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Kreis Pinneberg

Später Schulbeginn sorgt für Streit in Wedel

Eine junge Lehrerin schreibt an eine Schultafel

Eine junge Lehrerin schreibt an eine Schultafel

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Erste Stunde startet erst um 8.35 Uhr: Die Eltern fordern Frühdienst. Wedeler Politiker sehen die Schule in der Pflicht.

Wedel.  An der Wedeler Moorwegschule ticken die Uhren anders. Im Unterschied zu allen anderen Schulen der Stadt und den meisten Grundschulen im Kreis Pinneberg beginnt der Unterricht hier um 8.35 Uhr. Die festgelegte „Kommezeit“ für die Erst- und Zweitklässler ist von 8.20 bis 8.35 Uhr. Sprich: Die Kinder dürfen aus versicherungstechnischen Gründen vorher nicht in die Klassen und auch nicht auf das Schulgelände – wegen der fehlenden Beaufsichtigung. Und das stellt viele berufstätige Eltern vor große Herausforderungen.

So große Herausforderungen, dass sich die betroffenen Eltern zu einer Initiative zusammengeschlossen haben. Ihre Idee beziehungsweise Forderung: zumindest irgendwie einen Frühdienst an der Moorwegschule zu installieren. In den vergangenen Monaten kämpften sie für ihr Anliegen. Sie sprachen mit der Rektorin, der Stadtverwaltung, und sie starteten Umfragen, bei denen sie aufwendig den Betreuungsbedarf der Eltern an ihrer Schule sowie den der kommenden Generationen an den umliegenden Kitas ermittelten. Ihr Ergebnis war, dass es derzeit mindestens 16 Eltern gibt, die einen solchen Frühdienst in Anspruch nehmen würden – und sogar bereit wären, dafür zu zahlen.

Denn der späte Unterrichtsbeginn geht auf Kosten der Eltern und der Stadt Wedel. Zur Finanzierung der zusätzlicher Betreuung müssen die Eltern mit 20 Euro pro Monat herangezogen werden. Zudem fließt Geld aus der Stadtkasse. Bei 30 Kindern würde das Defizit im Haushalt fast 25.800 Euro betragen, wie aus einer Verwaltungsvorlage hervorgeht. Genau das schmeckt zahlreichen Wedeler Kommunalpolitikern überhaupt nicht, die am Donnerstagabend lang und hitzig um eine Entscheidung stritten. Am Ende beschloss der Rat zwar den von SPD und Grünen beförderten Antrag auf Einführung eines Frühdienstes an der Moorwegschule von 7.30 bis 8.20 Uhr – aber nur unter einigen Bedingungen und zähneknirschend. Unter anderem wurde das Projekt auf ein Schuljahr begrenzt.

Denn sowohl Politik als auch Stadtverwaltung sehen die Schule in der Pflicht. Insbesondere die CDU-Fraktion machte am Donnerstag Druck. „Wir fordern, dass an der Moorwegschule im ersten Halbjahr eine Schulkonferenz thematisiert, wie man an der Schule die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherstellen will“, erklärte Julian Fresch für die CDU Wedel. „Wir fragen uns, warum nun Eltern und Stadt für eine Leistung zahlen müssen, die an allen anderen Schulen in der Umgebung gang und gäbe ist.“ Die CDU fordert daher auch, dass man an der Schule über eine Anpassung der Unterrichtszeiten berät. Auch Mitglieder anderer Parteien kritisierten massiv den „verschlafenen“ Sonderweg der Grundschule.

Die Entscheidung darüber, wann der Unterricht an einer Schule anfängt, obliegt allerdings allein der Schulkonferenz. Die setzt sich aus Lehrern, Schülern und Eltern zusammen. Das Bildungsministerium in Kiel hat darauf keinen Einfluss, wie auch Pressesprecher Thomas Schunck deutlich macht: „Die Schulen sind frei, was das Thema angeht.“ Einige Schulen auf dem Land müssten ihre Zeiten beispielsweise dem Öffentlichen Nahverkehr anpassen. Ein weiterer Faktor: Aufgrund einer Studien fordern Forscher und Pädagogen, den Unterricht nach hinten zu verlegen. Frühes Aufstehen soll demnach den Lernerfolg schaden.

Nahverkehr, Biorhythmus? Aus welchen speziellen Gründen die Schulkonferenz der Moorwegschule vor Jahren für den späteren Unterrichtsbeginn votierte, dazu war von der Schulleiterin nichts zu erfahren. Sabine Foßhag war für eine Stellungnahme am Freitag nicht zu erreichen.

Maren Burrows sind die Gründe auch egal. Die Wedelerin wohnt in der Moorsiedlung und ist eine der betroffenen berufstätigen Mütter, die sich der Elterninitiative angeschlossen haben. „Ich muss um 7.30 Uhr aus dem Haus, um pünktlich zur Arbeit zu kommen“, erklärt sie. Ihre Kinder möchte sie dann betreut in der Schule wissen. „Es ist für viele Eltern ein echtes Problem, wenn die Kinder von der Kita auf diese Grundschule wechseln“, weiß sie. Doch besonders betroffen seien Familien mit mehreren Kindern, die auch noch weiter entfernt wohnen. Wenn ein Kind in die Kita, eines um 8.30 Uhr und ein anderes bereits um 7.45 Uhr in die Schule muss (dann beginnt nämlich der Unterricht für die Dritt- und Viertklässler an der Wedeler Moorwegschule), dann seien diese Eltern nur im Auto unterwegs. „Das ist fast gar nicht zu planen, vor allem für diejenigen, die im Schichtdienst arbeiten müssen“, sagt die Wedelerin.

Burrow hat sich die Mühe gemacht und bei 51 Grundschulen im Kreis Pinneberg nachgefragt: „Keine dieser Schulen beginnt so spät und bietet dann nicht einmal einen Frühdienst an.“ Die Wedelerin glaubt auch nicht an einen Lernnutzen für ihre Kinder, wenn erst später unterrichtet wird. „Für meinen Erstgeborenen könnte der Unterricht schon um 6 Uhr losgehen, mein anderer ist ein Langschläfer. Man wird nie allen Kindern gerecht werden.“