Pinneberg
Serie Steinalt

Risse im Gemäuer, aber die Liebe zum Haus hält

Klaus Wilkens lebt schon sein ganzes Leben im ältesten Gebäude von Raa-Besenbek

Foto: Sarah Stolten

Klaus Wilkens lebt schon sein ganzes Leben im ältesten Gebäude von Raa-Besenbek

In unserer Serie stellen wir die ältesten Gebäude der Kommunen vor. Heute: das Anwesen der Familie Wilkens in Raa-Besenbek

Raa-Besenbek.  Klaus Wilkens kann sich noch genau an den Schicksalstag erinnern. Vor knapp fünfeinhalb Jahren ging der Eigentümer des ältesten Gebäudes von Raa-Besenbek seiner täglichen Arbeit auf dem Bauernhof nach. Wilkens war gerade dabei, den Heuwagen zurecht zu machen, als er sich verletzte. Und zwar so stark, dass der kleine Finger nur noch halb dran war.

"Die Ärzte haben erst noch versucht, ihn zu retten", sagt Wilkens. "Bei der siebten Operation wurde entschieden, den Finger ganz wegzunehmen." Seitdem lebt der Landwirt mit neun Fingern. "Im Prinzip hat sich nichts verändert, ich kann meine Hand ganz normal benutzen", sagt der Landwirt. Doch so ein Ereignis könne er nicht einfach vergessen.

Für den 61-Jährigen war der Unfall ausschlaggebend, dass er sich dazu entschieden hat, seinen Hof zu verpachten. "Ich war insgesamt vier Monate lang krankgeschrieben", so Wilkens. "Es war unheimlich schwierig, für diese Zeit eine Hilfskraft zu finden, die die Arbeit auf dem Hof während meiner Genesung erledigte." Früher habe er die Landwirtschaft zusammen mit seinen Eltern betrieben. 2008 verstarb jedoch Wilkens Vater. "Er hat immer voll mitgearbeitet." Nachdem auch die Mutter in ein Altersheim kam, wurde die Belastung für den Landwirt zu groß. "Peu à peu kam immer mehr Verantwortung dazu." Er habe zudem keinen Nachfolger, sagt der Junggeselle. "Mit mir wäre der Hof so oder so weg."

Jetzt arbeitet Wilkens für seinen Pächter. Ein Glück. Etwas anderes als Landwirt zu sein, könne er sich auch nicht vorstellen. Er ist auf dem Hof groß geworden. Schon als kleiner Junge hat er das Vieh gemolken. Über 30 Milchkühe hatten die Wilkens auf ihrem landwirtschaftlichen Betrieb in dem Dorf mit 540 Einwohnern. "Mir wurde die Arbeit quasi in die Wiege gelegt", sagt der Landwirt. "Zum Hof und den Tieren hatte ich schon immer eine enge Bindung."

Klaus Wilkens lebt weiterhin auf dem Hof. Das Wohnhaus hat fünf Räume. Von einem zum anderen Giebel sind es 30 Meter, vom Boden bis zur Decke sind es dreieinhalb. "Ich habe mir durchaus schon überlegt, das Haus zu verkaufen und in ein kleineres zu ziehen", sagt er. "Die Frage ist: Möchte ich allein ein riesiges Haus unterhalten oder mich im Alter auf das Nötigste beschränken." Bis jetzt hat sich Klaus Wilkens für ein Leben in seinem Elternhaus entschieden. "Alles hat seine Vor- und Nachteile."

Doch das Gebäude ist marode. "Im Prinzip ist das Haus im Zustand wie vor 60 Jahren", sagt er. Risse zieren das Mauerwerk, das Dach ist baufällig, der hintere Teil des Hauses sackt ab. Laut Aussagen des Eigentümers ist das Gebäude nicht gerahmt und hat kaum Fundamente. Die einzige Veränderung, an die sich Wilkens erinnern kann: Der schiefe Schornstein wurde entfernt und über der Diele ein Heizraum gebaut.

"Meistens", sagt Wilkens, "wenn junge Leute ein Haus erben, renovieren sie es und stecken viel Geld rein. Ich kann das nicht." Mit Rissen in den Wänden könne er auch noch weitere 30 Jahre leben. "Ein Käufer aber wohl nicht."

Das Gebäude wurde vor dem Dreißigjährigen Krieg gebaut

Wann genau Raa-Besenbeks älteste Gebäude gebaut worden ist, weiß der Eigentümer nicht. In der Schule hat der Landwirt aber einiges Interessantes über sein Elternhaus erfahren. Er habe gelernt, dass das Gebäude vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) gebaut worden sein muss, so der Eigentümer.

Die Erklärung liefert er gleich hinterher: "Im Krieg wurden die Häuser beschossen. Die danach folgenden Reetdachhäuser sind mit der Giebelseite zur Dorfstraße hin gebaut worden." So sei die Angriffsfläche kleiner gewesen. Sein Haus steht noch mit der breiten Dachseite zur Straße. Vier Häuser seien in Raa-Besenbek aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg übrig geblieben, so Wilkens. "Die sind aber mittlerweile abgebrannt." Damit solche Vorfälle rechtzeitig verhindert werden können, übt die örtliche Feuerwehr Einsätze an alten Häusern. So auch am Gebäude von Wilkens, das noch ein Reetdach hat. "Die Feuerwehr hat laufend Übungsobjekte im Dorf ausgesucht." Wie passend, dass Wilkens selbst Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr vor Ort ist.

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