Pinneberg
Adventskalender

Er ist 6000 Kilometer von der Heimat entfernt

Younis Watanyar mit Mathias Wittig, der sich jetzt ehrenamtlich um den blinden Afghanen kümmert

Younis Watanyar mit Mathias Wittig, der sich jetzt ehrenamtlich um den blinden Afghanen kümmert

Foto: Burkhard Fuchs / HA

Heute erzählt der Flüchtling Younis Watanyar, wie er ohne Augenlicht mit seinem kleinen Bruder aus Afghanistan nach Quickborn kam.

Jeden Erscheinungstag bis Weihnachten drucken wir ein Stück Weihnachtsgeschichte (nach dem Lukas-Evangelium) und lassen uns vom Text – oft ein bisschen um die Ecke gedacht – zu interessanten Gesprächspartnern leiten.

Allein schon ihre Flucht hört sich wie ein Wunder an. Aus einem kleinen Ort im Norden Afghanistans ist Younis Watanyar (29) vor zwei Jahren zu Fuß mit seinem jüngeren Bruder Yassin (18) weitgehend zu Fuß hierher geflüchtet. Dabei ist Younis blind. „Mein Bruder war mein Auge“, erzählt der Afghane, der jetzt in Quickborn lebt und sich praktisch selbst vom Hörensagen Deutsch beigebracht hat, weil er als nicht anerkannter Asylbewerber keinen Sprachkurs besuchen durfte.

Hier gab es ein Wiedersehen mit Bruder Yousuf (27). Der Rest der Familie ist weit verstreut, ein weiterer Bruder lebt in Russland, eine Schwester in Pakistan. Wo sich die Eltern sowie zwei Schwestern und ein Bruder zurzeit aufhalten, weiß er nicht. Von der Flucht hat er noch die Strapazen und schlimmen Erlebnisse in Erinnerung. In Pakistan sei er mit den Worten begrüßt worden: „Was willst du denn als Blinder hier. Es wäre besser für dich, wenn du tot bist.“

Das dachten sich vermutlich auch die Taliban, die das Einkaufszentrum, in dem sein Bruder Yousuf ein kleines Fotogeschäft hatte, in die Luft sprengten. Dabei habe er sein Augenlicht verloren, berichtet Younis. Jahrelang habe er nicht das Haus verlassen können, weil in seinem Heimatland Blinde nicht gefördert würden und nicht arbeiten dürften. Seine Arbeit als Mechaniker, er reparierte Lkw-Dieselmotoren, war er auch los.

Das ist in seiner neuen Wahlheimat ganz anders. Hier nahm sich Mathias Wittig dem jungen Afghanen an. Er holte den Bruder Yousuf aus Hamburg nach Quickborn, der eigentlich nach Berlin hätte abgeschoben werden sollen. Hier leben die drei jetzt in einer kleinen Wohnung in einem ehemaligen Kino und haben sich schnell eingelebt. Während Yassin zur Kreisberufsschule in Pinneberg geht, arbeitet Yousuf bereits in einem Handy-Shop in Hamburg.

Wittig, ehemaliger Qualitätsmanager von Airbus, hatte sich in der Hochphase der Flüchtlingskrise eine neue, sinnvolle Aufgabe gesucht. 2015, als fast 3300 Menschen aus den Bürgerkriegsländern in den Kreis geflüchtet sind und auch Quickborn jeden Monat 20 Flüchtlinge erreichten, wurde Wittig für zwei Jahre zum hauptamtlichen Flüchtlingsbeauftragten ernannt. „Ich betreute bis zu 400 Flüchtlinge und 170 ehrenamtliche Helfer. Als ehemaliger Manager habe ich zu organisieren gelernt.

Im Frühjahr sei dann sein Vertrag ausgelaufen. „Die Stadt wollte mich als Rentner nicht mehr weiterbeschäftigen.“ So kümmert er sich jetzt ehrenamtlich um die drei afghanischen Brüder. Auch Younis will endlich etwas tun. Wittig hat ihn zur sozialen Einrichtung „Dialog im Dunkeln“ vermittelt, die in Hamburg Gäste in dunklen Räumen von blinden Kellnern bedienen lässt. „Die würden ihn auch gern nehmen. Aber sein Deutsch ist noch nicht gut genug“, erklärt Wittig. Darum freut sich Younis, dass er jetzt als anerkannter Schwerstbehinderter Anfang 2018 endlich einen regulären Sprachkurs besuchen darf.

Sein Orientierungssinn sei phänomenal, sagt Wittig. „Er hat mich schon zu Hause in Quickborn-Heide besucht.“ Nur mit dem Blindenstock und dem sprachgesteuerten Navi auf dem Smartphone habe er sein Haus gefunden.

Für die drei muslimischen Brüder hat Weihnachten nicht diese Bedeutung wie für uns Christen. Gleichwohl organisierte Wittig immer im Januar ein großes interkulturelles und interreligiöses Neujahrsfest für die Flüchtlinge in Quickborn. 150 Leute kamen das letzte Mal.

„Ich fühle mich hier wohl“, sagt Younis. „Die Menschen sind sehr nett zu mir.“ Auch wenn sich seine Hoffnung, hier könnten Ärzte ihm das Augenlicht wieder zurückbringen, nicht erfüllte. Am liebsten möchte er wieder nach Hause, nach Afghanistan, endlich wissen, wo die Eltern und der Rest der Familie abgeblieben sind. „Das ist meine Heimat, da habe ich meine Freunde.“