Pinneberg
Helgoland

Dieser Beruf ist ein ewiges Auf und Ab

Fahrstuhlführerin Ingrun Lösekann kontrolliert die Tickets und kassiert von den Besuchern auch das Geld

Fahrstuhlführerin Ingrun Lösekann kontrolliert die Tickets und kassiert von den Besuchern auch das Geld

Foto: Katy Krause / HA

Ingrun Lösekann arbeitet als Fahrstuhlführerin auf Helgoland. Sie bringt Urlauber und Insulaner vom Unter- aufs Oberland und zurück.

Helgoland.  Ingrun Lösekann hat in ihrem Beruf schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Also, um ganz genau zu sein, sind es 31 Höhenmeter, die sie zweimal pro Minute überwindet. 27 Sekunden benötigt der Aufzug, um einmal vom Helgoländer Unterland zum Oberland zu kommen. Dann geht’s wieder zurück.

Wie viele Fahrten sie mit dem Aufzug in ihrem Leben schon gemacht hat, kann Lösekann nicht beziffern. „Das möchte ich mir auch gar nicht ausrechnen“, sagt die 53-Jährige. Vor 33 Jahren kam die Restaurantfachfrau aus dem Rheinland auf die Hochseeinsel. Eine Saison wollte sie ursprünglich bleiben. Doch wie vielen Bewohnern erging es auch ihr. Sie verliebte sich – „in die Insel“, wie sie sagt.

Seit nunmehr neun Jahren arbeitet sie als festangestellte Fahrstuhlführerin. Lösekann ist Chefin eines neunköpfigen Teams, das die beiden Fahrstühle am Laufen hält. Zwischen 12 und 16 Uhr, wenn die Tagesgäste von den Schiffen auf die Insel strömen, ist Hochkonjunktur am Helgoländer Lift. Dann arbeiten bis zu vier Leute daran, die Besucher schnellstmöglich auf die Klippen und hinunter zu befördern.

Zwei Kollegen stehen dann jeweils im Fahrstuhl, einer sitzt im Kassenhaus und einer – und das ist meistens Lösekann – spielt den Einweiser. Keine leichte Aufgabe. Öfter gebe es Gedrängel oder Streit. „Die Menschen sind egoistischer geworden“, konstatiert Lösekann, die sich aber durchzusetzen weiß. „Notfalls kann ich auch einmal lauter werden“, sagt sie.

An diesem Tag ist bislang keine Rede von Streit und Gedrängel. Es könnte aber auch daran liegen, dass es vor 12 Uhr ist. Die Schiffe voller Gäste sind noch nicht angekommen. Die um diese Zeit überschaubare Zahl an Insulanern und Stammgästen beziehungsweise Langzeiturlaubern kann Lösekann allein stemmen. Sie hat deshalb den Platz auf dem kleinen Podest im Fahrstuhl eingenommen.

Fahrstuhl ist auch wichtig für Lastentransport

„Bitte einsteigen“, fordert Lösekann. Routiniert sortiert sie die Mitfahrenden. 16 Leute kann sie pro Fahrt transportieren, zwölf sind es in der Regel. „Der Rekord waren einmal 18, da habe ich an der Fahrstuhlwand geklebt. Das war nicht schön“, erinnert sie sich. Koffer wirken sich natürlich auf die Anzahl aus. Viele Bewohnern nutzen den Aufzug auch, um Lasten zu transportieren.

Lösekanns Stahlkasten hat seine Regeln. Rucksäcke müssen abgenommen werden, die Gäste ganz durchgehen, denn dort befindet sich der Ausstieg. Der Fahrstuhl an den Klippen bildet seine eigene kleine Welt. Er ist Informations- und Austauschbörse. Im Fahrstuhl weiß man immer die aktuelle Gästezahl auf der Insel. Die ist für den Betrieb notwendig, daher erfragt der Fahrstuhlführer die Zahl telefonisch von den Landungsbrücken.

Während draußen die Sonne vom Himmel knallt, herrscht hier drinnen immer gedimmtes Licht. Es ist auch ruhiger. Nur leise Musik dudelt aus einem Radio, das Lösekann in ihrer Ecke unter den Knöpfen aufgestellt hat. Dort befindet sich auch ein Telefon, ein Eimer für schmutzige Zwischenfälle, die provisorische Kasse, ein paar Glücksbringer und vor allem Lösekanns am häufigsten verwendetes Instrument – eine Lochzange. Damit entwertet die Helgoländerin die Tickets. Denn vor 12 Uhr, also vor dem Gästeansturm, wird direkt im Fahrstuhl kassiert.

Lösekann betätigt die Schalter, schwatzt mit Einheimischen und Gästen – sie hat oft einen Spruch auf Lager. Gleichzeitig entwertet sie die Tickets, verkauft Karten, wechselt Geld. Die Tierfreundin hat immer für Hunde ein Leckerli an Bord und für Kinder Gummibärchen. „Man ist eben auf alles vorbereitet“, sagt sie, während der Fahrstuhl ankommt.

Die Türen gehen auf. Wechselstimmung. Nun wollen Bewohner und Urlauber von den Helgoländer Klippen wieder abwärts. Das Ritual beginnt von vorne.

„Die Gäste haben nachgelassen“, bilanziert Lösekann seufzend. Damit meint sie, dass besonders diejenigen, die einst in der Türkei Urlaub machten und jetzt aufgrund der politischen Debatten lieber an Nord- und Ostsee strömen, sich wie kleine Könige aufführen. Auch ihr Kollege Joachim Widetzki beobachtet negative Entwicklungen. Die Leute hätten alle keine Zeit mehr.

Früher kamen viel mehr Besucher auf die Insel, da hätten sich sehr lange Schlangen vor den Fahrstühlen gebildet. Auch heute bilde sich einmal eine Schlange, aber die Wartezeit halte sich im Vergleich zu früher deutlich in Grenzen. „Doch für manche sind fünf Minuten zu viel“, beobachtet der 73-Jährige.

Widetzkis Gesicht sehen die Gäste, die sich für den Fahrstuhl und nicht für die daneben liegende Treppenvariante mit 184 steilen Stufen entscheiden, als erstes. Der Rentner sitzt seit fünf Jahren im Kassenhäuschen. Ein 450-Euro-Job. „Es fordert mein Gehirn nicht sehr krass, aber das macht auch nichts. Ich mache das gern“, sagt er. Der Helgoländer schätzt, dass er pro Tag bis zu 500 Mal fragt: „Auf und Ab?“ Denn die Besucher können eine einfache Fahrt für 60 Cent kaufen oder gleich ein Hin- und Rückfahrtticket für dementsprechend 1,20 Euro lösen.

Arbeitsplatzgarantie im Felsenlift

„Ich würde immer eine Einzelfahrt nehmen und zurück hinunterlaufen. Da hat man einen tollen Blick“, sagt Widetzki, der mit seiner Frau zusammen das einzige Fitnessstudio der Insel betreibt. „Aber das sage ich den Leute natürlich nicht. Die sollen schön auf und ab fahren.“ Letztlich sichere das seinen Job.

Während andernorts die Digitalisierung Einzug hält, machen sich die Helgoländer Fahrstuhlführer aber keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Sie glauben nicht, dass sie von Fahrkartenautomaten ersetzt werden. „Das wird nichts, damit können die Leute nicht umgehen“, ist sich Widetzki sicher. Lösekann stimmt zu: „Das ist gar nicht möglich. Das gäbe das pure Chaos.“