Pinneberg
Kreis Pinneberg

Landwirte wollen Wildblumen aufblühen lassen

Harm Johannsen (v. l.), Georg Kleinwort und Hauke Pein werben für bunte Vielfalt auf dem Acker

Harm Johannsen (v. l.), Georg Kleinwort und Hauke Pein werben für bunte Vielfalt auf dem Acker

Foto: Thomas Pöhlsen / HA

Pflanzen wie Klatschmohn und Co verschwinden von den Feldern. Appener Bauern wollen einen Beitrag leisten, dass sie wieder blühen.

Appen.  Kamille, Kornblume, Klatschmohn: Thomas Behrends, Referent beim Nabu, kann sich noch gut daran erinnern, wie sie auf den Feldern um die Wette wuchsen. Früher, als Mohnrot und Kornblumenblau die Farben eines perfekten Sommers waren. „Aber diese Arten sind selten geworden“, sagt Behrends. Die Wildblumen sterben aus. Im Grünland zeige sich das besonders drastisch. 100 Arten pro Hektar seien bislang nicht ungewöhnlich gewesen. „Aber heute finden sich im Intensivgrünland oft weniger als 20 oder nur zehn Arten pro Hektar“, sagt Behrends.

Als Ursache dafür machen Naturschützer wie er die Landwirtschaft aus. Starker Düngemitteleintrag und hoher Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, speziell Glyphosat, sorgten dafür, „dass es immer mehr Grün und immer weniger Bunt auf den Feldern gibt“. So wird die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen länger und länger. Und nicht nur die. Für Bienen und andere Insekten ist der Wildblumenschwund fatal. Mehrere Langzeitstudien dokumentieren das Insektensterben – sowohl was die Artenzahl als auch die Zahl der Individuen betrifft, erklärt Behrends. Eine englische Studie kommt etwa zu dem Ergebnis, dass die Nachtfalter-Population um zwei Drittel zurückgegangen ist. Einer Krefelder Studie zufolge ist die Zahl der Fluginsekten um 75 Prozent gesunken.

Soweit die Ausgangslage, die den Landwirten mitnichten egal ist. „Wir wollen etwas tun“, sagt Hauke Pein, Landwirt aus Appen, „Blumen sollen wieder blühen, damit Insekten Nahrung finden.“ Er hat schon etwas getan.

Immer mehr Bauern schaffen die blühenden Flächen

Ortstermin auf einem seiner Felder an der Landstraße zwischen Pinneberg und Appen. Hier sieht alles so aus, wie es aussehen soll. Sonnenblume, Malve, Wicke, Koriander und Ringelblume sprießen in den schönsten Farben. Und auf einem sechs Meter breiten Streifen rund um die etwa einen Hektar große Fläche gedeihen weitere Blühpflanzen. „Bunte Vielfalt“ nennt sich dieses Projekt, mit dem Bauern dem Verschwinden der Blumen von den Äckern Einhalt gebieten und wieder Lebensraum für Insekten schaffen wollen.

Zwei weitere Flächen, beide je circa einen Hektar groß, hat Pein ebenfalls zu Refugien für Insekten gemacht. Von Jahr zu Jahr wechseln die Bereiche, die als Blühflächen dienen. Die alten Bienenwiesen müssen dann für die Landwirtschaft wieder hergestellt werden. Landwirt Harm Johannsen aus Tornesch, der ebenfalls Blühbereiche geschaffen hat, verweist darauf, dass sich auf diesen Flächen vermehrt Unkraut ansiedelt.

Die Bewirtschaftung der blühenden Ökoflächen macht Mühe und
kostet Geld, bringt aber keinen unmittelbaren Ertrag. Mit 1000 Euro pro Hektar rechnet der Kreisbauernvorsitzende Georg Kleinwort die Kosten hoch. Trotz der Ausgaben sind nach seinen Beobachtungen immer mehr Bauern bereit, blühende Landschaften für den Naturschutz zu schaffen. „Allein hier in der näheren Umgebung gibt es schon 30 Hektar“, sagt Kleinwort während des Ortstermins am Rande des Appener Feldes.

Landwirte, die einen Teil ihres Grundes aufblühen lassen wollen, können auf finanzielle Hilfe setzen. Die Europäische Union, der Deutsche Verband für Landschaftspflege und das Land Schleswig-Holstein haben Förderprogramme aufgelegt.

Auch Kommunen widmen inzwischen Grünflächen um

Für Thomas Behrends vom Nabu ist die Feldrandbepflanzung mit Blumen „grundsätzlich eine ordentliche Idee“. Allerdings gibt es Bedingungen, die seiner Ansicht nach erfüllt werden sollten. So müsse der Pflanzstreifen ausreichend breit sein, und beiderseits des Blumenareals dürfe die Ackerfläche nicht mit Insektiziden und Herbiziden bearbeitet werden.

Der Kreisbauernvorsitzende Georg Kleinwort beteuert: „Wir Landwirte wollen unseren Beitrag leisten.“ Gleichwohl räumt er ein: „Allein können wir es nicht schaffen.“ Er setzt deshalb auf Mitstreiter wie Hausbesitzer, Kommunen und Unternehmen, die wenigstens Teile ihrer Freiflächen insektenfreundlich gestalten.

Beispiele, wie das gelingen kann, gibt es im Kreis Pinneberg bereits. So hat etwa die Stadt Wedel schon im vergangenen Jahr damit begonnen, einst regelmäßig gemähte Grünflächen aufzugeben und stattdessen Wildblumen auszusäen. Erste Flächen entstanden am Autal/Ecke Rissener Straße und an der Schulauer Straße.

Auch Tornesch geht bereits mit gutem Beispiel voran. Der städtische Bauhof sät seit drei Jahren in jedem Frühjahr eine Blumenwiese aus. Und der Pinneberger Kreistag hat die Verwaltung in diesem Frühjahr aufgefordert, ein Konzept für die insekten- und vogelfreundliche Gestaltung und Pflege der Grünflächen aller Kreis-Liegenschaften zu erstellen.

Für alle, die privat etwas für den Erhalt der Wildblumen und damit auch der Insekten machen wollen, hat Nabu-Mann Thomas Behrends noch einen einfachen Tipp auf Lager: Wildblumen-Samen auf Balkon und im Garten ausbringen. Damit die Farben eines perfekten Sommers zurückkommen.