Pinneberg
Uetersen/Elmshorn

Angeklagter ohne Erinnerung, aber mit Vorstrafen

Statue der Justitia

Statue der Justitia

Foto: Michael Rauhe

Uetersener hatte zuvor schon 26 Mal mit der Justiz zu tun. Jetzt werden sechs weitere Anklagen gegen Alexander F. verhandelt.

Uetersen/Elmshorn.  Für Richterin Renate Päschke-Jensen ist der Angeklagte kein Unbekannter. „Wir kennen uns ja schon aus den anderen Verfahren“, begrüßte sie Alexander F., als der von zwei Justizbeamten in Handschellen in den Saal des Amtsgerichts Elmshorn geführt wird. 26 Mal hatte der Uetersener (32) zuvor mit der Justiz Kontakt. Seine Vorstrafenliste ist lang: Schwerer Raub, gefährliche Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hehlerei, Drogenverkauf ein Minderjährige – der in Kasachstan geborene Mann hat kaum etwas ausgelassen. Aktuell sitzt er mal wieder in der JVA Kiel eine Strafe ab.

Sechs neue Anklagen hatte Staatsanwalt Peter Müller-Rakow am ersten Verhandlungstag zu verlesen. Zwei davon betrafen 49 Graffiti-Schmierereien, die vom Ankläger als Sachbeschädigung gewertet werden. Demnach soll Alexander F. in Uetersen sowie Teilen von Tornesch mit schwarzer, roter, silberner und türkiser Sprühfarbe sein Unwesen getrieben haben. Schaufenster, Garagentore, Kleidercontainer, Transformatorenhäuschen und Stromkästen versah er mit seinen Erkennungszeichen – den Buchstabenkombinationen SKE, SERD und BZT. „SKE steht für Sicher kein Engel, SERD für Suchterkrankter Russischdenkender und BZT für Bis zum Tod“, so Müller-Rakow.

Verraten hatte das der Angeklagte selbst. Am 6. Juni fanden ihn Polizisten besinnungslos in seinem Zimmer in einer Uetersener Obdachlosenunterkunft. Die Wände waren voll von den Schriftzeichen, die Vorlagen und die Spraydosen lagen im Zimmer verstreut. Auf der Fahrt zur Polizeiwache wachte der 32-Jährige auf – und verriet den Beamten, dass SKE auch für „Sprühen, Klauen, Einbrechen“ steht. „Ich weiß von dem Abend gar nichts mehr, ich habe Alkohol und Drogen genommen.“

Angeklagte räumte Großteil der Schmierereien ein

Immerhin sah er sich in der Folge die Bilder der Schmierereien an – und bekannte sich in fast allen Fällen mit einem knappen Ja zur Urheberschaft. Keine Erinnerung hat Alexander F. auch an den 5. Oktober 2016, als er trotz Hausverbots die Nordoel-Tankstelle an der Reuterstraße betrat, zum Kühlregal wankte, drei Flaschen Bier im Wert von 4,48 Euro entnahm und ohne zu bezahlen wieder ging. Das zeichnete eine Videokamera auf.

Nicht erinnern kann sich der 32-Jährige auch an den 18. Februar 2017, als er bei Famila in Uetersen sechs Computerspiele im Wert von 389,94 Euro stahl. Polizisten erkannten ihn auf der Videoaufzeichnung wieder. „Das war wohl eine Vollrauschaktion“, so Alexander F., der zur Tatzeit fast zwei Promille aufwies.

Noch stärker alkoholisiert war der Angeklagte, als ihn Polizisten in Seestermühe aufgriffen. Zuvor soll er in eine Wohnung eingedrungen, die Bewohner mit dem Tode bedroht und im Anschluss eine Feier gesprengt haben, als er mit einer Flasche auf Gäste losging. Auch auf die Beamten ging Alexander F. laut Anklage los – verbal mit Beleidigungen und auch aktiv mit Tritten. „Ich weiß gar nichts, ich bin in der Zelle aufgewacht. Ich hatte Fußtritte am ganzen Körper, hab’ ganz schön was aufs Maul gekriegt“, so der Angeklagte, der zuvor zwei Tage lang mit Kumpels durchgefeiert haben will. Mehrere Stunden nach seiner Festnahme ergab ein Alko-Test 2,5 Promille.

Die letzte Anklage betrifft einen Vorfall in seiner Obdachlosenunterkunft, als der 32-Jährige auf einen Mitbewohner losgegangen sein soll. Der hatte 2,05 Promille, der Angeklagte 1,32 Promille. „Für ihre Verhältnisse ist das ja nicht viel“, so Richterin Päschke-Jensen. Alexander F. kann sich an diese Auseinandersetzung sogar erinnern, will sich nur eines Angriffs erwehrt haben. Der Prozess wird am 10. November fortgesetzt. Dann haben die Zeugen das Wort.