschaftler und Museumspädagoge, schlüpft in Klafacks Rolle und führt durch die Stadt. Dabei folgt er dem Prinzip, historisch korrekte Fakten unterhaltsam zu vermitteln. Auf seiner neuen Tour „Von Ort zu Ort“ stehen ab dem 21. September die neuen Verkehrsmittel Eisenbahn, Fahrrad und Auto im Mittelpunkt. Thema sind außerdem die neue Kommunikation über Telegrafie und Telefon. Russ ist auf seinen Touren ausgerüstet mit den Utensilien des Wächters: Ratsche, Laterne, Horn und Knotenstock. Letzterer diente dem Klafack von einst als Waffe. In seinen späten Jahren, davon geht Russ aus, dürfte er wohl eher als Gehstock gedient haben, denn der Wachmann ging seinem Beruf noch mit mehr als 70 Jahren nach.

Zu Klafacks Zeiten fahren Dampflokomotiven im Pinneberger Bahnhof ein. Peter Russ wirkt mit seiner Uniform vor dem modernen Elektro-Triebwagen der Nordbahn heute aus der Zeit gefallen. Das historische Bahnhofsgebäude von 1848 ist allerdings noch erhalten – wenn es auch verputzt nicht ganz so aussieht wie auf den alten Postkartenbildern.

Kurz nach Beginn des schnellen Personenverkehrs hält Mitte der 1860er-Jahre die Telegrafie in Pinneberg Einzug und beschleunigt auch die Kommunikation. Die kurzen Nachrichten überbringt der Postbote zusammen mit den modernen Ansichtskarten.

Eine Station der Führung: das Schlütersche Haus

Eine Station auf Russ’ Führung ist das Schlütersche Haus. Wilhelm Schlüter eröffnet 1862 eine Metallgießerei, in der er auch Nähmaschinen und Fahrräder herstellt und zu Werbezwecken Radrennen veranstaltet. „Die ersten Fahrräder waren gemeingefährlich“, sagt Peter Russ. Gemeint sind Velozipede, Fahrräder, deren Pedale direkt am Vorderrad befestigt sind. Bei Bergabfahrten muss man schnell mittreten: Gebremst wird mit einem Eisenkolben auf dem Eisenrad, sodass die Funken fliegen. Das Sicherheitsrad ist da ein Fortschritt, der Pedalantrieb ist mit einer Kette mit dem Hinterrad verbunden und hat einen Leerlauf, außerdem sitzt der Fahrer niedriger als auf den meisten Velozipeden und stürzt nicht so schwer.

Um dem neuen Verkehr Rechnung zu tragen, lässt Pinneberg die Straßen – sie bestehen aus Sand – mit Kopfsteinpflaster befestigen. Das ist spätestens notwendig, als sich nach Eisenbahn und Fahrrad auch das Automobil durchzusetzen beginnt. Die Baumaßnahmen sind in den Stadtarchiven gut belegt, denn sie sind teuer und treiben die Stadt in die Schulden. Straßenbau war schon immer teuer ...

Peter Russ bietet Stadtrundgänge zu sechs thematischen Schwerpunkten. Seine nächste Führung greift das neue Programm „Von Ort zu Ort“ auf. Die Führung kostet 5 Euro pro Person und startet am 21. September um 18 Uhr an der Ecke Dingstätte/Elmshorner Straße. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Russ bietet außerdem private Führungen an. Infos: ONW-Klafack@gmx.de und 04101/65 52 5.