Pinneberg
Ellerhoop

Reetdachdeckern steigt die Hitze zu Kopf

Die Arbeit mit dem Reet ist ein schweißtreibender Job in schwindelnder Höhe: Hier arbeitet Hermann Suhrs Mitarbeiter Sebastian Block

Die Arbeit mit dem Reet ist ein schweißtreibender Job in schwindelnder Höhe: Hier arbeitet Hermann Suhrs Mitarbeiter Sebastian Block

Foto: Marcelo Hernandez

Für rund 200.000 Euro wird der Münsterhof im in Ellerhoop Arboretum aufwendig saniert. Handwerker kämpfen mit hohen Temperaturen.

Ellerhoop.  Es ist brütend heiß. Bei diesem Wetter möchte man sich nur mit einem Glas voll eisgekühlten Wassers in einem Liegestuhl im Schatten fläzen. Hermann Suhr und seine Mitarbeiter sind von Wasser, Liegestuhl und Schatten allerdings weit entfernt. In der prallen Sonne arbeiten sie in schwindelerregender Höhe. Dabei ist ihr Job auch ohne Hitze schweißtreibend. Denn bei Suhr und seinen Kollegen handelt es sich um Reetdachdecker. Ihre Arbeit ist gefragt. Nicht einmal eine Handvoll Firmen bieten im Kreis Pinneberg noch diese Leistung an. Gleichzeitig gibt es großen Bedarf. „Wir sind völlig ausgelastet“, sagt Suhr. „Wenn wir gerade eine Baustelle fertig haben, kommen sieben neue Anfragen rein. Aber man kann nicht mehr als arbeiten.“

Umso glücklicher war Ines Rehs aus der Kreisverwaltung Pinnebergs, dass es geklappt hat und sich eine Fachfirma fand, die den erst in diesem Jahr ausgeschriebenen Auftrag noch übernahm. Denn im Fall des Münsterhofs im Ellerhooper Arboretum kam erschwerend hinzu, dass die 750 Quadratmeter große Dachfläche viel Arbeitskraft erfordert. Suhrs Firma aus Seester beschäftigt elf Mitarbeiter. „Es gibt nur wenige, die so viele Leute haben“, sagt Suhr. Trotzdem müssen an diesem Tag auch seine Tochter und seine Frau anpacken. Es gibt viel zu tun, und das Wetter spielt den Reetdachdeckern nur bedingt in die Karten.

Auf der einen Seite ist Trockenheit fürs Reet gut. Zudem müssen die Arbeiten aufgrund des offenen Daches bei Regen unterbrochen werden. Auf der anderen Seite ist es so heiß, dass die Handwerker zu kämpfen haben. „Wir machen mehr Trinkpausen und fangen früher an“, berichtet Suhr. An den heißen Tagen war dafür früher Schluss. Bis 14 oder 15 Uhr konnte dann wegen der extremen Wetterbedingungen nur gearbeitet werden. „Das ist schon eine große körperliche Belastung“, sagt der Firmenchef.

Zum Lotosblütenfest eröffnet Terrasse des Cafés

Trotzdem haben die Reetdachdecker in den vergangenen sechs Wochen viel geschafft. Die große Fläche an der Südseite ist bis zum Friesengiebel bereits ab- und wieder neu eingedeckt. Damit konnte auch das Gerüst an dieser Stelle wieder weg, sodass passend zum Lotosblütenfest die Terrasse des Cafés im Arboretum am Thiensen 4 wieder genutzt werden kann. Bis zu 5000 Besucher erwartet Richard Bischoff, Vorstandsmitglied des Fördervereins, anlässlich des Festes an diesem Wochenende. Sie können dann auch den Münsterhof am Eingang zur Norddeutschen Gartenschau in fast neuem Glanz bestaunen.

Das Gebäude, dessen Ursprung aufs Jahr 1664 zurückgeht, wurde vor 37 Jahren zuletzt neu eingedeckt. „Das in die Jahre gekommene Dach bedarf einer dringenden Sanierung“, erklärt Rehs als Hochbauingenieurin und Mitarbeiterin der Kreisverwaltung. Mangelnde Sonneneinstrahlung und permanente Feuchtigkeit durch starke Bemoosung hatten dem Reet zugesetzt, vor allem im Bereich der Birke sowie auf der Westseite und der Ostseite des Gebäudes.

Rund 200.000 Euro investiert der Kreis Pinneberg ins neue Dach des Hofes, der im Besitz des Kreises ist und an den Förderkreis Arboretum Baumpark Ellerhoop-Thiensen untervermietet wird. Für die Summe gibt nicht nur das neue, zwei Meter lange Reet, das extra aus Russland importiert wurde. Sondern es werden auch Balken am Friesengiebel saniert, der Schornstein bekommt eine kupferne Umkleidung, und Suhr baut in Absprache mit dem Nabu eine Nistkammer für Eulen im Dach.

Was kaum einer ahnt: Obwohl der Münsterhof mehr als 350 Jahre alt ist und zu den prägenden Gebäuden des Ortes zählt, steht er nicht unter Denkmalschutz. Zumindest nicht mehr. 2014 verlor der Hof den Status als einfaches Kulturdenkmal. Grund war eine Änderung des Gesetzes, nach dem es diesen Status nicht mehr gibt. „Es ist baulich zu viel passiert, als dass er als denkmalwürdig eingestuft wurde“, erklärt Rehs, die das allerdings anders beurteilt und daher im Gespräch mit der Denkmalschutzbeauftragten des Kreises Pinneberg steht. Sowohl das Fundament und auch Innenbalken stammen noch aus den Anfangsjahren des Hofes. Zudem wäre der Münsterhof ortsprägend. Ein Ortstermin mit der Denkmalschutzbeauftragten ist in der Sache nun geplant.

Suhr rechnet damit, dass in etwa zwei Wochen die Arbeiten am Dach des Münsterhofes abgeschlossen sein werden. Hermann Suhr hat sein Handwerk von klein auf erlernt. Das Familienunternehmen mit Sitz in Seester besteht seit 1898 und wird bereits in der vierten Generation geführt. Hermann Suhr übernahm den Betrieb 1994. Dass es auch eine fünfte Generation an Reetdachdeckern aus Seester geben wird, scheint klar: Sein Sohn, der derzeit eine Ausbildung zum Zimmermann macht, möchte die Nachfolge antreten.

Möglicherweise steht dieser dann in etwa 40 Jahren – so lange hält ein Reetdach durchschnittlich – wieder auf dem Dach des Münsterhofs. Denn der scheint Familiensache zu sein, wie ein Fund Suhrs beweist: Beim Abdecken wurde auf einem der Balken eine Inschrift gefunden: der Name von Hermanns Suhrs Großvater sowie das Datum 1949. Er hatte dem Hof also schon einmal vor 69 Jahren zu einem neuen Dach verholfen und sich dann dort verewigt.