Pinneberg
Satire

Warum über Pinneberg so viel gespottet wird

NDR-Redaktionsleiter Andreas Lange in der Kulisse der NDR-Satireshow Extra 3

NDR-Redaktionsleiter Andreas Lange in der Kulisse der NDR-Satireshow Extra 3

Foto: Georg Wendt / picture alliance / dpa

Andreas Lange, Redaktionsleiter des NDR-Magazins Extra 3, ist in der Kreisstadt aufgewachsen – und verantwortet mitunter Spott darüber.

Kreis Pinneberg. In Andreas Langes Büro im achten Stock des NDR-Gebäudes in Hamburg-Lokstedt ziert das Extra 3-Neonlogo, das in den Jahren von 1989 bis 1997 unter Hans-Jürgen Börner im TV-Studio hing, die Wand. Auf dem Schreibtisch steht ein goldfarbener Gartenzwerg. In dessen Stirn steckt ein Kugelschreiber wie ein Pfeil. Daneben ein Haufen, auch goldfarben, den die Extra 3-Redaktion 2017 für den größten Irrsinn verliehen hat. Hier ist die Schaltzentrale politischer Satire, laufen alle Fäden zusammen. Denn als Redaktionsleiter ist Andreas Lange verantwortlich für die inhaltliche Korrektheit der Beiträge und stimmt mit Christian Ehring die Moderation ab.

Auch seine Heimat, der Kreis Pinneberg, bleibt von bissigen Beiträgen nicht verschont. So dichtete der bayerische Comedian und neue Moderator von „Der reale Irrsinn XXL“, Maxi Schafroth, gerade erst wieder ein Lied über Elmshorn. Die Stadt hatte es bereits vor einem Jahr mit seinem neu eingeführten Supernormal-Slogan in die Extra 3-Sendung geschafft. Der Beitrag endete mit dem unvergesslichen Satz: „Immerhin nicht Pinneberg.“

Pinneberg scheint immer wieder gut für Spott zu sein. Das spürte Lange auch am eigenen Leib, wenn er mit dem Auto in Hamburg unterwegs war und wegen seines PI-Kennzeichens (der Großstädter meint, es sei die Abkürzung für Provinz-Idiot) auffällig oft angehupt wurde. „Jeder, der aus dem Kreis kommt, kennt solche Vorurteile. Da braucht es schon etwas Selbstironie“, sagt Lange. Besonders schön sei Pinneberg mit seinen Bausünden ja wirklich nicht. Und in jedem Vorurteil stecke auch immer ein wahrer Kern. „Vielleicht muss man den Irrsinn der Provinz selbst erlebt haben, um sich darüber lustig machen zu können“, sagt der gebürtige Pinneberger. Erst als 21-Jähriger zog er fürs Studium nach Lüneburg, wo er Angewandte Kulturwissenschaften studierte. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Söhnen in Hamburg-Eimsbüttel. „Pinneberg ist immer noch Heimat für mich. An jeder Ecke hängen Erinnerungen“, sagt der 47-Jährige.

Mit dem Schulkameraden Tim Mälzer aß er Dosen-Ravioli

Seine ersten Lebensstationen spielten sich entlang des Fahlts ab: Im Pinneberger Krankenhaus wurde er geboren, dort ging er in eine katholische Kita, machte sein Abitur an der Johannes-Brahms-Schule, trat mit seiner Schülerband Jimsix im Jugendzentrum im Geschwister-Scholl-Haus auf, kickte beim VfL erst in der Jugend, dann im Herrenteam. Später wechselte er zum SuS Waldenau. „Waldenau ist Pinnebergs gallisches Dorf“, sagt Lange und lacht. Nach seinem Zivildienst bei der Awo Pinneberg schrieb er später als freier Reporter für das Pinneberger Tageblatt.

