Pinneberg
Städtebau

Wie der Architekt sein Thesdorf sieht

Architekt Walter Sauermilch vor dem Wohnensemble mit Hochhaus in Thesdorf, das er in den 1970er-Jahren gebaut hat

Architekt Walter Sauermilch vor dem Wohnensemble mit Hochhaus in Thesdorf, das er in den 1970er-Jahren gebaut hat

Foto: Katja Engler / HA

Der von Walter Sauermilch entworfene Baukomplex um Pinnebergs höchstes Haus altert, doch die architektonische Qualität stimmt.

Pinneberg.  Es war damals, Mitte der 1970er-Jahre, ein kühner Wurf, zu dem sich Walter Sauermilch (83) entschlossen hatte. Den Auftrag, direkt an der S-Bahn-Station Thesdorf einen Baukomplex mit 17-stöckigem Hochhaus und rund 300, später dann 400 Wohnungen zu entwerfen, hatte er, der eigentlich keine Hochhäuser mag, bekommen und wollte etwas Gutes daraus machen. Das ist ihm überwiegend gelungen. Auch wenn die Qualität von Sauermilchs Entwurf weder von der Straßen- noch von der Bahnseite zu erkennen ist, sondern erst, wenn man mittendrin steht. Von außen wirkt der Komplex heruntergewirtschaftet, ist er aber eigentlich nicht. Die Fassadenplatten sind gut erhalten, müssten allerdings dringend gereinigt und neu gestrichen werden.

Da das Ensemble fast ausschließlich Eigentumswohnungen enthält, sind es die Eigentümer, die solche Arbeiten schultern müssen. Momentan, so ist von der Hamburger Verwaltungsfirma Albro zu erfahren, wird die Tiefgarage saniert. „Wir bemühen uns, nach und nach alles zu sanieren, die Dächer, die Fassaden und Balkone. Derzeit wird an einem Konzept und an einer Prioritätenliste gearbeitet“, sagt ein Albro-Mitarbeiter.

Der Wohnkomplex mit unterschiedlichen Bauhöhen und guten Proportionen, überwiegend nach menschlichem Maß, ist es wert, erhalten zu werden. Er wirkt freundlich, kommunikativ und für Fußgänger einladend, da er diverse Zugänge und sehr viel Grün bietet und die niedrigeren Einzelhäuser durch Laubengänge miteinander verbunden sind. Der Kinderspielplatz ist hübsch und neu. Die Tiefgarage ist auffallend groß, bedenkt man, dass sie schon mehr als 40 Jahre alt ist: Jede Wohnung hat einen Parkplatz, es gibt ein Drittel Gäste-Stellplätze, zusätzlich wurde eine ganze Ebene für Park-and-ride-Plätze reserviert. „Es ist die größte Wohnanlage, die ich gebaut habe“, sagt der Architekt und nimmt auf einer der schönen, soliden Holzbänke Platz, die zwischen den gepflegten Grünflächen stehen.

Walter Sauermilch wollte damals mehr, als einfach nur Wohnraum schaffen. Ihm ging es darum, „das soziale Miteinander zu fördern“. Er wollte, dass die Thesdorfer Bewohner sich häufiger über den Weg laufen, weil sie ihren täglichen Bedarf vor Ort decken. Dafür entwarf er (damals noch dezent silbergraue) fast vollständig verglaste Verkaufsflächen zu Füßen des Hochhauses – auf einer erhöhten Ebene, von der aus das Hochhaus nicht mehr ganz so riesig wirkt. Bis 2009 war dort ein Supermarkt, es gab eine Post und viele andere Läden – aber die meisten Geschäfte sind zu, die gewollte Transparenz zunichte, indem die Scheiben zugeklebt wurden. Geblieben ist noch der große Anbieter für Anglerbedarf.

Mehr denn je braucht die Stadt Pinneberg aber städteplanerische und architektonische Visionen. Da die Preise in Hamburg ständig steigen, entsteht im Kreis noch immer viel neuer Wohnraum. Bis 2030, so sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Hölck dem Abendblatt, müssten im Kreis Pinneberg rund 20.000 Wohnungen gebaut werden. Wenn neue Wohnblocks Orte zum Wohlfühlen, beliebte Treffpunkte für gute Nachbarschaft werden sollen, müssen die entsprechenden Ideen eingefordert und ernst genommen werden. Erst recht, wenn wieder mehr Hochhäuser gewollt sind. Denn die autogerechte Stadt hat überwiegend dazu geführt, dass zu Fuß gehende Menschen sich marginalisiert fühlen und Außenräume meiden, die die menschlichen Körpermaße ignorieren und den Bewegungsradius einschränken.

Walter Sauermilch hat die architektonische Moderne studiert. Von Mies van de Rohe hat er die konsequente Rechtwinkligkeit übernommen, „die ökonomischste Form des Bauens“. Aber er mag keine Star-Architekten. Eher schon Männer wie den Niederländer Herman Hertzberger, der vor allem öffentliche Gebäude geschaffen hat und darin private, halböffentliche und gemeinsame Räumen unterbrachte.

Wenn man schon ein Hochhaus baue, dann müsse man auch die Peripherie mitplanen, sagt Sauermilch. Die Leute sollten sich in seinem Hochhaus wohlfühlen und auch ohne Auto zurechtkommen. Dafür hat er in Thesdorf die Bedingungen geschaffen. Und noch heute gibt es einen gut gehenden Bäcker vor Ort, Ärzte, einen Kiosk, und das beliebte Restaurant Kochlounge.

„Wenn heute nicht mehr alles funktioniert, kann ich als Architekt nichts dafür“, sagt Sauermilch. Das Urheberrecht für Architekten sei in Deutschland schwach. Aber hier in Thesdorf ist alles noch da, und der Komplex kann sich wieder mit neuem Leben füllen.

Der weltbekannte dänische Architekt Jan Gehl, der Kopenhagen, Manhattan oder Moskau umbaute, schreibt, es sei dringend nötig, „die soziale Funktion des öffentlichen Raums zu fördern – als Treffpunkt, der zum zwischenmenschlichen Zusammenhalt und zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft beiträgt“.