Pinneberg
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Ein Mädchen auf dem Sprung zum Tastenstar

Laetitia Hahn, 14, fasziniert  Publikum und Fachwelt als Ausnahmepianistin. Auch ihr Bruder Philip, 8, meistert bereits souverän die Klippen der  klassischen Klavierliteratur

Laetitia Hahn, 14, fasziniert Publikum und Fachwelt als Ausnahmepianistin. Auch ihr Bruder Philip, 8, meistert bereits souverän die Klippen der klassischen Klavierliteratur

Foto: Eike Pawelko / HA

Laetitia Hahn trat schon mit Lang Lang auf. Jetzt spielte das Ausnahmetalent spontan ein Konzert für Kinder in Pinneberg.

Pinneberg.  Druckvoll fegt Laetitia Hahn durch die musikalischen Haarnadelkurven der Klavieretüden von Franz Liszt. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und selbstbewusster Phrasierung nimmt die Pianistin vertrackteste Passagen, um im nächsten Moment Tempo und Kraft elegant zu drosseln. Dann perlt ihre Tastenkunst zart schimmernd, der schwarze Flügel scheint zu singen, bevor Hahn zum nächsten Höhenflug ansetzt. Mucksmäuschenstill lauscht das Publikum im voll besetzten Saal, feiert die Musikerin dann mit langem Applaus.

Ein ganz normales Klassikkonzert also, das da Sonntagnachmittag in Raum 347 der Musikschule Pinneberg die Wände wackeln ließ? Mitnichten. Denn im Saal saß nicht das übliche Publikum, sondern saßen vor allem Kinder. Und der souveräne Vollprofi an den Tasten ist eine Ausnahmeerscheinung. Mit ihren gerade mal 14 Jahren hat Laetitia Hahn Dutzende von Preisen und Stipendien gewonnen. Ihr Abitur wird sie 2018 machen, sie hat vier Schulklassen übersprungen, studiert bereits seit zwei Jahren parallel zur Oberstufe Musik in Zürich.

Die Wichtigste ihrer Auszeichnungen? Sie überlegt nur kurz: „Die Meisterstunden bei Lang Lang.“ Zweimal unterrichtete der chinesische Weltstar sie höchstpersönlich, trat 2015 gemeinsam mit ihr vor einem Millionenpublikum im chinesischen Fernsehen auf. Und weihte sie in die legendäre Schnellspieltechnik ein, die seinen Weltruhm begründete – und die auch Laetitias Spiel prägt. „Er ist für mich eine echte Inspiration“, sagt sie.

Der Auftritt in Pinneberg war ihre Idee

Nicht zuletzt dieser Begeisterung für ihren musikalischen Leitstern ist die denkwürdige Kinderkonzertstunde in Pinneberg zu verdanken. Laetitia bewarb sich mit der Idee eines Kinderkonzerts erfolgreich um die Eintrittskarte zu einem rein privaten Konzert, das Lang Lang in München geben wird. Pinneberg profitierte über persönliche Kontakte von dieser Idee. Für den Pinneberger Verein Little Opera, der musikalisch begabte Kinder fördert, hatte sie nämlich im vergangenen Sommer bereits Klavierkurse an der Sommerakademie gegeben. Über Facebook waren Pianistin Simone Anders, Leiterin der Konzertklasse bei Little Opera, und Laetitia einst in Verbindung gekommen.

Als Familie Hahn dann vor wenigen Tagen spontan bei Simone Anders anfragte, setzte diese gemeinsam mit der Musikschule alle Hebel in Bewegung. „Das ist eine tolle Gelegenheit für Kinder, eine so begabte Pianistin und klassische Musik hautnah und nicht, wie in einem großen Konzertsaal, aus der Ferne zu erleben“, sagte Anders.

Dass die junge Pianistin aus Meerbusch bei Düsseldorf aber mehr in diesen größeren Sälen und deren Akustik zu Hause ist, blitzte in den kraftvolleren Sequenzen ihres Spiels auf. Unter ihrem intensiven Anschlag verwischten in der Wohnzimmer-Akustik des relativ kleinen Raums gelegentlich die Grenzen zwischen besonders schnell gespielten Tönen.

Der Auftritt des jüngeren Bruders Philip (8) verstärkte den besonderen Charakter dieses Konzerts als Klassik-ereignis für eine kindliche Zielgruppe. Ebenfalls ein Ausnahmetalent an den Tasten, lieferte er vor dem Auftritt seiner Schwester eine solide Leistung ab. Selbst als eine Wäscheleine mit gezeichneten Kinderbildern sich geräuschvoll von ihrem Haken an der Wand löste und zu Boden glitt, ließ der Nachwuchspianist sich nicht aus der Ruhe bringen.

Bachs Französische Suite Nr. 2 c-moll zelebrierte er fast wie nebenbei, wirbelte im Anschluss lebendig durch das Allegro einer Haydn-Sonate. Damit der Junge in Anzug und Fliege mit seinen roten Turnschuhen die Pedale des Flügels überhaupt erreichen konnte, hatten die Veranstalter eigens eine entsprechende Vorrichtung angebracht.