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Drei Seiten Elmshorns, die kaum jemand kennt

Peter Köhnke (l.), Leiter des Stadtarchivs, und Jürgen Wohlenberg, Historiker und Gründungsmitglied des Fördervereins für das Stadtarchiv Elmshorn, laden zum Tag der Archive

Peter Köhnke (l.), Leiter des Stadtarchivs, und Jürgen Wohlenberg, Historiker und Gründungsmitglied des Fördervereins für das Stadtarchiv Elmshorn, laden zum Tag der Archive

Foto: Anne Dewitz / HA

Peter Köhnke und Jürgen Wohlenberg erzählen zum Tag der Archive von fast vergessenen Begebenheiten in der Geschichte der Stadt.

Elmshorn.  Unter dem Motto „Demokratie und Bürgerrechte - Beispiele aus der Elmshorner Vergangenheit“ beteiligt sich das Stadtarchiv Elmshorn erstmalig am bundesweiten Tag der Archive. Das Elmshorner Stadtarchiv, Schulstraße 36, öffnet hierfür am Sonntag, 4. März, in der Zeit von 11 bis 15 Uhr die Türen für die Öffentlichkeit.

Besichtigungen werden angeboten. Außerdem erwartet die Besucher ein themenbezogenes Programm mit Vorträgen, Filmvorführungen und Archivalien zu den folgenden Themen: Elmshorner Selbstbefreiung, Demokratie kann auch mal schiefgehen - der Elmshorner Rathauskrieg und Arbeiter- und Soldatenrat in Elmshorn.

Wie sich Elmshorn 1945 von den Nazis befreite

„Elmshorn ist die einzige Stadt in Norddeutschland, in der sich die Bürger selbst von der Nazi-Herrschaft befreit haben“, sagt der Historiker Jürgen Wohlenberg vom Förderverein Stadtarchiv Elmshorn. Quelle sind unter anderem die 25 Bände umfassenden handschriftlichen Tagebücher von Heinrich Hinz, einem früheren Lehrer an der Oberschule für Mädchen Elmshorn, die dem Stadtarchiv überlassen wurden.

Als nach der Befreiung Hamburgs durch die britische Armee eine neue Hauptkampflinie durch Elmshorn gebildet werden sollte, mobilisierten Elmshorner Antifaschisten den Widerstand. Am Nachmittag des 3. Mai 1945 wurden Flugblätter verteilt, in denen ein „Übergabe-Ausschuss“ zum Hissen weißer Flaggen aufrief. Diesem Aufruf folgten viele Elmshorner und wurden daraufhin von SS-Soldaten beschossen. Allerdings: „Viele verteidigten aktiv ihre weißen Fahnen“, wie aus einem Dokument aus dem Sommer 1945 hervorgeht.

In der Nacht zum 4. Mai stiegen Erich Arp und der Kommunist Arthur Geißler auf den Turm der Elmshorner Nikolaikirche und befestigten dort vier weiße Bettlaken. Ein Banner verkündete: „Elmshorn ist freie Stadt.“

„In der Gewissheit des baldigen britischen Einmarsches wurde in Elmshorn ein antifaschistischer Ordnungsdienst eingerichtet“, sagt Wohlenberg. Der übernahm vorübergehend die Macht, entließ den kommissarischen Bürgermeister. Führende Nazis der Stadt wurden festgesetzt.

Die Widerstandskämpfer riefen Elmshorner Unternehmer auf, ihren Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung zu leisten und mit den sich neu bildenden Betriebsräten und Gewerkschaften zusammenzuarbeiten. Ein „Aufruf an die Arbeiter fremder Nationalität“ richtete sich an 2100 Zwangsarbeiter mit der Bitte, Ruhe zu bewahren und beim demokratischen Aufbau mitzuarbeiten.

Der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein und NSDAP-Gauleiter Hinrich Lohse wollte den Aufstand gewaltsam niederschlagen und versuchte von Pinneberg aus, ein Polizeibataillon gegen Elmshorn in Marsch zu setzen. Die eintreffenden britischen Truppen entwaffneten jedoch die Polizisten und verhinderten den Einsatz. Am 8. Mai erfolgte die Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht.

Am 12. Mai verhafteten die Elmshorner Antifaschisten den NSDAP-Kreisleiter in Pinneberg. Kurz darauf löste die britische Besatzungsmacht als Reaktion auf diese „Amtsanmaßung“ die antifaschistische Stadtverwaltung auf und setzte den ehemaligen nationalsozialistischen Bürgermeister Karl Coors kurzzeitig wieder ein. Am 17. Dezember wurde Heinrich Hauschildt (SPD) zum ersten Nachkriegsbürgermeister der Stadt Elmshorn gewählt.

