Pinneberg
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Wie Mama Afrika um ihr Waisenhaus kämpft

Gisela Schiffmann (r.) betreibt seit 2012 ein Waisenhaus in Tansania. Köchin Mama Alexi unterstützt sie

Gisela Schiffmann (r.) betreibt seit 2012 ein Waisenhaus in Tansania. Köchin Mama Alexi unterstützt sie

Foto: Verein Karibuni / HA

Existenz ist für zwei weitere Jahre gesichert, weil Pinneberger Schüler spenden. Kooperation mit Privatschule in Karatu wird Option.

Pinneberg/Nzega.  Manchmal fehlen Gisela Schiffmann kurz die Worte. Dann muss die 84 Jahre alte Pinnebergerin ein wenig „suchen“ – in ihrem Kopf. Denn in dem ist viel los. Diese Frau denkt, spricht und lebt dreisprachig. Kisuaheli, Englisch und Deutsch. Das muss auch so sein. Gisela Schiffmann verbringt viele Monate des Jahres in Tansania. Dort betreibt sie seit 2012 ein Waisenhaus, bietet zwölf heute acht bis 13 Jahre alten Kindern, die ihre Eltern an die Immunschwächekrankheit Aids verloren haben, ein Zuhause.

In Pinnebergs Straßen „Frau Schiffmann“, wird die 84-Jährige von ihren Schützlingen in Afrika nur Mama Gisela gerufen. An diesem Sonntag wird die ehemalige Buchhändlerin 85 Jahre alt. Ein Geschenk hat Schiffmann schon bekommen – von Schülern der Theodor-Heuss-Schule in Pinneberg. Mit Spendenläufen und Basaren sichern sie die Existenz des Waisenhauses, das jährlich 30.000 Euro verschlingt. „Für zwei weitere Jahre steht die Finanzierung nun“, sagt Mama Gisela. Und lächelt. „Toll, was die Schüler auf die Beine stellen.“

Rückblick: Es ist 2006, als Gisela Schiffmann alles zusammenklaubt, was sie an Ersparnissen angehäuft hat. Sie kauft ein baufälliges, rund 200 Quadratmeter großes Haus auf einem 5000 Quadratmeter großen Grundstück in einem ärmlichen Viertel der Stadt Karatu. In den folgenden Jahren wird am Rande des Ngorongoro-Kraters renoviert, was das Zeug hält.

Um die 100.000 Euro investiert die Pinnebergerin, die einen Teil ihrer Kindheit selbst in Tansania verbracht hat und die Liebe zum Land noch immer im Herzen trägt. Davon, die Lebenswirklichkeit in dem Land im Schatten des Kilimandscharo schönzufärben, ist sie dennoch weit entfernt. Korruption sei dort noch immer an der Tagesordnung. Zuweilen geht es nur mit Bestechung voran. „Mit der Ölkanne rumlaufen“, nennt Mama Gisela das.

Kinder würden in dem Land zu wenig wertgeschätzt. „Sie können oft froh sein, wenn sie ein Dach überm Kopf haben.“ Von Bildung ganz zu schweigen. Schiffmann will helfen. Etwas verändern, wenn auch nur im Kleinen. 2012 ist es dann soweit. Zwölf Jungen und Mädchen können in das renovierte Haus in Karatu einziehen. Ihre Namen lauten Albin, Maria oder Lazaro. Ihre Körper sind geschunden, sie tragen Ungeziefer mit sich herum. Doch das ändert sich schnell. Schiffmann schenkt den Waisen eine Familie und die verloren geglaubte Chance auf Bildung.

Dieser Tage, so Schiffmann, stünden Entwicklungshelfer vor neuen Hürden. Es sei offenkundig Ziel der neuen tansanischen Regierung, es Helfern immer schwerer zu machen. So würden neuerdings Papiere abgefordert, die nur gegen die Zahlung hoher Gebühren ausgehändigt werden. „Ich musste im Frühjahr 2017 nach Daressalam reisen, die auf fünf Jahre befristete Arbeitserlaubnis kostete mich 500 Dollar“, berichtet die Pinnebergerin, die Ende Januar wieder für drei Monate nach Afrika fliegt.

Dort erwartet sie ein Team, das sie sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Schiffmann beschäftigt Hausmutter Maria und eine Köchin, die von den Kindern Mama Alexi genannt wird. Mama Lucy erledigt die Wäsche. Gärtner Antoli und Nachtwächter Joseph packen auch mal an, wenn etwas repariert werden muss. Zudem hilft mit Annette Janssen eine Lehrerin aus Norderstedt, die einen Teil ihres Sabbatjahrs in Karatu verbringt, aus.

Und die Kinder? „Sie gedeihen prächtig“, antwortet Gisela Schiffmann. „Die Arbeit zahlt sich langsam aus, vor allem erziehen wir sie zu selbstständig denkenden, mündigen Menschen.“ Das liege nicht zuletzt an der Entscheidung, die zwölf Kinder auf eine Privatschule zu schicken. „Das Niveau ist dort wesentlich höher als auf den staatlichen Einrichtungen.“ In zwei Jahren werden die ersten der Waisen auf ein Internat wechseln. Dann ist die erste Generation auf dem Weg ins selbstbestimmte Leben, und es gäbe im Haus Platz für Neuankömmlinge.

An diesem Wochenende feiert Gisela Schiffmann in einem Rellinger Gasthaus ihren Geburtstag. Gäste wird sie aufrufen, für den Verein Karibuni zu spenden – so wie sie es immer tut. Und dann wird sich Pinnebergs Mama Afrika, auch so wird sie genannt, auf ihren 10.000 Kilometer langen Trip in den afrikanischen Osten vorbereiten. Wie oft sie den Flieger noch besteigen will? „So lange meine Gesundheit das zulässt“, antwortet Schiffmann. Dass für den Betrieb des Waisenhauses eine zukunftsträchtige Lösung gefunden werden muss, ist ihr klar. Diesmal will sie Gespräche mit einer deutschen Unternehmerin führen, die in der Nähe des Waisenhauses eine Privatschule eröffnet hat. Womöglich kann eine Kooperation den Weg in eine sichere Zukunft ebnen.

Bis dahin hofft Gisela Schiffmann auf Pinneberger, die Patenschaften für die Waisen in Tansania abschließen. Und auf Stiftungen, die das Projekt in Karatu unterstützen. Wie kürzlich, als 25.000 eingingen. „Mit dem Geld konnten wir die Küche aufwerten, das Dach erneuern und mehr Platz auf der Veranda schaffen“, freut sich Schiffmann. Auch neue Tanks, in denen lebenswichtiges Regenwasser aufgefangen wird, konnten angeschafft werden. Auf die Schüler der Theodor-Heuss-Schule kann sich Mama Gisela ohnehin verlassen. Sie haben mit ihren Aktionen schon mehr als 50.000 Euro eingespielt.