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Elmshorn

Als der Vietnamkrieg Hannes Birke einholte

Hannes Birke im Alter von 28 Jahren als Sozialarbeiter im Kinderheim in Thu Doc bei Saigon mit zwei vietnamesischen Kollegen

Hannes Birke im Alter von 28 Jahren als Sozialarbeiter im Kinderheim in Thu Doc bei Saigon mit zwei vietnamesischen Kollegen

Foto: Repro: Burkhard Fuchs / Hannes Birke

Vor 50 Jahren am 31. Januar leitete die Tet-Offensive des Vietcong die Wende des Krieges ein. Elmshorner war damals in Saigon dabei.

Elmshorn.  Den Beginn des Angriffs hat er verpennt. „Steh‘ endlich auf, du verschläfst noch den ganzen Krieg“, versuchte sein Chef Klaus Grimme ihn am Morgen des 31. Januars 1968 zu wecken. Doch Hannes Birke, damals 28, wollte nicht aufstehen, war noch müde vom Feiern in der Nacht zuvor in Saigon, wo die Südvietnamesen ihr heiliges Neujahrsfest gefeiert haben, das sie Tet nennen.

Diese Nacht nutzte die von Nordvietnam unterstützte Befreiungsarmee, vom Westen Vietcong genannt, zu einem Generalangriff in dem vom Norden geteilten Süden des Landes, wo inzwischen eine halbe Million US-amerikanische Soldaten das wacklige Regime zu stützen und das Land zu befrieden versuchten. Die Tet-Offensive markierte die Wende im Vietnamkrieg (siehe Info-Kasten).

SPD-Kreis-Fraktionschef Birke (heute 78) aus Elmshorn hatte sich damals als Sozialpädagoge für zwei Jahre im Auftrag des Büros für internationale Solidarität verpflichtet, in einem Kinderheim in Thu Doc zu arbeiten, einem kleinen Vorort der südvietnamesischen Hauptstadt. Mit sechs anderen Deutschen betreute er dort 150 verwahrloste Straßenkinder und Jugendliche, die keine Familien hatten und von kleinen Diebstählen lebten.

Birke war nicht allein in Vietnam, das 1954 die Kolonialmacht Frankreich militärisch besiegte und 1975 endlich die von den Großmächten zugesagte Einheit erreichte, nachdem es 14 Jahre gegen die US-Präsenz kämpfen musste, die etwa drei Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Er hatte seine damalige Frau Katrin und ihre drei kleinen Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren mit nach Südostasien genommen.

Beide hatten in der Zeitung gelesen, dass das Lazarettschiff „Helgoland“ aufbrechen sollte, um im südchinesischen Meer Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Seine Frau, eine Kinderkrankenschwester, war gleich Feuer und Flamme. „Da fahre ich mit“, sagte sie Hannes. Doch der kam ihr zuvor und ließ sich 1966/67 in Paris, Le Mans und Bonn für den Einsatz ausbilden und vorbereiten, der im Juni 1967 begann.

Von den Kriegshandlungen bekamen sie anfangs kaum etwas mit, erinnert sich Birke. „Saigon galt als befriedet und gesichert.“ Es war meist ruhig. Der Krieg spielte sich im Norden ab.

Das änderte sich urplötzlich mit der Tet-Offensive vor genau 50 Jahren. 84.000 Guerillas griffen gleichzeitig 60 Städte an. Sogar die US-Botschaft in Saigon brachten sie zeitweise unter ihre Kontrolle. „Die US-Botschaft haben sie wieder befreit“, hörte Birke damals im Radio, als er dann am Morgen des 31. Januar aufgestanden war. „Unsere Meinung war: Reines Propaganda-Manöver, um die Weltöffentlichkeit wieder auf Vietnam aufmerksam zu machen und die Weltmeinung weiter gegen die Amerikaner aufzubringen.“ So steht es in Birkes Tagebuch, das er mit Beginn der Tet-Offensive jetzt täglich führte. Alle dachten, der Spuk sei bald wieder vorbei.

Doch die Kampfhandlungen dauerten an. „Die Amerikaner sind nicht Herr der Lage. In Saigon sind weiter schwere Kämpfe“, heißt es von ihm am 1. Februar 1968. Die Straßen sind leer gefegt, die Hauptstadt, in der sonst das Leben pulsierte, ist völlig abgeriegelt. Auch die Südvietnamesen sind geschockt, wirken apathisch, beobachtet Birke. Im Kinderheim haben sich die Kinder und Jugendlichen eingeschlossen und es sammeln sich bereits Flüchtlinge, die die Baracken für sicherer halten als ihre eigenen Häuser.

Die deutsche Botschaft ist alarmiert und rät ihnen, das Land zu verlassen. Am 5. Februar fliegt Birkes Frau Katrin mit den Kindern wieder nach Hause nach Deutschland. Einen Monat später wird auch Hannes Birke aus Sicherheitsgründen nach Hongkong ausgeflogen, von wo aus er zwei Monate später nach Saigon zurückkehrt. Doch auch der Mai 1968 ist geprägt von ständigen Unruhen, Gefechtsfeuerschüssen als Geräuschkulisse. In Saigon „spielen sich herbe Kämpfe ab“, notiert Birke am 6. Mai 1968. Ein Drittel der Häuser stehe in Flammen, der Flughafen sei zeitweise gesperrt, die Straßen unpassierbar. Arbeiten ist kaum noch möglich.

Die deutsche Gruppe diskutiert, ob sie bleiben oder fahren soll. Einige drängen zum Bleiben. So auch Birke, den „Abenteuerlust“ und das für damalige Verhältnisse ausgesprochen gute Gehalt von 4000 Mark im Monat lockt. Auch die Verantwortung für die Straßenkinder wollten sie nicht aufgeben.

Doch dann erlebt Birke seinen persönlichen Wendepunkt. „Saigon ist zum Kotzen“, schreibt er am 10. Mai in sein Tagebuch. Er trifft Kriegsreporter aus dem Westen, die ihn zu einem Reisfeld führen, wo scharf geschossen wird. „300 Meter weiter brennt ein Haus, heftiger Gefechtslärm und jede Menge Soldaten.“ Birke kann nicht erkennen, wo die US-Truppen und wo der Vietcong sind. „Da ging mir der Arsch auf Grundeis.“ Plötzlich war es ruhig und der US-Militärchef gibt mitten auf dem Schlachtfeld US-Reportern fleißig Fernsehinterviews. So wie es im Kinofilm „Apocalypse now“ ausführlich beschrieben ist. „Scheiß-Krieg“ hört Birke zum ersten Mal einen Amerikaner sagen.

Nun packt auch er die Koffer und reist Ende Juni nach nur einem Jahr aus Vietnam wieder ab. „Ich war unglaublich frustriert, als ich das Land verließ.“

25 Jahre später, 1992, besucht er erneut Vietnam. Das Kinderheim steht noch. Sogar die Gebäude, die die deutschen Aufbauhelfer geplant und gebaut haben, sind intakt. „Die Kinder waren aber immer noch in den alten Baracken untergebracht.“.