Pinneberg
Menschenrecht

Amnesty International in Pinneberg droht das Aus

Foto: Andreas Daebeler / HA

Trotz mehrfacher Aufrufe fehlen der Pinneberger Ortsgruppe von Amnesty International junge Mitstreiter. Nach 45 Jahren droht das Aus.

Pinneberg.  Wenn Jürgen Ohlert die Stufen im Pinneberger Gemeindehaus erklimmt, dauert das etwas länger. Der Körper spielt nicht mehr mit. Ohlert plagt sich trotzdem hoch. Ins spärlich eingerichtete Versammlungszimmer, in dem es etwas muffig riecht. Der 79-Jährige ist einer der letzten Kämpfer fürs Menschenrecht in Pinneberg. So etwas wie das Gesicht der Ortsgruppe von Amnesty International. Kein junges Gesicht. Das sucht man an diesem Dienstag vergeblich. „Wir sind ein Rentnerclub“, räumt Ohlert ein.

Ein kleiner Club ist es noch dazu. Gerade mal sieben Aufrechte kommen zu den Treffen im Gemeindehaus an der Bahnhofstraße. „Unsere Zeit ist nur noch begrenzt, da muss man sich nichts vormachen“, sagt Ohlerts Mitstreiter Arno Kipp. „Wir können die Gruppe auf Dauer nicht am Leben erhalten.“ Amnesty in Pinneberg droht das Aus. Dabei gibt es für Menschenrechtler reichlich zu tun. Und das nicht mehr nur im fernen Ausland, wie Elke Leipold betont. „Flüchtlingsunterkünfte brennen, wenig wird aufgearbeitet.“ Verfolgung und Unrecht hätten Konjunktur. Die Pinneberger haben reagiert. Setzten sie sich in der Vergangenheit vor allem für der Folter ausgesetzte Inhaftierte im Ausland ein, wird aktuell gegen Rassismus hierzulande vorgegangen.

Und der Kampf fürs Menschenrecht hat Tradition in der Kreisstadt. Zehn Gründungsmitglieder hatten die Gruppe im Frühjahr 1972 initiiert. In der Folge war sie schnell gewachsen. In den 1970ern war politisches Engagement gefragter als heute. Der heute 71-jährige Arno Kipp kann sich gut daran erinnern, dass es in Pinneberg eine lebendige Protestszene gab. Auch Ohlert war damals schon aktiv. Er gilt als Bewahrer der Historie des Ortsvereins, hat jede Menge Fotos aus den vergangenen 45 Jahren zusammengetragen.

Ohlert erinnert sich gern an die legendären Bring- und Kaufpartys, die zur Finanzierung der Arbeit der Pinneberger Menschenrechtler beitrugen. Und an den elf Jahre währenden Kampf für den Juristen Orton Chirwa aus Malawi, der aus politischen Gründen 1981 verhaftet und 1992 im Gefängnis verstorben war. Chirwas Frau Vera, die ebenfalls in den Knast gesteckt worden war, kam 1993 frei. Ohlert hatte Gelegenheit, sie zu treffen. Das bewegt ihn heute noch. Wenn der 79-Jährige aus jenen Zeiten erzählt, werden ihm schon mal die Augen feucht.

Der 40. Geburtstag der ersten Amnesty-Gruppe im Kreis Pinneberg war 2012 gefeiert worden. In der Hoffnung, Nachwuchs für die Arbeit der Menschenrechtler zu begeistern – das misslang. Ein weiterer öffentlicher Appell im Frühjahr 2016 zeitigte ebenfalls keinen Erfolg. Auch die Kollegen in Elmshorn, wo es eine weitere Ortsgruppe gibt, kämpfen seit Jahren um die Existenz. Der Einsatz fürs Menschenrecht scheint aus der Mode gekommen.

Um daran etwas zu ändern, bedürfte es verstärkten Engagements in den neuen Medien. Doch wer bei Diensten wie Twitter und Facebook nach Pinnebergs Amnesty-Gruppe schaut, der sucht vergeblich. Nur einen spärliche Internetauftritt gibt es. „Mehr können wird nicht leisten“, sagt Elke Leipold. Nur zu gern hätte sie einen Mitstreiter, dem die Pflege der neuen Verbreitungskanäle leicht von der Hand geht. „Die Lehrer an den Schulen zeigen wenig Engagement, den Schülern die Arbeit von Amnesty näherzubringen“,. sagt Ohlert. Zudem sei das Freizeitangebot für junge Menschen heutzutage erdrückend.

Wer Pinnebergs Menschenrechtler unterstützen will, der kann am Sonntag, 19. Februar, ab 17 Uhr zu einem Gitarrenkonzert mit Katharina und Klaus Hempel in Pinnebergs Christuskirche an der Bahnhofstraße kommen. Oder einfach mal zu einem der Amnesty-Treffen im Gemeindehaus. An diesem Dienstag ist es ab 18 Uhr wieder soweit. Es sind nur ein paar Stufen hinauf .