Eine Tafel vor der Kirche erinnert: „Dieser in Norddeutschland einmalige Vorgang der „Selbstbefreiung“ wurde in einer besonderen militärischen Situation durch das Zusammenwirken von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaft unter spontaner Beteiligung der Bevölkerung möglich.“ Eine solche Selbstbefreiung vom Nationalsozialismus vor dem Eintreffen der Besatzungstruppen gab es sehr selten, unter anderem noch in Schwarzenberg im Erzgebirge und Hohen Neuendorf in Brandenburg.

Wie Bürgermeister und Stadtrat den „Rathauskrieg“ führten

Jürgen Wohlenberg schildert die Geschichte vom bundesweit für Aufsehen sorgenden „Rathauskrieg“ in Elmshorn, der sich über zwei Jahre von 1956 bis 1958 hinzog. Ein Skandal jagte den nächsten. Politiker beschimpften, beleidigten und denunzierten sich damals gegenseitig. Dazwischen wurde die Meldung in den Zeitungen gestreut, dass sich in Elmshorn eine Hubschrauber-Fabrik in den Knechtschen Hallen ansiedeln sollte. Im Rathaus wusste aber niemand etwas davon.

Der damalige Bürgermeister Wilhelm Ulbrich (SPD) wurde während seines Urlaubs vom Stadtrat Walter König (CDU) vertreten, der offenbar an seinem Stuhl sägte. Die Mehrheitsverhältnisse lagen damals nicht bei der SPD, weil CDU, FDP und die Partei der Vertriebenen eine Listenverbindung eingegangen waren. Denn kaum dass Ulbrich abwesend war, suspendierte König im Alleingang den Gartenbaurat Bremer und warf ihm Inkompetenz vor. Es war der Auftakt einer Schlammschlacht, die von einer SPD-nahen Hamburger Zeitung und den Elmshorner Nachrichten, die König protegierten, befeuert wurde.

„Das Ganze passierte auf sehr niedrigen Niveau und schadete damals dem Ruf der Stadt“, sagt Wohlenberg. Der Rathauskrieg bedeutete einen Stillstand für die Stadt. Das Ganze ging so weit, dass ein Verwaltungskommissar aus Kiel eingesetzt werden musste und König und Ulbrich suspendiert wurden. Längst nicht das Ende des Rathauskrieges. Denn der Verwaltungskommissar selbst wurde später gewählter Stadtrat in Elmshorn und in die Schlammschlacht reingezogen.

Der damalige Bauamtsleiter Richard Bobell und spätere Gründer des Stadtarchivs in Elmshorn sammelte alle Zeitungsausschnitte zum Rathauskrieg und überreichte sie dem Bürgermeister Kurt Semprich. „Sie sollten als warnendes Beispiel dienen“, sagt Wohlenberg. Heute werden die beiden dicken Bände im Stadtarchiv verwahrt.

Wie 13 Männer den Sozialismus einführen wollten

Der erste Arbeiter- und Soldatenrat bildete sich am 4. November 1918 als Folge des Kieler Matrosenaufstands kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges. In den nächsten Tagen folgten zahlreiche weitere Städte diesem Beispiel, bis die Revolution am 9. November Berlin erreichte. Auch in Elmshorn bildete sich am 7. November 1918 im Gasthof „Zur Linde“ an der Mühlenstraße ein Elmshorner Arbeiter- und Soldatenrat. Ein Schwarz-Weiß-Foto, das Familie Dettmann dem Stadtarchiv überließ, zeugt heute davon.

13 Elmshorner Sozialdemokraten waren entschlossen, bewaffnet mit vier Gewehren die neue Demokratie einzuläuten. Dafür hielten sie für kurze Zeit den Bahnhof und einige Fabriken besetzt. Wie die anderen Räte auch forderten sie die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. und die sozialistische Republik.

Die Sowjets (zu deutsch: Räte) der russischen Oktoberrevolution dienten ihnen als Vorbild. In ihrer Mehrheit bestanden die Arbeiter- und Soldatenräte aus Anhängern der SPD und der USPD.

Die Novemberrevolution von 1918/19 führte in der Endphase des Ersten Weltkrieges zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik – ein Kompromiss zwischen den revolutionären Forderungen und den Interessen der bürgerlichen Kräfte.