Pinneberg
Pinneberg

Warum Senioren die neuen Top-Kunden sind

Foto: Andreas Daebeler / HA

In Pinneberg werden ältere Menschen nach ihren Einkaufsvorlieben befragt. Ziel ist, deren Kaufkraft in der Innenstadt zu binden.

Pinneberg.  Michael Lohmann blickt sich nur kurz um. Der 72-Jährige ist Stammkunde. Er findet schnell, wonach er sucht. Wenn nicht, ist Verkäuferin Lena Rahlf zur Stelle. Die Buchhandlung Bücherwurm in Pinneberg versucht, sich gegen die großen Internet-Versandhäuser wie Amazon zu behaupten, indem sie dem Kunden so weit wie möglich entgegenkommt. Auch älteren. Senioren-Marketing lautet das Zauberwort. Ein Fragebogen ebnet den Weg. 200 Besucher des Ladens wurden bereits befragt. Nach Auswertung könnte gar die Umgestaltung von Verkaufsflächen zugunsten älterer Menschen stehen – sie sind die neuen Top-Kunden. Denn sie werden mehr.

Begleitet wird das Team des Bücherwurms von Kersten Steinke, die sich schon lange mit dem Kaufverhalten älterer Menschen befasst. Den Kontakt hat die Wirtschaftsgemeinschaft hergestellt. Regelmäßig bietet Steinke beim Zusammenschluss der Pinneberger Kaufleute Workshops an – so auch den, der Senioren als Kunden in den Fokus rückt. Ansatzpunkte gibt es viele. „Im Alter verkleinert sich der Pupillendurchmesser, es wird wichtiger, wie ein Geschäft ausgeleuchtet ist“, erklärt Steinke. Auch die Farbwahrnehmung ändere sich, Kontraste würden wichtiger. Übersichtliche Raumgestaltung sei ebenso wichtig wie viel Platz zum Bewegen und Barrierefreiheit. „In der Werbung wird oft ein falsches Bild vom aktiven, uneingeschränkten Rentner gezeichnet“, so die Expertin. Das treffe höchstens auf zehn Prozent der Senioren zu. Generationenfreundliches Einkaufen sei ein Thema, das in die Zukunft weise. „Es geht darum, Kaufkraft in Pinneberg zu halten“, so Steinke.

Eine Studie der deutschen Versicherungswirtschaft bestätigt diese Worte. Schon jetzt vereint die stetig wachsende Gruppe der über 60-Jährigen knapp ein Drittel der Kaufkraft aller Deutschen auf sich. Rentner sind zumeist treue Kunden der Geschäfte in den Innenstädten, meiden das bei jüngeren Menschen beliebte Internet-Shopping. „Wir haben die höchste Kaufkraft bei Senioren aller Zeiten, sie konsumieren und sind eine Säule des stationären Handels“, weiß Pinnebergs Wirtschaftsförderer Stefan Krappa.

2017 lebten etwa 67.000 Menschen über 65 Jahre im Kreis Pinneberg. „Für den Handel vor Ort ein großes Potenzial“, so Krappa. Eine Studie der Generali, die sich mit dem Auskommen der 65- bis 85-Jährigen befasst, untermauert das. Demnach wuchs das frei verfügbare Einkommen bei Senioren in den vergangenen Jahren deutlich an. So blieben einem finanziell gut gestellten Rentner 2016 nach Abzug von Miete, Heizung und Essen noch 1027 Euro (2012: 883 Euro) zum Ausgeben.

Bis 2025 wird das Durchschnittsalter im Kreis Pinneberg um geschätzte 3,3 Jahre ansteigen. Die Region nördlich von Hamburg liegt damit nahe am Landesdurchschnitt, aber weit über „jungen“ Städten wie Lübeck (1,8 Jahre) und Kiel (2,2 Jahre). Spitzenreiter im Land ist der Kreis Plön, in dem das Durchschnittsalter bis 2025 voraussichtlich um 5,6 Jahre ansteigen wird.

Dem „Wirtschaftsfaktor Alter“ ist eine Broschüre des Bundes gewidmet. 2035 werde die Hälfte der Bundesbürger älter als 50 Jahre sein, steht darin zu lesen. Schon jetzt betrage die Kaufkraft dieser Gruppe mehr als 600 Milliarden Euro pro Jahr. Dem regionalen Einzelhandel empfiehlt das Ministerium, sich stärker auf die Ansprüche älterer Kunden einzulassen. Barrierefreie Gestaltung der Geschäfte wird empfohlen. Es gelte, Angebote und Ansprache auf Senioren zuzuschneiden.

Eben da setzt Kersten Steinke an. Bei Buchhändlerin Lena Rahlf findet sie ein offenes Ohr. Bei deren Kunden offenkundig auch. Viele beantworteten bereitwillig Fragen nach Mitarbeiterkompetenz, Ladengestaltung, Kundentoiletten und rutschfestem Untergrund. In weiteren Workshops wird nun ausgewertet. „Der Bücherwurm ist jetzt schon vorbildlich, auch wenn Verbesserungen immer möglich sind“, sagt Steinke. „Nicht zu eng, übersichtlich, ich fühle mich wohl“, bestätigt Lohmann. Dem 72-Jährigen ist wichtig, „den regionalen Einzelhandel zu stützen“. Er ist einer der älteren Top-Kunden. Und er soll es bleiben.

Den Fragebogen für Betriebe gibt es unter www.generationenfreundliches-einkaufen.de