Pinneberg
Awo-Jubiläum

Das ist Torneschs Gesicht im Buch der 100 Hundertjährigen

Eduard Kein aus Tornesch ist 100 Jahre alt. Dieses Foto ist für den Bildband entstanden

Eduard Kein aus Tornesch ist 100 Jahre alt. Dieses Foto ist für den Bildband entstanden

Foto: Bernd Bünsche

Die Arbeiterwohlfahrt widmet den ältesten Bürgern im Land einen Bildband. Eduard Klein aus Tornesch ist einer von ihnen.

Tornesch.  Die Augen werden schneller müde als früher. Das Lesen geht nicht mehr so gut, die aktuelle Tageszeitung liegt trotzdem auf dem Couchtisch vor dem Sofa. Ein großer Fan des Fernsehens ist er nicht. „Das Gesabbel will ich gar nicht hören. Abends für die Nachrichten, da mache ich mal den Fernseher an“, sagt Eduard Klein. Wenn er kann, zieht es ihn nach draußen vor die Tür. Das geht nicht mehr so schnell. Aber im hohen Alter Kleins erwartet das auch niemand. Immerhin ist der Tornescher 100 Jahre alt.

Er ist kein Mann der großen Worte. Dass sein Gesicht bald in einem Bildband mit den Fotos von 100 Hundertjährigen zu sehen ist (siehe Infokasten), kommentiert er entsprechend kurz: „Stört mich nicht.“ Denn: „Ein Foto tut ja nicht weh“. Was er in Zukunft noch vorhat, ist auch ganz schnell erklärt: „Weitermachen wie bisher“, spricht der Mann, der schon ein ganzes Jahrhundert erlebt hat.

Ein Jahrhundert voller Höhen und Tiefen, voller Liebe, Leid, Lebenslust. Doch seine Lebenserfahrung sieht man ihm nicht an. Sein Händedruck ist fest, seine Begrüßung herzlich. Klein lebt im Wohn- und Servicezentrum der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Tornesch, eine betreute Wohnform. Das Geheimnis seines langen Lebens? Wenn man Klein so zuhört, fällt auf: Arbeiten muss wohl jung halten. Denn Klein hat viel gearbeitet. Sehr viel.

Noch mit 85 Jahren in der Gärtnerei ausgeholfen

Schon in ganz jungen Jahren half Klein kräftig auf dem elterlichen Hof mit. Geboren wurde er am 29. November 1917 im Bezirk Tauroggen in Litauen. „Wie die Schule anfing, da war ich schon 13, 14 Jahre alt“, sagt Klein. Aufgrund des Ersten Weltkrieges gab es zunächst kaum Schulen. Also wurde er in der Landwirtschaft eingespannt.

„Meine Eltern hatten acht Hektar Land und etwas Vieh. Zwei Pferde, ein paar Kühe, Schafe und Hühner“, erinnert er sich. Tauroggen gehörte damals zu Russland, kurz später dann zur neu gegründeten Republik Litauen. Gesprochen wurde aber großteils deutsch aufgrund der Nähe zu Ostpreußen.

Obwohl er so früh anfing zu arbeiten, hörte Klein nicht früher auf. Ganz im Gegenteil. Bis zu seinem 85. Lebensjahr half er in der Gärtnerei nicht weit entfernt von seinem zu Hause in Tornesch aus. Er selbst tut das ab, die Arbeit sei körperlich nicht so schwer gewesen: „Der hat bloß Blumen gehabt, es war eine Topfgärtnerei“, sagt der Tornescher.

1941, Klein war 23 Jahre alt, zog die Familie aus Litauen nach Mecklenburg. Verträge mit dem Deutschen Reich schrieben dies vor. In der neuen Heimat wurde er eingezogen, im Zweiten Weltkrieg kämpfte er für die Wehrmacht in der Tschechoslowakei. „Wenn die Granaten neben dir platzen, da kriegst du Angst“, erinnert er sich an die Zeit als Panzergrenadier. „Das war nicht leicht.“

Klein geriet in Kriegsgefangenschaft. Beschweren will er sich nicht über die Zeit. Er arbeitete in einer französischen Kaserne, dort habe man ihn gut behandelt. Nach der Entlassung gab es keine Arbeit. Also musste die Familie von Mecklenburg aus weiter. In der Tornescher Brennerei, einer Chemiefabrik, die Schnaps brannte und andere chemische Stoffe herstellte, fand Klein eine Anstellung.

Gemeinsam mit seinem Bruder kaufte Eduard Klein hier Ende der 1940er-Jahre ein Haus, beide renovierten es komplett und zogen mit ihren Familien ein. „Das Haus war schon alt. Das war auch schon 100 Jahre alt“, sagt er und lacht, „so wie ich jetzt.“

Mitten in den Kriegswirren hatte Klein seine Alma geheiratet. Zusammen bekamen sie drei Kinder. Als Alma bereits mit 57 Jahren starb, heiratete er nicht wieder. Seine beiden Urenkel, drei und fünf, lachen vom Fotodruck auf dem Sofakissen. Seine drei Kinder und deren Familien wohnen in Tornesch und besuchen ihn regelmäßig, zuletzt kamen sogar alte Freunde aus Mecklenburg.

Der Hundertjährige aus Tornesch macht einen zufriedenen Eindruck. Doch auch nachdenkliche Töne kommen durch. Seit einem Schlaganfall vor einigen Jahren kann er keine Treppen mehr steigen und musste das heimische Umfeld verlassen. Auch das Gedächtnis ist nicht mehr so gut. Den Tag über sitzt er zwar auch mal länger nur auf dem Sofa, ohne dass Fernseher oder Radio laufen, doch das sei okay, sagt Eduard Klein.

„Wenn Fußball im Fernsehen ist, dann gucke ich das auch mal. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich ein Fanatiker bin“, sagt er und teilt noch eine Lebensweisheit mit dem Besuch: „Ich sag’ immer: Wer gewinnt, war der Beste.“