Pinneberg
Kummerfeld/Wedel

Kommt ein Pferd zur Heilpraktikerin...

Tierheilpraktikerin Susanne Woike prüft, ob sich die Akupunkturnadel bei Wallach Zissco schon herausziehen lässt

Tierheilpraktikerin Susanne Woike prüft, ob sich die Akupunkturnadel bei Wallach Zissco schon herausziehen lässt

Foto: Mirjam Rüscher / HA

Mit Blutegeln und Akupunktur behandelt Susanne Woike ihre Patienten – die sind Tiere. Neugier brachte sie zu dem Beruf.

Kummerfeld/Wedel.  Zissco steht mit leicht gesenktem Kopf in der Stallgasse. Der 23-jährige Fuchswallach lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Susanne Woike läuft um ihn herum. Sie tastet Zissco ab, horcht mit einem Stethoskop. Mit der Faust klopft sie leicht gegen die Stirn des Wallachs, um zu hören, wie verschleimt die Nebenhöhlen sind. Nach der Untersuchung beginnt Susanne Woike die Nadeln zu setzen.

Seit zwölf Jahren ist Woike Tierheilpraktikerin. Die 50-Jährige hat eine eigene Praxis in Kummerfeld. Dort lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und einer tierischen Großfamilie. An diesem Tag ist sie in Wedel auf dem Grevenhof zu Gast. Schon seit knapp zehn Jahren kommt Susanne Woike zu Anja Berdien und behandelt die Pferde und Hunde.

Zissco ist ein Lungenpatient. „Er hat eine chronische Bronchitis und allergene Reaktionen. Er hustet viel“, erklärt Woike. Er wird mit Akupunktur behandelt. „Wie lange die Nadeln drin bleiben, entscheidet der Körper selbst“, so die Tierheilpraktikerin. Die Nadeln müssten sich leicht ziehen lassen oder von allein herausfallen.

Pferde, Hunde und Katzen bilden ihre Schwerpunkt-Patienten. „In Ausnahmefällen behandele ich auch Schafe oder Kühe. Ich hatte auch schon ein Frettchen und ein Mini-Schwein“, sagt Woike. Ihre gefährlichsten Patienten seien aber immer Katzen: „Sie sind sehr schnell, da wird man schon mal gebissen oder gekratzt“, sagt Woike. Ab und zu tastet sie bei Zissco auf dem Rücken oder am Hals nach den Nadeln und prüft, ob sie sich ziehen lassen.

Das Woike einmal in diesem Beruf arbeiten würde – mit Blutegeln, Magnetfeldtherapie, Akupunktur und Co. –, damit hätte sie selbst nicht gerechnet. „Ich war 15 Jahre lang in einer Werbeagentur und hatte einen super Job, der viel Spaß gemacht hat“, so Woike. Sie wuchs mit Hunden, Katzen, Kaninchen, Wellensittichen und einem kleinen Hängebauchschwein auf. Die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin habe sie aus Neugier gemacht. „Aber sie hat mein Weltbild verschoben“, sagt Woike.

Manche Patienten begleitet sie ein ganzes Leben

Die Nadeln bei Zissco lassen sich nun problemlos entfernen. Der Wallach steht noch immer gelassen in der Stallgasse. Anja Berdien hat eine Solebox, in der Zissco regelmäßig inhaliert. „Ohne die Box und die Behandlungen müsste er dauerhaft Medikamente bekommen, damit er Luft bekommt“, so Woike.

Noch ein Klopfen für Zissco, dann geht es aus dem Stall ins Haus. Hier wartet Hundedame Shiva. Sie soll mittels Magnetfeldtherapie behandelt werden, doch Shiva ziert sich und will partout nicht Platz nehmen. Erst mit ihrem Spielzeug „Quietschi“ und Frauchens Hilfe gelingt es, Shiva auf die Matte zu setzen. „16 Minuten soll sie darauf liegen“, sagt Susanne Woike.

Die Matte auf der Shiva nun – wenn auch etwas zappelig – sitzt, ist ein pulsierendes Magnetfeld. „Dadurch wird die Wasserausscheidung unterstützt“, sagt Woike. Hündin Shiva hat Probleme mit dem Stoffwechsel und Übergewicht – trotz artgerechter Fütterung und viel Auslauf. Mehrere Operationen an Gelenken und am Kreuzband hat Shiva schon hinter sich. Unter anderem hat sie sieben Gold-Akupunktur-Implantate, die für eine gute Durchblutung sorgen sollen.

Woike untersucht beide Tiere regelmäßig. Manche Patienten begleite sie sogar von Geburt an und bis zum Tod. Sie stellt klar: „Ich ersetze den Tierarzt nicht. Schulmedizin und Naturheilkunde ergänzen sich.“ Shiva bekommt noch Akupunktur. Außerdem verschreibt Woike Brennnessel-Tee und Schüssler-Salze als Kur. „Mit unterstützenden Maßnahmen, wollen wir den Körper in die Lage versetzen, sich selbst zu helfen“, so Woike. Schwere Medikamente soll die Hündin nach Möglichkeit erst später bekommen. Immerhin ist Shiva erst fünf Jahre alt.

Woike hat ihr Hauptstudium an der Paracelsus Heilpraktikerschule in Hamburg gemacht. Darüber hinaus erwarb sie Zusatzqualifikationen in den Bereichen Akupunktur, Kinesiologie, Blutegeltherapie, Phytotherapie und Osteopathie und hat einen Reiki Meistergrad. Man lerne in der Ausbildung, das Tier als großes Ganzes zu betrachten. „Die wesentlichen Grundsätze der Naturheilkunde basieren auf dem Denkansatz: Entstören – Entgiften – Stimulieren.“

Bewährt habe sich diese Behandlungsform vor allem bei chronischen Erkrankungen wie Allergien, Hautveränderungen oder Asthma, bei akuten Erkrankungen oder bei der Unterstützung vor und nach operativen Eingriffen, erklärt die Tierheilpraktikerin.

Woike ist Mitglied im Verband Deutscher Tierheilpraktiker und setzt sich für die staatliche Anerkennung ihres Berufes ein. „Es ist keine geschützte Berufsbezeichnung“, so Woike. Jeder könne sich so nennen und die Ausbildungszeiten seien ganz unterschiedlich. „Ich habe bestimmt über sechs Jahre lang Kurse besucht, bevor ich richtig angefangen habe“, betont sie.

Nach einiger Zeit lassen sich auch bei der Hundedame die Nadeln problemlos ziehen. Woike packt alles in ihren Koffer. Sie krault Shiva noch einmal hinter den Ohren, schüttelt Anja Berdien die Hand, dann geht’s weiter zum nächsten Hausbesuch.