Pinneberg
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Erinnerungen an Komponisten Viktor Suslin

Alexander Suslin (v.l.), Vladimir Botchkovskiy und Olga Dowbusch-Lubotsky spielten das Stück „Grenzübertritt“ von Viktor Suslin

Alexander Suslin (v.l.), Vladimir Botchkovskiy und Olga Dowbusch-Lubotsky spielten das Stück „Grenzübertritt“ von Viktor Suslin

Foto: Mirjam Rüscher / HA

Kritik der Woche: Andächtiges Konzert zum fünften Todestag des Komponisten mit Suslins Sohn Alexander in der Drostei.

Pinneberg.  Es ist ganz still im Raum. Man traut sich kaum zu atmen. Alexander Suslin hat sich allein mit seinem Kontrabass vor dem Publikum aufgestellt. Hochkonzentriert hält er sein Instrument und beginnt ihm leise Töne zu entlocken. Voller Hingabe streicht er mit dem Bogen über die Saiten. Die Töne sind so leise, dass sie beinahe vom Knacken des Holzfußbodens übertönt werden.

Erst nach und nach entfaltet sich der Klang im Saal der Drostei. Alexander Suslin ist versunken in seine Musik. Es wirkt fast, als würde er sein Instrument umarmen, während er die „Morgendämmerungsmusik“ spielt. Es ist wohl der bewegendste Moment dieses Abends: Alexander Suslin spielt die Komposition seines Vaters, die dieser ihm gewidmet hat.

Das Konzert zum fünften Todesjahr des Komponisten Viktor Suslin ist ein Abend voller Erinnerungen – an den Menschen Viktor Suslin und an seine Kompositionen. Seine Familie, einige Wegbegleiter wie die Komponistin Sofia Gubaidulina und andere Liebhaber seiner Musik sind in die Pinneberger Landdrostei gekommen, um des russischen Komponisten zu gedenken. Viktor Suslin war 1981 nach Deutschland emigriert und lebte zuletzt in Appen, wo er vor fünf Jahren im Alter von 70 Jahren gestorben ist.

Er selbst habe durch die Musik von Suslin eine völlig neue Klangwelt entdeckt, sagt Veranstalter Heiko Hiller. Einen Einblick in diese Klangwelten sollte das Konzert in der Drostei geben.

Statt mit einer Komposition von Suslin beginnt der Abend mit der „Trisonate Nr. 16 g-moll“ von Händel. Nach den eingängigen, schwermütigen barocken Klängen, könnte der Kontrast zu Suslins Werken kaum größer sein. Es braucht einige Minuten, um sich in die Musik von Viktor Suslin einzugewöhnen.

Einzelne Töne, beinahe abgehackt, spielt Irina Kolesnikowa am Klavier. Doch nach und nach beginnen die Dissonanzen sich aufzulösen, und das Klangerlebnis der beiden Klavierstücke – Tritonshorn und Wiegenlied für Venedig – entfaltet sich.

Es ist nicht der einzige Kontrast des Abends. Die Werke von Suslin sind eingerahmt von Händel und Bach zu hören. „Eingerahmt zwischen zwei großen Namen, das hätte ihm gefallen“, stellt Ulrike Patow in ihrer Gedenkrede zwischen den Werken fest. Die Geschäftsführerin des Musikverlags M.P. Belaieff lässt den Abend durch ihre Worte zu einer Reise in die Vergangenheit werden. Sie beschreibt Viktor Suslin als humorvollen, bescheidenen, aufmerksamen Menschen, bei dem alles tief durchdacht war.

Er habe die alten Meister verehrt. Seine Werke einzurahmen mit Stücken von Bach und Händel, erzeuge ein Spannungsfeld zwischen Barock und Moderne, das jedem seiner Werke zu eigen sei.

Tatsächlich macht gerade der Kontrast zwischen den Stücken den besonderen Reiz dieses Abends aus. Viktor Suslin mochte es unkonventionell, undogmatisch, das wird in jedem Stück deutlich.

Suslins „Grenzübertritt“ beschließt nach einem Stück von Bach den Abend. Die Musiker fahren mal mit Bedacht, mal beinahe wütend mit den Bögen über die Saiten ihrer Instrumente. Mal ist es melancholisch, mal voller Zuversicht, was dort zu hören ist. Exakt und synchron spielen Alexander Suslin, Vladimir Botchkovskiy und Olga Dowbusch-Lubotsky die letzten Töne des Abends. Das organisierte Klangchaos löst sich auf in einigen wenigen gezupften Tönen, dann ist das Stück zu Ende.

Viktor Suslin komponierte den „Grenzübertritt“ 1990. Für ihn, erklärt Ulrike Patow, war es der Übertritt ins 21. Jahrhundert. Und so hat man auch nach diesem letzten Stück das Gefühl, etwas wäre zu Ende gegangen.