Pinneberg
Tornesch

Dritte Schulstunde: Ponyhof statt Mathe

Jan Rose (11) und Martje Schultz (13) aus Elmshorn führen das Fjörd-Pony Janosch auf dem Moorhof in Tornesch durch einen Parcours

Jan Rose (11) und Martje Schultz (13) aus Elmshorn führen das Fjörd-Pony Janosch auf dem Moorhof in Tornesch durch einen Parcours

Foto: Sebastian Becht

Immer mehr Kinder haben motorische Defizite. Das Kooperationsprojekt „Schule + Verein“ soll dem entgegenwirken. Besuch beim Moorhof.

Tornesch.  Als Laura Schöffler auf das Pony Clair steigt, strahlt die 12-Jährige über das ganze Gesicht. Ihre Klassenkameradin Rebecca Stange führt das Welsh-Pony auf dem Moorhof in Tornesch durch einen Parcours. Eine Schulstunde, die dritte. „Die Kinder reiten nicht nur“, sagt Nadine Stoffer. Die Erste Vorsitzende des Allgemeinen Reit- und Fahrvereins Ahrenlohe betont, dass allen Teilnehmern eine „komplette Hoferfahrung“ ermöglicht werde. Dazu gehört auch Theorieunterricht, Traktor fahren und das Ausmisten der Ställe.

Ihr Verein bietet zusammen mit der Erich Kästner Gemeinschaftsschule in Elmshorn über das gesamte Schuljahr eine wöchentliche Reit-AG an. Möglich wird das dank der Unterstützung durch das Landesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie der Förderung durch die Sparkassen in Schleswig-Holstein und die AOK Nordwest. Das Kooperationsprojekt „Schule + Verein“ des Landessportverbands Schleswig-Holstein hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche für mehr sportliche Betätigung zu begeistern und dabei die körperliche und geistige Entwicklung junger Menschen zu unterstützen. „Motorische Defizite von Kindern und Jugendlichen sind nur schwer allein durch den Sportunterricht in der Schule auszugleichen“, sagt Thomas Niggemann.

Sozialverhalten der Kinder untereinander wird gefördert

Für den Geschäftsführer Breitensport, Vereins- und Verbandsentwicklung des Landessportverbandes Schleswig-Holstein ist die Bedeutung zusätzlicher Bewegungsmöglichkeiten bei diesem Kooperationsprojektes gar nicht hoch genug einzuschätzen. Es sei extrem wichtig, Kinder an Bewegung heranzuführen: „Wenn wir den Bildungserfolg in Schleswig-Holstein steigern wollen, muss Sport noch viel mehr als bisher als Bildungsfaktor in unseren Schulen anerkannt werden.“ Neben der motorischen Entwicklung werde auch das Sozialverhalten der Kinder untereinander gefördert, so Niggemann weiter. Außerdem gebe das Projekt den Kindern die Chance, auch mal eher ungewöhnliche Sportarten kennenzulernen.

Denn unter den geförderten Projekten sind auch einige Exoten zu finden: Jonglage, Kinderzumba, Fechten, Blasrohrsport, Cricket, Zirkus, Yoga, Cheerleading, Voltigieren und Einradfahren gehören zu den 356 Angeboten, die landesweit im Schuljahr 2018/2019 im Katalog stehen. 95 Sportvereine beteiligen sich in Schleswig-Holstein an dem Projekt „Schule + Verein“. Der Kreis Pinneberg ist Spitzenreiter, was die Kooperation von Schulen und Vereinen angeht. Die 189 Vereine im Kreis bieten 55 verschiedene Projekte in Zusammenarbeit mit den Schulen an. Weit mehr als alle anderen Kreise.

Der Kreis Pinneberg ist Spitzenreiter bei Angeboten

Karsten Tiedemann vom Kreissportverband Pinneberg ist stolz auf die Leistung: „Wir stehen sehr gut da. Das liegt auch daran, dass wir schon früh mit solchen Kooperationen begonnen haben.“ Tiedemann ist seit 35 Jahren hauptamtlicher Geschäftsführer des Verbandes und hat die Entwicklung selbst miterlebt: „Im Breitensport-Ausschuss des Landessportverbands haben wir schon 1992 erkannt, dass Schulen und Vereine besser zusammenarbeiten müssen.“ Im Kreis Pinneberg hätten die Vereine daraufhin schon früh angefangen, zusätzliche Angebote zum Sportunterricht zusammen mit den Schulen anzubieten. Als dann immer mehr Ganztagsschulen kamen, kannten sich Vereine und Schulen bereits und konnten „auf Augenhöhe agieren“. Beide hätten eine gemeinsame Aufgabe: sich um Kinder zu kümmern. Und insbesondere der Sport sei ein wichtiger Punkt. „Wir sehen immer mehr Kinder mit motorischen Defiziten“, sagt Tiedemann. Gründe hierfür sieht er in Bewegungsarmut, schlechter Ernährung und einem durchgetakteten Alltag, in dem kaum noch Zeit bleibt, um sich auszutoben.

Einen weiteren Grund kennt der Schulleiter der Erich Kästner Gemeinschaftsschule, Andreas Weßling: „Viele Kinder bekommen zu Hause nicht die nötige Unterstützung, um sich in ihrer Freizeit sportlich zu betätigen.“ Das habe oft damit zu tun, dass den Eltern Zeit oder Geld fehlten. Auch deshalb sei es so wichtig, dass Projekte unterstützt werden, bei denen die Kinder in der Schulzeit Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung bekommen. Die meisten Unterrichtsstunden seien nur auf fachliche Kompetenz ausgerichtet. Es sei aber auch wichtig, den Schülern Angebote zu bieten, bei denen sie neue Erfahrungen sammeln können, ohne bewertet zu werden. Das gelte besonders für die wöchentliche Reit-AG auf dem Moorhof.

Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu Besuch

Die Kinder auf dem Pferdehof sind Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, für die solche Erfahrungen besonders bedeutend sind, sagt Lehrerin Anette Nitz. Anfangs sei die Hemmschwelle oft sehr hoch, und manche Kinder haben auch Angst vor Pferden. Doch nach einer Weile seien alle begeistert. „Pferde sind gute Pädagogen und geben den Kindern sofort Rückmeldung, wenn etwas nicht richtig läuft“, sagt Nitz. Den Schülern tue der Kontakt mit dem Landleben gut, und es sei erstaunlich, wie schnell sie verantwortungsvoll und eigenständig ihre Aufgaben auf dem Hof wahrnehmen. Es seien kleine Alltagserlebnisse, die positiv erlebt werden und das Selbstvertrauen steigern.