Auch heute noch zieht es ihn immer wieder in die Gegend. „Meine beiden Jungs spielen auch Fußball. Auch darum sind wir noch viel im Kreis Pinneberg unterwegs“, sagt der Journalist. Seine Eltern leben noch immer in Prisdorf. Sein Vater Roland Lange ist Urgestein des VfL, unter anderem Stadionsprecher und seit mehr als 20 Jahren Turnierdirektor des Hallenturniers. „Der schluckt bei manchen Extra 3-Beiträgen aus dem Kreis und fragt, ob das denn wieder sein musste“, sagt Lange und versichert, der Kreis Pinneberg sei nicht häufiger im Fokus der Sendung als andere Orte in Deutschland.

Gern denkt Lange an seine Jugend in Pinneberg zurück. Wie er mit seiner Band, in der er sang, im ersten Tonstudio der Brüder Chris und Carol von Rautenkranz in einer Scheune am Peiner Hof in Prisdorf ein Demotape aufnahm. Die Rautenkranz-Brüder wurden später bedeutende Größen in der Musikszene und produzierten Bands der Hamburger Schule wie Blumfeld, Tocotronic oder Die Sterne. „Auf dem Abiball sind wir mit Jimsix dann das letzte Mal aufgetreten, bevor wir uns trennten“, sagt Lange.

Sowieso habe der Kreis Pinneberg trotz seines zweifelhaften Rufes auch immer wieder interessante Persönlichkeiten hervorgebracht. „Die Jungs von Fettes Brot zum Beispiel“, sagt Lange. Auf seiner Wunschgast-Liste stehen sie weit oben. „Sie haben auch schon zugesagt, bei Extra 3 aufzutreten, aber bislang konnten wir leider noch keinen Termin finden.“

Noch eine Erinnerung wird im Gespräch heraufbeschworen: Wie er mit seinem „total verrückten“ Schulkameraden Tim Mälzer Ravioli aus der Dose aß. „Ich hätte nie gedacht, dass der mal Koch wird“, sagt Lange. Vor drei Wochen haben sie sich bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises wiedergetroffen, wo beide ausgezeichnet worden sind: Mälzer für seine unterhaltsame Art zu kochen, das Team von Extra 3 für die beste Comedy.

1998 volontierte Lange beim Norddeutschen Rundfunk und arbeitete ab 2000 als freier TV-Journalist für das Politmagazin Panorama im Ersten und das Satiremagazin Extra 3 im NDR-Fernsehen. 2003 wurde Andreas Lange Redakteur von Extra 3, 2006 wechselte er als Redakteur zu Panorama. Im Jahr 2007 kehrte er zu Extra 3 zurück und leitet seitdem die Redaktion der Satiresendung.

„Wir beschäftigen uns mit den Verantwortlichen und wollen Missstände, die uns aufregen, mit den Mitteln der Comedy entlarven“, sagt er. Schadenfrohe, zweckfreie Häme ist dagegen nicht sein Ding. Das Magazin hat oft einen politischen Anspruch. Das Öffentlich-rechtliche habe schließlich einen Sendeauftrag, den es zu erfüllen gilt. „Es geht nicht darum, zu verhöhnen. Im Kern der Satire stehen der Journalismus und die Verantwortung, auf Missstände aufmerksam zu machen.“

Das passt naturgemäß nicht jedem. Nach dem Erdogan-Lied gab es sogar Morddrohungen gegen die Redakteure. Auch Themen zu Pegida und AfD würden scharfe Reaktionen von deren Anhängern hervorrufen. Einen regelrechten Aufschrei gab es aus dem rechten Spektrum, nachdem AfD-Politikerin Alice Weidel in einer Extra 3-Moderation als „Nazischlampe“ bezeichnet wurde.

Doch diese vermeintliche Beleidigung war eine satirische Reaktion auf Weidels Rede beim AfD-Parteitag in Köln, in der sie davon sprach, die politische Korrektheit „auf den Müllhaufen der Geschichte“ zu werfen. „Wenn es was zu kritisieren gibt, dann machen wir das auch deutlich“, sagt Lange. Das gehe nur auf Basis einwandfreier Fakten. Um sich nicht angreifbar zu machen, checkt sogar ein Dokumentarist die Sendungen auf Tatsachenbehauptungen. Weidel verlor den Rechtsstreit gegen Extra 3. Als Satire sei das von der Meinungsfreiheit gedeckt, entschied das Landgericht Hamburg.