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Viele offene Fragen: Das Müll-Geschäft von Wedel

Michel Meißner, hier auf dem Firmengelände am Wedeler Kronskamp, bleibt auch nach dem Verkauf an die Remondis-Gruppe Geschäftsführer des Wedeler Entsorgers Optisys. Gegen ihn wird nicht ermittelt

Michel Meißner, hier auf dem Firmengelände am Wedeler Kronskamp, bleibt auch nach dem Verkauf an die Remondis-Gruppe Geschäftsführer des Wedeler Entsorgers Optisys. Gegen ihn wird nicht ermittelt

Foto: Burkhard Fuchs

Remondis übernimmt Optisys mit Sitz am Kronskamp. Standort ist umstritten. Und es laufen Ermittlungen gegen frühere Verantwortliche.

Wedel/Kreis Pinneberg.  Eine „Müll-Hochzeit“ im Kreis Pinneberg sorgt für Aufsehen. Zum neuen Jahr übernimmt Deutschlands größter Abfallkonzern, die Remondis GmbH Nord, das Unternehmen Optisys mit Sitz am Wedeler Kronskamp. Von dort aus steuert die 70 Mitarbeiter starke Optisys die Entsorgung von Altglas und Verpackungsmüll in 15 Kreisen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Der Standort mit der Adresse Kronskamp 101–107 ist umstritten. Lärm, Gestank, Rattenplage: Sowohl bei der Stadtverwaltung als auch bei der zuständigen Aufsichtsbehörde des Landes in Flintbek sind Beschwerden betroffener Anwohner eingegangen. „Nach akuten Beschwerden im Verlauf des Jahres war bei einer anschließenden Kontrolle des Geländes Rattenbefall festgestellt worden. Daraufhin wurde die Schädlingsbekämpfung angeordnet. Seitdem finden regelmäßige Bekämpfungsmaßnahmen statt, die dokumentiert und dem Ordnungsamt vorgelegt werden müssen“, sagt Stadtsprecher Sven Kamin.

Zudem unterstütze Wedel die Kontrollen des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). Bei der zuständigen Aufsichtsbehörde ist die Unternehmensakte dick. Seit mehr als zwölf Jahren bereitet der Wedeler Standort bei wechselnden Firmennamen Probleme, wie Sprecher Martin Schmidt auf Anfrage erläutert. Immer wieder würden bei Kontrollen Verstöße gegen die Auflagen festgestellt.

Etliche Vorwürfe

Unter anderem wurde die laut Betriebsgenehmigung erlaubte Menge an Müll, die dort gelagert werden darf, bis um ein Dreifaches überschritten. Das könnte vor allem bei einem Brand zum Problem werden. Aufgrund der Verstöße seien zahlreiche Strafen verhängt und sei auch die Kontrolldichte erhöht worden. Für einen Entzug der Genehmigung reichen die Vorwürfe allerdings nicht aus. Laut Gesetz müsste dazu eine erhebliche akute Gefährdung bestehen.

Das Wedeler Problem beschäftigt sogar die Staatsanwaltschaft Itzehoe. Wie Sprecher Peter Müller-Rakow bestätigt, läuft ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Verantwortliche der im Kronskamp ansässigen Firmengruppe – und zwar wegen unerlaubten Betreibens von Anlagen. In einem zweiten Verfahren „haben wir bereits im Juli 2017 Anklage beim Amtsgericht Pinneberg erhoben“, so Müller-Rakow weiter. Dort werden sich ebenfalls zwei der Geschäftsführer verantworten müssen – wegen gemeinschaftlicher Urkundenfälschung. Der Vorwurf: Die Firmen sollen sich bei Ausschreibungen mit einem Zertifikat beworben haben, das sich als Fälschung erwies.

Auch bei der für Korruptionsdelikte in ganz Schleswig-Holstein zuständigen Staatsanwaltschaft Lübeck befassen sich Ermittler mit dem Wedeler Firmenkonsortium. „Wir ermitteln wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung und wegen Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt“, bestätigt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. Die Vorwürfe würden aus dem Jahr 2015 datieren. Nach Abendblatt-Informationen geht es um die Insolvenz der Elbe Recycling GmbH, deren Firmenname noch immer an den Gebäuden am Kronskamp auftaucht.

Viele Vorwürfe, viele involvierte Behörden. Doch was sagen die Betreiber vor Ort dazu? Der heutige Optisys-Geschäftsführer Michel Meißner, gegen den kein Ermittlungsverfahren läuft, und der bis zum Verkauf an Remondis amtierende Gesellschafter Jan Stephan Bötel räumen ein, dass es in der Vergangenheit zu Beschwerden aufgrund von Müllbergen und Ratten gekommen sei. „Als das Unternehmen in den 50er-Jahren hier errichtet wurde, war das ein reines Gewerbegebiet“, so Meißner. Erst später seien Wohnhäuser, Einzelhandel und Autohäuser dazugekommen. Das vertrage sich nicht immer mit den „Müll“ von nebenan. Zu den Ermittlungsverfahren wollen sie nichts sagen. Die Optisys sei nicht betroffen, lassen sie wissen.

Ob sich durch die Übernahme etwas ändert? „Was Remondis mit dem Standort vorhat, wissen wir nicht. Das wird sich zeigen“, sagt Meißner. Laut Angaben von Bötel, der weiter als Berater für Optisys tätig ist, umfasst das bewirtschaftete Areal am Kronskamp 5700 Quadratmeter. Es bleibe im Besitz seiner Familie.

2018 übernimmt Optisys nach Angaben Meißners in einem Gebiet mit einer Million Menschen die Altglas- und Verpackungsmüllentsorgung, sammle dabei jeweils 25.000 Tonnen Müll ein. Dabei hat die Firma in Schleswig-Flensburg, Rendsburg-Eckernförde und Dithmarschen ausgerechnet dem neuen Eigentümer Remondis die Entsorgung der gelben Säcke für die Jahre 2018 bis 2020 abgejagt.

Kenner der Szene erwarten durch die Übernahme von Remondis eine reibungslosere Abfallentsorgung. Jens Ohde, Geschäftsführer der zu 51 Prozent kreiseigenen GAB, sagt: „Für die Bevölkerung des Kreises Pinneberg und die Branche ist das ein gutes Zeichen.“