Pinneberg
Bürgermeisterwahl

Was seine 27,5 Prozent über Pinneberg sagen

Der Taxifahrer Jitendra Sharma lebt seit 25 Jahren in Pinneberg. Weil Urte Steinberg zunächst allein kandidierte, warf auch er seinen Hut in den Ring

Der Taxifahrer Jitendra Sharma lebt seit 25 Jahren in Pinneberg. Weil Urte Steinberg zunächst allein kandidierte, warf auch er seinen Hut in den Ring

Foto: Alexander Sulanke

Protest? Verzweiflung? Frust? Wie Politiker über den Erfolg des unterlegenen Bürgermeisterkandidaten Jitendra Sharma denken.

Pinneberg.  Wenn in Indien Wahlen anstehen, bilden sich vor den Wahllokalen endlos lange Schlangen. Trotzdem nehmen das rund 70 Prozent der Inder in Kauf und zeigen sich als Demokraten. Das weiß Jitendra Sharma aus eigener Erfahrung. In Pinneberg, wo der 47 Jahre alte Taxifahrer als Gegenkandidat von Bürgermeisterin Urte Steinberg kandidiert hat, haben am Sonntag nur 27,63 Prozent der Bevölkerung ihre Stimme abgegeben . Obwohl sie kaum Schlange stehen mussten. Dabei waren sogar noch 314 Stimmen ungültig – „aus Frust“, vermutet Uwe Lange von den Bürgernahen, „aus Politikverdrossenheit“, sagt der CDU Fraktionsvorsitzende Florian Kirsch, der außerdem meint, dass vor allem „die Leute, die Veränderung haben wollen, gewählt haben“.

Urte Steinberg wurde mit der soliden Mehrheit von 72,46 Prozent wiedergewählt, doch ihr Gegenkandidat hat überraschend viele Stimmen bekommen, insbesondere eingedenk der Tatsache, dass Steinberg von CDU und FDP unterstützt worden war und dem Deutsch-Inder Sharma keine Partei den Rücken gestärkt hatte. Warum so viele Pinneberger ihn gewählt haben, darüber gibt es viele Vermutungen. In dem „Achtungserfolg“ Sharmas vermutet SPD-Fraktionsvorsitzende Angela Traboldt zugleich einen „Sympathieerfolg“. Wie die Grünen/Unabhängigen und die Bürgernahen auch, räumt sie verdrossen ein, dass die eigene Partei ja keinen eigenen Kandidaten benennen konnte.

Warum wurde Sharmavon so vielen gewählt?

Wer aber hat Jitendra Sharma nun gewählt? Warum hat der Taxifahrer ohne Verwaltungserfahrung und fast ohne Vorbereitungszeit beinahe 30 Prozent der Stimmen bekommen? „Darüber mache ich mir keinen Kopf“, sagt die Gewinnerin Urte Steinberg. Sie will „nach vorn schauen. Ich werde alles daran setzen, die Themen, die ich als Visionen formuliert habe, zusammen mit der Politik und der Bevölkerung anzugehen und umzusetzen“. Sie rechne Sharma den Mut zu kandidieren hoch an, aber sonst möchte sie nichts mehr dazu sagen. Uwe Lange will nicht gehässig sein, wenn er sagt: „Jitendra Sharma hat so viele Stimmen bekommen, weil die Leute ihn aus Verzweiflung gewählt haben“. Lange wünscht Steinberg „eine glückliche Hand. Vielleicht schafft sie ja mehr als in der ersten Wahlperiode“. Die, die Sharma gewählt hätten, hätten einfach nicht Steinberg wählen wollen. „Ein Konkurrent mit einem gewissen Background – das wäre schwer geworden.“

Das vermutet auch Joachim Dreher, Fraktionschef der Grünen/Unabhängigen: „Jitendra Sharma war leider kein richtiger Konkurrent. Wenn sich aber jemand ein Jahr vorher vorbereitet hätte, wäre das ein ganz anderes Rennen geworden“. Werner Mende (FDP) kann die vielen Stimmen für Sharma „nicht nachvollziehen. Das kann nur Protest gewesen sein. Fragt sich nur, wogegen.“

Kritik an Urte Steinberg als Grund für die Wahl ihres Konkurrenten äußern Grüne und Bürgernahe, etwa das „Nichtumsetzen der politischen Beschlüsse“ (Dreher), oder dass sie „viel versprochen und wenig gehalten“ habe, so Uwe Lange.

Eine geringe Wahlbeteiligung in Pinneberg

Die Wahlbeteiligung ist mit 27,7 Prozent traurig niedrig. „Wenn die Politiker sagen, sie hätten keinen Kandidaten gefunden, dann sind das schöne Ausreden, von denen man nicht weiß, ob sie wahr sind“, sagt Jitendra Sharma. Er krempelt bereits jetzt die Ärmel hoch, um in sechs Jahren erneut zu kandidieren – „und dann bin ich gut vorbereitet.“ Vereinzelte Stimmen aus dem SPD- oder Grünen-Lager seien vielleicht nicht abgegeben worden, weil diese Parteien keine Kandidaten aufgestellt hätten, mutmaßt Florian Kirsch.

Angela Traboldt fragt sich indes, „ob das ganze Verfahren noch in Ordnung ist, wenn die Wahlbeteiligung so gering ist“. Das System solle landesweit diskutiert werden: „Ein Verwaltungschef kann schließlich auch von der Ratsversammlung gewählt werden.“ Wie früher. 1998 wurde zum ersten Mal direkt gewählt und die Schwellen für Kandidaturen abgesenkt – damit die Wahl für das Bürgermeisteramt künftig demokratischer verlaufe. Mit dieser Freiheit wissen offenbar nur wenige Bürgerinnen und Bürger etwas anzufangen. Auch Lange stellt folgerichtig die Frage, „ob das noch zeitgemäß ist, die Bürgermeister direkt wählen zu lassen“.