Pinneberg
Kreis Pinneberg

Das Geheimnis der Schülerschule

Landrat Oliver Stolz (6.v.r.) mit Denkmalpflegerin Antje Metzner (r. daneben) und die anderen Veranstalter des Tages des Denkmals vor der Schülerschule

Landrat Oliver Stolz (6.v.r.) mit Denkmalpflegerin Antje Metzner (r. daneben) und die anderen Veranstalter des Tages des Denkmals vor der Schülerschule

Foto: Burkhard Fuchs

Geschichtswerkstatt erklärt zum Tag des offenen Denkmals dunkle Vergangenheit des Guts Waldenau. 21 Denkmalstätten sind dabei.

Kreis Pinneberg.  An diesem Sonntag können sich die Bürger bundesweit beim „Tag des offenen Denkmals“ erhaltenswürdige und liebevoll restaurierte Bau- und Kulturdenkmäler aus nächster Nähe anschauen. Im Kreis Pinneberg, der zum 25. Mal mitmacht, dürften es einige Tausend Besucher sein, die sich 21 Denkmalstätten in einem Dutzend Kommunen ansehen können, schätzt Kreis-Denkmalpflegerin Antje Metzner. Das Motto in diesem Jahr: „Entdecken, was uns verbindet.“

„Tiefbraune Vergangenheit“ des Hauses ist ein Thema

So können die Besucher sich in aller Ruhe die großbürgerliche Landvilla am Waldenauer Marktplatz in Pinneberg anschauen und dabei die bewegte Geschichte dieser heutigen Schule studieren, wie sie die Geschichtswerkstatt in jahrelanger Arbeit recherchiert hat. „Das Faszinierende ist für mich daran, dass die heutige Schülerschule in ihrer 100-jährigen Geschichte immer von vielen Kindern genutzt wurde“, erklärt Andrea Freytag von der Geschichtswerkstatt.

So wurde das landwirtschaftlich genutzte Gut Waldenau Ende des
19. Jahrhunderts von dem Hamburger Bankier Theodor Behrens gekauft, der dort das heute erhaltene Gutshaus erbauen ließ. Es diente der Familie als Sommerresidenz und Landsitz, wie auch eine Gemäldegalerie zeigt, für die der Bankier eigens einen Anbau errichten ließ. Wie alte Fotos zeigten, seien hier Neffen, Nichten und Enkel der Familie oft zu Besuch gewesen, erzählt Andrea Freytag. „Die Crème de la Crème der Hamburger Oberschicht tauchte hier auf und machte Sommerferien.“ Die Kinder tobten im großen Garten und badeten im Teich hinterm Gutshaus. „Das waren richtig wilde Zeiten damals.“

Auch Jugendorganisationen waren zu Gast

Mitte der 1920er-Jahre übernahm für kurze Zeit der Baumschulbetrieb Pein das Gebäude, bevor es ab 1934 von den Nazis als privates Kinderheim genutzt wurde. Die elternlosen Jungs wurden regelrecht gedrillt, berichtet Freytag. „Sie mussten zum Schuh- oder Schaufelappell antreten und stramm stehen. Das wäre heute gar nicht mehr möglich.“

Ab 1940 waren es junge Frauen, teilweise erst 18 Jahre alt, die hier zu Lehrerinnen mit nationalsozialistischem und arischem Gedankengut erzogen wurden, berichtet Freytag. 60 Jahre später, als die Geschichtswerkstatt anfing, die Historie der Schülerschule systematisch aufzuarbeiten, hätten einige dieser damals jungen Frauen sie zu einem Kaffeekränzchen eingeladen, bei dem sie über ihre harte Zeit in dieser Lehranstalt aus erster Hand berichteten, erinnert sich Freytag. Auch verschiedene Jugendorganisationen der NSDAP wie die Hitlerjugend waren hier zu Gast.

Nach dem Krieg diente die heutige Schülerschule der Stadt Hamburg dazu, schwer erziehbare Kinder aus sozial schwachen Schichten in dem Gutshaus unterzubringen. Im Volksmund wurde sie deshalb „die Böse-Bengel-Schule“ genannt. Seit 2006 hat hier die private Schülerschule ihren Betrieb aufgenommen, die 220 Schüler in einer Grund- und Gemeinschaftsschule unterrichtet. „Für mehr Kinder wäre hier auch kein Platz mehr“, sagt Andrea Freytag.

Erstmals Gebäudekomplex auf der Schlossinsel geöffnet

Die Schülerschule ist am Sonntag von 11 bis 17 Uhr offen für jedermann. Die Geschichtswerkstatt macht um 11.30, 13.30 und 15.30 Uhr Führungen durch das Gebäude, deren Innenräume zum Teil im Original erhalten sind. Um 12.45 und 14.45 Uhr werden Lesungen gehalten. Dabei werde auch die „tiefbraune Vergangenheit“ des Gebäudes zum Ausdruck kommen, kündigt Andrea Freytag an.

Erstmals beim Tag des Denkmals ist der denkmalgeschützte Gebäude-Komplex von Herrenhaus, Gerichtsschreiberhaus und Gefängnis und Amtsgericht aus dem 19. Jahrhundert auf der Schlossinsel Barmstedt von
10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein historisches Ensemble, das seit etwa 25 Jahren vom Land auf die Stadt Barmstedt übertragen wurde, um es kulturell zu nutzen. Seitdem werden hier ein Galerie-Atelier, ein Café und ein Museum unterhalten, das jetzt mit Hilfe des Heimatbundes systematisch aufgearbeitet und neu konzipiert werden soll.