Pinneberg
Schenefeld

Vom Kind getrennt und ins Gefängnis gesteckt

Anette Habel aus Schenefeld mit den Zeitungsausschnitten, die sich mit ihrer Festnahme im Jahr 1997 in New York befassen

Anette Habel aus Schenefeld mit den Zeitungsausschnitten, die sich mit ihrer Festnahme im Jahr 1997 in New York befassen

Foto: Arne Kolarczyk / HA

1997 wurde eine Schenefelderin in New York wegen angeblicher Kindesvernachlässigung verhaftet. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben.

Schenefeld/New York.  Es waren 36 Stunden. Quälend lange 36 Stunden, die Anette Habel in New York in Haft saß. Mit 40 Frauen in einer Zelle. Und nach ihrer Freilassung dauerte es noch mal mehr als 50 Stunden, ehe sie ihre kleine Tochter wieder in die Arme schließen konnte.

20 Jahre ist das her – und es lässt die Schenefelderin bis heute nicht los. „Es war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mich zu verhaften und von meinem Kind zu trennen. Ich hatte doch nichts verbrochen.“ Über ihre traumatischen Erlebnisse hat die Schenefelderin ein Buch geschrieben, das sie jetzt ins Englische übersetzen und in den USA herausbringen will.

Das Vergehen der jungen Mutter: Sie hatte an einem Sonnabendabend den Kinderwagen, in dem ihre damals 14 Monate alte Tochter Liv friedlich vor sich hin schlummerte, vor einem Café abgestellt, während sie drinnen – nur durch eine Glasscheibe getrennt – mit dem Vater des Kindes einen Kaffee trank. „Ich komme aus Dänemark, da ist das gang und gäbe“, sagt die Schauspielerin und Autorin, die mit dem Schenefelder Künstler Michael Habel verheiratet ist und seit 2003 in der Düpenaustadt lebt.

In den USA gilt ein solches Verhalten als Kindesvernachlässigung. So lautete jedenfalls der Vorwurf, den die Polizei Anette Habel machte. „Ich habe zwei Polizisten beim Kinderwagen stehen gesehen und bin rausgegangen. Dann wurden mir die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt, und ich wurde auf die Polizeiwache gefahren. Mein Kind musste ich zurücklassen“, erinnert sich die Schenefelderin, die damals in den USA eine Schauspielausbildung machte.

Auch auf der Wache habe niemand ihren Beteuerungen geglaubt, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handele. „Um 3 Uhr nachts wurde ich ins Gefängnis gebracht und kam in eine Zelle, in der schon 30 bis 40 Frauen saßen.“ Den Sonntag habe sie hinter Gittern verbracht, ehe es am Montagvormittag zu einer Anhörung durch einen Richter kam. „Niemand dort wusste, wo genau meine Tochter war“, sagt Anette Habel. Erst am späten Montagnachmittag sei sie wieder freigekommen.

Dass die Schenefelderin zwei Tage nach ihrer Freilassung ihre kleine Tochter wiederbekam, verdankte sie dem dänischen Generalkonsulat. „Ich bin da einen Tag nach meiner Freilassung hingefahren, und die haben sich sofort des Falles angenommen“, erinnert sich die Schenefelderin. Ihr sei ein kompetenter Anwalt zur Seite gestellt worden, und außerdem sei die Presse auf den Fall aufmerksam geworden. „Selbst auf CNN war das ein großes Thema.“

Am Mittwochnachmittag gab das amerikanische Jugendamt das Mädchen zurück in die Obhut der Mutter. „Eine Woche lang habe ich dann mehrfach Kontakt mit dem Jugendamt gehabt, dem ich beweisen musste, dass ich eine fürsorgliche Mutter war“, erinnert sich die Schenefelderin. In der Zwischenzeit habe sie vor dem Kriminalgericht erscheinen müssen, das die Anklage gegen sie fallengelassen hat. „Ich bekam meinen Pass zurück, bin dann sofort von Freunden zum Flughafen gefahren worden und habe mit meiner Tochter das Land verlassen.“

Mittlerweile ist Tochter Liv, die sich nicht an den damaligen Vorfall erinnern kann, 21 Jahre alt. Sie lebt in Kopenhagen und studiert in der Designschule. Ihre Mutter befasst sich auch heute mit dem Geschehen von damals. „Ich habe mir unmittelbar danach alles von der Seele geschrieben“, sagt sie. Jahre später nahm sie sich noch einmal die Notizen von damals vor und verarbeitete sie in einem Roman. „Das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann, ist, wenn man ihr das Kind wegnimmt.“ Das ist die Kernbotschaft. Geschrieben in ihrer Heimatsprache Dänisch, erschienen im Nachbarland 2012.

Dort war der Fall 1997 sehr groß in den Medien präsent – und auch in den Jahren danach noch so manches Mal Thema. Anette Habel hat mehrere Kartons voller Zeitungsausschnitte aufbewahrt. Und sie hat ein Ziel, das sie aktuell zu realisieren versucht. „Ich will, dass der Roman auf Englisch veröffentlicht wird – und zwar in den USA.“ Ein Vorhaben, das sich als nicht gerade einfach erweist. „Ich habe zwar eine gute Geschichte, aber einen einflussreichen Agenten und einen bekannten Namen habe ich nicht.“

Weil die Idee, das dänische Manuskript an amerikanische Verlage zu schicken, wenig erfolgversprechend erscheint, versucht Anette Habel derzeit, ihr Buchprojekt mithilfe eines Crowdfunding-Projektes zu realisieren. Sie sucht über die Internetplattform Kickstarter.
com Geldgeber, die Übersetzung ins Englische, Druck und Einband des Werks finanzieren. 22.000 Euro werden dafür gebraucht. Unterstützer können schon für wenige Euro mitmachen und erhalten im Regelfall ein fertiges Buch als Belohnung. 2000 Exemplare möchte die Schenefelderin drucken lassen. Bisher sind etwas mehr als zehn Prozent der benötigten Summe zusammengekommen.

Nach New York ist Anette Habel noch dem Vorfall noch mehrmals gereist. Über das dänische Konsulat verklagte sie den Staat New York wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. „Es gab zwei Verfahren, wir haben beide verloren.“ Auch mit ihrer Tochter hat sie die Stadt besucht, die für sie mit negativen Erinnerungen behaftet ist. „Wir sind gemeinsam anlässlich des 18. Geburtstages meiner Tochter rübergeflogen.“ Abschließen kann Anette Habel mit den Ereignissen nicht. „Ich wünsche mir so, eine Entschuldigung zu bekommen. Aber ich weiß, dass es nie dazu kommen wird.“