Pinneberg
Barmstedt

„Junge Menschen sollen auch abhängen dürfen“

Ingo Waschkau leitet seit 2005 den Kreisjugendring

Ingo Waschkau leitet seit 2005 den Kreisjugendring

Foto: Burkhard Fuchs

Kreisjugendring Pinneberg wird 70 Jahre alt. Heutzutage setzen sich die Verantwortlichen für mehr Freiraum für die Kinder ein.

Barmstedt.  Er ist Interessensvertretung, Sprachrohr, Anlaufpunkt und Organisationszentrum für alle Kinder und Jugendlichen im Kreis Pinneberg. Seit 70 Jahren kümmert sich der Kreisjugendring (KJR), der 1989 von Pinneberg in die Jugendbildungsstätte nach Barmstedt umgezogen ist, federführend um die aktive und politische Jugendarbeit. 66 Vereine mit 60.000 Mitgliedern gehören dem KJR an, der sein 70-jähriges Bestehen mit einem großen Spielefest am 10. September auf dem Gelände des Kreisfeuerwehverbandes in Tornesch feiert, der dieses Jahr 125 Jahre alt wird.

Der KJR, der 16 Mitarbeiter beschäftigt und vom Kreis Pinneberg jährlich mit 324.000 Euro finanziell unterstützt wird, ist eine Erfolgsgeschichte (siehe auch Infokasten). Es sei „heute wie vor 50 Jahren von hoher Priorität, jugendlichen Mitbürgern eine Perspektive für die Zukunft zu geben, das Gespräch mit ihnen zu führen, ihre Ideen, Forderungen und Anregungen in die Diskussion aufzunehmen“, würdigte der damalige Landtagspräsident Heinz-Werner Arens den KJR vor 20 Jahren zum 50-jährigen Bestehen die Arbeit des KJR. Diese Einschätzung gelte auch noch heute, betont Ingo Waschkau, seit 1989 beim KJR und seit 2005 dessen Geschäftsführer. „Wir sind parteipolitisch nicht festgelegt, verstehen uns aber als jugendpolitisch, indem wir Jugendlichen dazu verhelfen wollen, ihre Interessen wahrzunehmen. Dafür werden wir weiterhin laut sein.“

Engländer forderten Einstellung eines Jugendpflegers

Angefangen hatte es nicht ganz freiwillig. Die englische Besatzungsmacht forderte den Kreis Pinneberg 1946 auf, einen hauptamtlichen Jugendpfleger einzustellen. Victor Andersen übernahm diese Aufgabe und hatte sie bis 1972 inne. Die Anfänge waren schwierig, erinnerte sich der fast 90-Jährige kurz vor seinem Tod: „Es existierten keine Räume, es gab keinen Strom, keine Feuerung, keine Geräte, keine Transportmöglichkeiten – es war ein Trauerspiel.“ Doch auch dabei half die Besatzungsmacht ihm aus der Patsche. „Die Engländer haben für uns alles besorgt“, so Andersen weiter.

Und so konnten sich am 18. April 1947 die verschiedenen kirchlichen Gruppen, die Sportjugend, das Jugendrotkreuz, der Wanderbund, Pfadfinder, Falken, Gewerkschaft und die Klövermarker Mädchenspielgruppe zum Kreisjugendring zusammenschließen, der in den 1950er Jahren bereits 20.000 Mitglieder zählte.

Wichtigste Aufgabe in den Jahrzehnten danach sei es dann gewesen, dem KJR eine Bleibe, ein eigenes Zentrum für seine wichtige Aufgabe zu besorgen, beschrieb später der zweite Kreisjugendpfleger Alfred Fichte, der wie Andersen 25 Jahre im Amt bleiben sollte. Und dafür bot sich dann das Krankenhaus in Barmstedt an, das der Kreis 1983 stilllegen wollte. Für 1,5 Millionen Mark wurde es dann umgebaut und am 23. September 1989 eröffnet. Für den damaligen Landrat Winfried Hebisch sei dies „die bedeutendste Entscheidung seiner Amtszeit“ gewesen, würdigte später der amtierende Landrat Oliver Stolz das Vorgehen. Im Jahr 2012 wurde das Gebäude aus dem Jahr 1914 nochmals für 2,5 Millionen Euro saniert und renoviert.

Inhaltlich käme es heute vor allem darauf an, den Kindern und Jugendlichen angesichts von Ganztagsschule, Nachmittagsunterricht und voll ausgelastetem Freizeitprogramm wieder mehr Freiraum zu verschaffen, sagt der KJR-Geschäftsführer. „40 Stunden sind genug“, laute eine der Forderungen an Politik und Gesellschaft, Kinder und Jugendliche nicht länger in Schulen verweilen zu lassen als Erwachsene arbeiten müssten. „Unser Ziel ist es, dass junge Menschen bei uns etwas erleben und sich wohlfühlen können“, sagt Waschkau. „Aber bei aller Action und Programm sollen sie auch mal einfach nur abhängen können.“