Pinneberg
Wedel

Diese Studenten trennt ein halbes Jahrhundert

Foto: Katy Krause / HA

Wedeler Fachhochschule feiert runden Geburtstag mit großem Ehemaligentreff. Jüngster und ältester Absolvent geben Einblick.

Wedel.  Der Wedeler Peter Poock-Haffmans ist 75 Jahre alt und Rentner. Kristina Engel steht mit ihren 26 Jahren gerade am Anfang ihrer beruflichen Karriere. Was beide eint? Sie haben die Fachhochschule (FH) in Wedel besucht und dort ihren Abschluss gemacht. Genau 50 Jahre trennen die ehemaligen Studenten. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich die Gesellschaft, die beruflichen Anforderungen und somit natürlich auch die private Lehreinrichtung stark gewandelt haben. Anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Fachhochschule kehrten kürzlich etwa 130 Ehemalige zum großen Alumni-Treffen nach Wedel zurück. Darunter war auch Poock-Haffmans, der älteste Absolvent des Treffens.

„Es hat sich in der langen Zeit viel verändert“, sagt er. Als er sein Studium an der Fachhochschule vor mehr als 50 Jahren begann, verteilten sich die etwa 1000 Studenten auf lediglich zwei Fachrichtungen mit dem Schwerpunkt auf dem physikalisch-technischen Bereich. Heute bietet die FH elf Bachelor- und sechs Master-Studiengänge in der Informatik sowie den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften an. Rund 1300 Studenten besuchen die Einrichtung in der Feldstraße 143.

Sie alle bewerben sich schriftlich um einen Studienplatz. Dann werden die Unterlagen geprüft, in manchen Fällen werden die Kandidaten zu einem Interview oder Auswahltest geladen. Bei Poock-Haffmans lief das Anfang der 60er Jahre etwas anders. Er musste auf die Ledercouch von Professor Dr. Helmut Harms. Der Begründer der Fachhochschule und Großvater des heutigen Schulleiters Professor Eike Harms suchte damals die Studenten persönlich aus. Er entschied sich auch für den aus Hameln stammenden Bewerber, der der Fachhochschule über Jahrzehnte eng verbunden bleiben sollte. Denn Poock-Haffmans erhielt nach seinem Abschluss erst eine Assistenzstelle an der Fachhochschule, später wurde er fester Dozent. Bis zu seiner Rente im September 2008 war er an der FH tätig, lehrte und prägte Generationen. „In meinem Job war ich ein Leben lang glücklich“, sagt er rückblickend.

Auch Kristina Engel wirkt glücklich und zufrieden. Die Hamburgerin hat ihren Masterabschluss ganz frisch in der Tasche. Im April machte sie sich selbstständig. Zusammen mit einem Kommilitonen gründete sie die Firma elbMetrics. Trotzdem ist auch sie der Fachhochschule weiterhin treu. Die Gründerin darf Räume und Know-how der Fachhochschule nutzen. Grund dafür: Sie ist die erste Stipendiatin des „Gründungsstipendiums Schleswig-Holstein“ an der FH. Das beinhaltet auch eine finanzielle Unterstützung. Das Land kommt unter anderem für die Lebenshaltungskosten der zukünftigen Unternehmer in der Vorbereitungsphase auf. Das verschafft Engel Zeit, zusammen mit ihren Kollegen das Produkt marktreif zu bekommen.

Dabei ist elbMetrics ein Ergebnis ihres Studiums. Engel gehört zum ersten Jahrgang des neuen Studiengangs E-Commerce, den die FH zusammen mit dem Hamburger Unternehmen Otto-Group aufbaute. Während ihrer praktischen Zeit im Unternehmen erkannte sie das Potenzial zielgerichteter Analysen von Webseitenbesuchern für Onlineshop-Betreiber. „Ich habe sehr von der FH profitiert“, sagt Engel. Dabei war sie zu Beginn unsicher, ob sie das Studium nicht abbrechen sollte. Als einzige Frau in ihrem Studienfach fühlte sie sich anfangs etwas unwohl, was sich aber schnell normalisierte.

An der FH ist der Frauenanteil allgemein niedrig. Fachhochschulchef Harms beziffert den Anteil auf rund 20 Prozent, Tendenz leicht steigend. Wer nun denkt, das sei früher bestimmt noch schlechter gewesen, irrt. Poock-Haffmans erinnert sich an Zeiten, als der Anteil schon bei 30 Prozent lag. Denn zu Beginn war das Informatikstudium durchaus bei Frauen beliebt. In Deutschland nahm dieser Trend im Unterschied zu anderen Ländern wieder ab, so Harms. Verändert hat sich auch der Dresscode. „Zu Anfang meines Studiums liefen hier viele in Schlips und Kragen herum“, erinnert sich Poock-Haffmans. Heute seien unter den Studenten deutlich „buntere Vögel“. Dafür waren die Studenten streitbarer. Die Bewegung der 68er fand auch an der Wedeler Fachhochschule ihren Niederschlag. „Es gab eine rote Zelle“, so Poock-Haffmans. Protestmärsche, Diskussionen und Infostände wurden organisiert. Gewalttätige Ausschreitungen oder Schmiererei in der Fachhochschule gab es nicht. Vielleicht lag es daran, dass FH-Leiter und Begründer Helmut Harms an der Seite der Studenten mitmarschierte, oder es lag daran, dass die Studenten damals wie heute ihr Studium komplett privat finanzieren mussten und daher den Wert der Einrichtung anders schätzten.

Doch so unterschiedlich die Zeiten waren, so einig sind sich Poock-Haffmanns und Engel doch darin, was ihre FH ausmacht: die familiäre Atmosphäre und die persönliche Betreuung. Darauf will der FH-Chef in dritter Generation auch zukünftig setzen. „Wir wollen uns verstärkt fragen, was unsere Hochschule prägt, was den Lehr- und die Lernkultur ausmacht und das ausbauen“, erklärt er.

Ein weiteres Zukunftsprojekt ist der Beitritt zum kürzlich gegründeten Promotionskolleg Schleswig-Holstein. Harms hofft, dass sich der Zusammenschluss zahlreicher Unis und Hochschulen noch im Herbst auf eine Promotionsordnung einigt. Das würde den Weg freimachen, dass Studenten der FH Wedel den Doktor-Titel an ihrer Hochschule machen dürfen und nicht mehr wie bislang an Universitäten ausweichen müssten. Engel steht bereit, auch das als Erste auszuprobieren.