Pinneberg
Prävention

Pinneberg und die Islamisten vor der Haustür

Ein Angeklagter sitzt im Landgericht in Hamburg beim Prozessauftakt gegen zwölf mutmaßliche Unterstützer des verbotenen Salafisten-Vereins Millatu Ibrahim im Gerichtssaal. Ein 32-Jähriger aus Pinneberg soll dabei als Rädelsführer aktiv gewesen sein

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance / Daniel Reinha

Ein Angeklagter sitzt im Landgericht in Hamburg beim Prozessauftakt gegen zwölf mutmaßliche Unterstützer des verbotenen Salafisten-Vereins Millatu Ibrahim im Gerichtssaal. Ein 32-Jähriger aus Pinneberg soll dabei als Rädelsführer aktiv gewesen sein

Städte im Kreis Hochburgen der salafistischen Szene. Elmshorner Moschee sollte unterwandert werden. Kreis setzt auf Netzwerkarbeit.

Kreis Pinneberg.  Sie treffen sich in Elmshorner Privatwohnungen. Sie finden sich zu kleinen Grüppchen vor Cafés in Pinnebergs City zusammen. Gebetet wird ein paar S-Bahnstationen weiter – in Hamburger Moscheen mit zweifelhaftem Ruf. Der Kreis Pinneberg hat ein Problem mit Islamisten vor der Haustür. Sie versuchen, regionale Moscheevereine zu unterwandern. Wie kürzlich in Elmshorn geschehen.

"Radikale wollten dort predigen, doch das verhinderte die Gemeinde selbst", weiß Tobias Meilicke. Er ist Islamwissenschaftler, Soziologe und ein wichtiger Partner von Jörn Folster vom Team Prävention und Jugendarbeit beim Kreis Pinneberg, der das Phänomen Salafismus ernst nimmt. Pinneberg, Elmshorn und Norderstedt seien Hochburgen von Islamisten im Land.

Denis Cuspert hat in Pinneberg missioniert

Überraschen sollte das niemanden mehr. Erinnert sei an den beim VfL Pinneberg spielenden Shahab Dashti, der 2010 im Ausbildungscamp der Taliban im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet von einer amerikanischen Drohne getötet wurde. Und an Harry M., den jungen Islamisten, der 2011 mit Drohungen gegen den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg für Aufregung sorgte. M. war wegen Unterstützung terroristischer Vereinigungen zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt worden. M. lebt heute in Neumünster. "Er tritt derzeit nicht offen radikal auf", sagt Meilicke, der M. im Auge hat.

Auch die Geschehnisse rund um die Al-Sunnah-Moschee in Pinnebergs Fußgängerzone dürften vielen noch präsent sein. Im Januar 2011 hatte der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert dort missioniert, schon damals ein Star der islamistischen Szene. Cuspert zog später als Abu Malik für den so genannten Islamischen Staat in den Krieg. An der Tür der nach kurzem Tohuwabohu geschlossenen Al-Sunnah-Moschee hatte ein Aufkleber der mittlerweile verbotenen Organisation "Die wahre Religion" geprangt. Aktuell steht mit Slim K. ein stadtbekannter Pinneberger Salafist in Hamburg vor Gericht. Er gilt als ein Rädelsführer der islamistischen Szene im nördlichsten Bundesland.

In Schleswig-Holstein gibt es 370 Salafismus-Anhänger

Versuche, eine Moschee für sich einzunehmen und den Raum für missionarische Ansprachen zu nutzen, hat es auch in Pinneberg gegeben. Meilicke setzt auf Selbstreinigung: "Hausverbote sind möglich", sagt er. Auch Telefonketten kämen zum Einsatz, wenn es etwa um Warnungen vor Radikalen auf Schulhöfen gehe.

Salafisten sind Verfechter eines rückständigen und ultrakonservativen Islam. Das Bundesinnenministerium bezeichnet sie als die "am schnellsten wachsende Form des Islamismus". Rund 370 Anhänger gebe es aktuell in Schleswig-Holstein, weiß Meilicke. Nicht alle seien gewaltbereit. "Etwa zehn Prozent davon dürften vom Verfassungsschutz als potenzielle Gefährder geführt werden."

Meilicke berichtet von versuchten Ausreisen aus der Region. 2016 sei es mehreren Islamisten gelungen, sich abzusetzen. Aktuellen Zahlen zufolge verließen seit 2013 mehr als 30 Menschen Schleswig-Holstein. "16 davon sind aktuell noch in Syrien oder dem Irak", so Meilicke.

Wie erkennt man religiöse Radikalisierung?

Woran aber erkennen Eltern, dass sich ihr Kind zunehmend religiös radikalisiert? "Das ist schwierig, häufig wird etwa die Abkehr vom Alkohol zunächst einmal als positives Signal aufgefasst", antwortet Meilicke. "Ein Alarmsignal ist es, wenn junge Menschen aufhören, Musik zu hören, und das als verboten bezeichnen." Auch der unter Salafisten übliche Sprachcode könne Hinweise liefern. Etwa Begriffe wie "Kuffar" für Anders- oder Ungläubige sollten hinterfragt werden. Spätestens wenn in den Familien missioniert werde (Papa, ich erzähle dir, wie der Islam richtig geht"), sei Obacht geboten. Alarmierte Angehörige könnten sich direkt an die Beratungsstelle Provention oder den Jugendschutz beim Kreis wenden. "Wir stellen nötige Kontakte dann her", so der dort verantwortliche Jörn Folster. In Konferenzen mit Experten würden die Fälle intensiv aufgearbeitet.

Radikalisierung finde weiterhin auch im Internet statt. Von Facebook und WhatsApp hätten sich Islamisten mittlerweile allerdings losgesagt, so Meilicke: "Es gibt Messengerdienste aus Russland, die bessere Verschlüsselung von versandten Nachrichten möglich machen", sagt der Islamwissenschaftler. "Da kommen dann nicht mal die amerikanischen Geheimdienste ran."

Eines steht für den Islamwissenschaftler fest: Der Prozess der Radikalisierung hat an Tempo zugelegt. "Wir sprechen von einem halben Jahr bis zur Ausreise", sagt er. Es seien oft sozial benachteiligte Menschen, die Islamisten ins Netz gingen. "Sie springen nicht auf Religion an, verstehen oft wenig vom Islam. Sie suchen Halt, Geborgenheit und Perspektive." Und Gemeinschaft in der Not. "Ist der Kühlschrank leer, wird er vom Bruder aufgefüllt."

Salafistische Moscheen gibt es derzeit im Kreis Pinneberg nicht. In Kiel, Lübeck und Neumünster schon. "Und eben in Hamburg", weiß Meilicke. Vieles spiele sich allerdings ohnehin im privaten Raum ab. Das mache es für den Verfassungsschutz zunehmend schwer. Aber er gehe davon aus, dass Gefährder in der Region beobachtet würden.

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