Pinneberg
Selbstversuch

„Nicht so schüchtern, jeder kann malen“

Mouna Ramcke schult in Pinneberg regelmäßig auch Anfänger. Ob ihre These stimmt? Jürn-Jakob Oesterlin hat’s ausprobiert.

Da liegt sie nun, die leere Leinwand. 80 mal 60 Zentimeter. Im Atelier der Pinneberger Künstlerin Mouna Ramcke. Die sagt, dass bei ihr jeder malen lernen könne. Das wollen wir doch mal sehen. Der Proband: nach eigener Aussage vollkommen talentfrei.

Beim Betreten des Ateliers im Souterrain eines Mehrfamilienhauses im Pinneberger Quellental empfängt den Besucher ein Mix aus Wohnzimmer und Malerwerkstatt. Überall stehen und hängen Bilder, eine gemütliche Sitzecke lädt mehr zum Teetrinken denn zum Malen ein. Ramcke hat Musik aufgelegt. Mozart.

Schnell wird deutlich, welche Themen Mouna Ramcke besonders am Herzen liegen. Vor ein paar Jahren war sie für einen Kursus in Bangkok. „Die Lichter und die Skyline haben mich sehr fasziniert, aber ich war erschrocken, als ich mir vorstellte, wie viel Strom das alles verbraucht“, sagt sie. Auf einem Bild hat sie die Skyline Bangkoks festgehalten, als Mahnung für die Menschen. „Der Klimawandel ist gerade mein Thema“, sagt Ramcke. Sie hat schon viele Bilder dazu gemalt.

An diesem Tag soll ein weiteres entstehen. „Wir machen eine Collage“, sagt sie und zeigt auf einen Abendblatt-Artikel über die Weltklimakonferenz in Bonn. „Den kleben wir auf die Leinwand und malen dann drumherum“.

Künstlerin lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Pinneberg

Aber zuerst muss ein Entwurf her. Mit Bleistift werden die groben Umrisse der Weltkarte auf den Artikel gezeichnet. „Nicht so schüchtern“, sagt Ramcke beim Blick auf die äußerst zarten Zeichenversuche und wiederholt: „Jeder kann malen!“ Jeder bringe seinen eigenen Charakter aufs Papier. Die meisten Anfänger seien aber viel zu zurückhaltend. Also gut. Mit ein wenig Unterstützung durch sie ist die Weltkarte kurze Zeit später fertig. Anschließend werden die Umrisse mit Kohle verstärkt, „damit man sie später beim Malen noch erkennen kann“.

Aufgewachsen ist Ramcke in Paris und Toulouse, studiert hat sie in Southampton und Vancouver. Seit mehr als 30 Jahren lebt und arbeitet sie nun in der Stadt an der Pinnau.

Nun wird es ernst. Die Skizzen müssen auf die Leinwand gebracht werden. „Viele wissen gar nicht, wo sie auf der Leinwand anfangen sollen“, sagt Ramcke. Um den Einstieg zu erleichtern, hat sie das Bild in vier Abschnitte unterteilt. Jeden Abschnitt nimmt sie sich mir dem Schüler einzeln vor.

Zunächst aber wird der Abendblatt-Artikel mit Leim mittig auf die rechte Seite der Leinwand geklebt. So weit, so einfach. „Jetzt malen wir zunächst einen Himmel“, sagt Ramcke. Sie bevorzugt an diesem Tag Acrylfarben, „weil die sehr schnell trocknen“, wie sie sagt. Doch schon bei der Auswahl der richtigen Farben wird es kompliziert. In einem Regal stehen viele Flaschen.

Die Wahl fällt schließlich auf eine Mischung aus Meerblau und Lichtblau, dazu Weiß, um den Horizont erkennbar zu gestalten. „So bekommen wir Tiefe ins Bild“, erklärt Ramcke. Mit einem breiten Pinsel wird die Farbe über die halbe Leinwand verteilt. „Etwas mehr Wasser“, sagt sie, als der Himmel etwas zu dunkel zu werden droht. Die Wiese, die unter dem Himmel entstehen soll, wird mit grüner Farbe und einem Spachtel auf die Leinwand aufgetragen.

Nun folgt die andere Seite des Bildes. Über dem aufgeklebten Artikel soll der Himmel bedrohlich wirken, „als Zeichen für die Bedrohung durch den Klimawandel“, sagt Ramcke. Mit Rot, Violett und Gelb, mithilfe von Pinsel und Fingern nimmt der Himmel langsam Gestalt an. Entgegen der Erwartungen bringt das Gestalten der Leinwand viel Spaß. Mit jedem Pinselstrich steigt auch die Vorfreude auf das Endergebnis. Das Feuer, ein vernünftiges Ergebnis auf die Leinwand zu bringen, ist nun endgültig entfacht.

Der Boden, der die Zerstörung der Welt symbolisieren soll, wird mit Leim und Sand, den Ramcke aus Frankreich mitgebracht hat, auf die Leinwand gebracht. In der Mitte des Gemäldes erwächst ein Baum, der in beide Bildhälften hineinragt. Auf der einen grünt und blüht er noch in voller Pracht. Dort jedoch, wo der Artikel klebt, malen Lehrerin und Schüler ihn brennend mit zerstörten Ästen. „Ich möchte die Menschen mit meinen Bildern zum Nachdenken anregen“, sagt Ramcke, als beide das fertige Bild abschließend aus einiger Entfernung betrachten. Und wie hat der vermeintlich Untalentierte sich als Künstler geschlagen? „Ich bin mit dem Bild sehr zufrieden, es enthält eine Botschaft“, sagt Ramcke.

Auf dem Hemd, dass er als Schutz vor Farbspritzern übergezogen hat, ist auf dem Rücken ein Name eingestickt: Leonardo da Vinci. Nun, das ist vielleicht doch ein bisschen übertrieben.